Calmund im 0:6-Interview Breitseite gegen DFB-Stars und ein Rat für Jogi

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Immer noch gut vernetzt: Reiner Calmund beim Interview-Termin mit EXPRESS in Köln.

Köln – Das deutsche Länderspiel-Debakel in Sevilla beschäftigt die Fußball-Fans und -Experten. Ist Joachim Löw (60) noch als Bundestrainer zu halten? Was sagt dieses Fiasko mit Blick auf die EM 2021 aus? Können die vor anderthalb Jahren aussortierten Thomas Müller (31), Mats Hummels (31) und Jerome Boateng (32) der Mannschaft helfen? EXPRESS sprach mit Fußball-Legende Reiner Calmund (71) über diese Fragen.

Wie konnte das historische 0:6 gegen Spanien nur passieren?

Keiner unserer Spieler hatte auch nur annähernd Normalform. 70:30 Prozent Ballbesitz und 23:2-Torschüsse für die Spanier sind ein eindeutiger Beleg, dass das 0:6 verdient war. Keine Einstellung zum Spiel, keine Ordnung, keine Aggressivität, keine Zweikampfstärke – ob am Boden oder in der Luft. Einfach katastrophal. Kein effektives Umschaltspiel, kein Tempo. Das war Schlafwagenfußball erster Klasse. Es war ein Satz mit X – gar nix.

Fehlen der Mannschaft die Anführer?

Natürlich haben Kai Havertz und vor allem Joshua Kimmich gefehlt. Dennoch waren beim Anstoß mit Manuel Neuer, Niklas Süle, Leon Goretzka, Serge Gnaby und Leroy Sané fünf absolute Leistungsträger vom Champions-League-Sieger Bayern München auf dem Platz. Zusätzlich habe ich auch noch Timo Werner, Ilkay Gündogan, Matthias Ginter und Toni Kroos, eigentlich etablierte Stars der Nationalmannschaft, erkannt – aber nur am Gesicht und an den Rückennummern und den Namen auf den Trikots.

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Reiner Calmund blätterte angesichts der aktuellen Probleme in seinen Kolumnen zur WM 2014 und fand erstaunliche Parallelen.

Haben vielleicht einige Spieler das Spiel nicht ernst genommen? Es ging ja nur um die Nations League.

Für mich ist die Nations League ein großer Fehler der UEFA. Ich habe wie viele andere Protagonisten aus dem Profi-Fußball den Eindruck, dass es bei diesem Wettbewerb mal wieder nur um zusätzliche Einnahmen geht. Die WM und EM und die Vereins-Wettbewerbe in Champions und Europa League sollten reichen. Nicht nur wegen der Kohle, sondern vor allem wegen der Belastung der Spieler. Trotzdem ist eine harte Kritik für unser Nationalteam angebracht. Letztlich ging es bei dem Spiel gegen Spanien auch darum, ein gutes Vorbereitungsspiel für die EM zu bestreiten.

Droht uns nach diesem Desaster bei der EM nicht direkt das Vorrunden-Aus?

Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Mannschaft bei der EM eine sehr gute Rolle spielen wird. Natürlich braucht man da auch das Quäntchen Glück für das Erreichen der K.o.-Runde, zumal Deutschland eine Gruppe mit dem amtierenden Europameister Portugal und Weltmeister Frankreich spielen muss.

Ist es denkbar, dass einige Spieler oder sogar die ganze Mannschaft gegen Joachim Löw gespielt hat?

Nein, das halte ich für absolut ausgeschlossen. Jogi wird aus meiner Erfahrung von allen Spielern und Funktionären als Fachmann und auch als Mensch sehr geschätzt. Er ist sicherlich der dienstälteste Nationaltrainer aber auch mit Abstand der erfolgreichste auf dem weltweiten Markt.

Trauen Sie Löw noch zu, dass er das DFB-Team wieder in die Spur bringt?

Jogi Löw hat eine gigantisch gute Bilanz in seiner Amtszeit als Bundestrainer vorzuweisen. Abgesehen von der katastrophalen WM 2018 in Russland hat er unser Nationalteam bei drei WMs und drei EMs zumindest ins Halbfinale geführt. Davon können die größten und erfolgreichsten Nationalverbände nur träumen.

Wer wäre denn ein geeigneter Nachfolger für Löw? Es werden Namen wie Jürgen Klopp, Hansi Flick, Ralf Rangnick, Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann gehandelt.

Das sind alles erstklassige Kandidaten, denen ich das Bundestrainer-Amt auch zutrauen würde. Allerdings kann und werde ich diese Frage nicht beantworten. Bis auf Ralf Rangnick stehen alle genannten Trainer unter Vertrag, und auch Jogi Löw hat noch einen längeren Vertrag. Ich gehe davon aus, dass Jogi, wie immer nach einem großen Turnier, nach der EM eine sportliche Bilanz zieht. Dabei schließt er sich, seine Aufgaben, Ergebnisse und Leistungen immer mit ein.

Müller, Hummels und Boateng zurückholen – aber ohne Freifahrtschein

Sollte Löw die von ihm Aussortierten Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng jetzt zurückholen?

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Jogi hat alles, was derzeit Rang und Namen hat in seinem Kader – bis auf diese drei Spieler. Ich würde dem Bundestrainer empfehlen, zum Jahresbeginn in aller Ruhe die Situation mit Müller, Hummels und Boateng zu besprechen. Ich habe Oliver Bierhoff bereits im persönlichen Gespräch gesagt, dass wir vor allem noch zwei erfahrene und schnelle Abwehrstrategen benötigen. Ich schätze die drei Spieler sehr. Wenn sie beim Gespräch mit Jogi einen ähnlichen Standpunkt wie 2014 Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Miroslav Klose einnehmen könnten, sehe ich gute Chancen, dass Jogi zwei oder drei von ihnen auch nominieren würde. Obwohl 2014 jeder aus diesem genannten Quartett eine Bilanz von stellenweise über 100 Länderspielen vorzuweisen hatte, waren sie sich nicht zu schade, teilweise auch von der Bank die jungen Spieler anzufeuern. Das war für mich perfekter Teamgeist und sehr wichtig für den WM-Erfolg in Brasilien. Also: Zurückholen ja, aber mit der klaren Ansage, dass sie keinen Freifahrtschein in die Startelf besitzen.

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