Lars-Wilhelm Baumgarten hat namhaften Bundesliga-Profis über Jahre zur Seite gestanden. Nun schrieb er einen Roman mit einem Helden, dessen Karrierestart ähnlich steil verläuft wie der von Kölns Said El Mala.
„Brighton ist ein kluger Verein“Ex-Spielerberater mit Rat für El Mala und den FC

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Said El Mala spielt seine erste Saison für den 1. FC Köln – und womöglich bereits seine letzte. Das Interesse an dem Spieler ist groß.

Lars-Wilhelm Baumgarten zählte als Spielerberater zu den Branchenführern, betreute Klienten wie etwa die Ex-Bundesliga-Profis Simon Rolfes, Nils Petersen oder Vedad Ibisevic.
Jetzt hat der 54-Jährige einen Roman geschrieben: „Tore des Lebens“ lässt hinter die Kulissen des Fußballgeschäfts blicken. Ein Gespräch mit EXPRESS.de über Gefahren für gehypte Jungstars – und den Fall Said El Mala vom 1. FC Köln.
Ex-Spielerberater Baumgarten: „Ein Transfer ist keine Trophäe“
Said El Mala wurde im Alter von 17 Jahren vom 1. FC Köln verpflichtet, brillierte in der 3. Liga und überragt auch heute in der Bundesliga (10 Tore/4 Vorlagen). Mit 19 steht er vor einem Mega-Transfer nach Brighton. Klingt das für Sie wie ein Kapitel aus Ihrem Roman?
Lars-Wilhelm Baumgarten: Ja, absolut. Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Prüfung. Der äußere Aufstieg verläuft oft schneller als die innere Reifung. So ist es auch bei meiner Romanfigur Sven Schütze, der mit ganz ähnlichen Fragen konfrontiert wird. Mich interessiert an solchen Karrieren seit jeher mehr als Talent, Tempo und Marktwert – mich interessiert die Frage, was mit einem jungen Menschen geschieht, wenn plötzlich Erwartungen, Aufmerksamkeit und Möglichkeiten mit voller Wucht auf ihn zukommen. Bei Said El Mala sieht man gerade diesen besonderen Moment. Aus einem Talent wird eine Projektionsfläche. Fans, Medien, Klubs, Berater, Familie und Markt blicken plötzlich auf denselben jungen Menschen. Ab diesem Punkt geht es um weit mehr als Fußball. Es geht um Führung, um Klarheit und darum, bei sich zu bleiben. Großes Talent öffnet Türen. Große Reife entscheidet, durch welche Tür ein Mensch geht.
In ihrem Roman warnen Sie davor, dass ein zu früher Wechsel zu einem Weltverein Karrieren zerstören kann. Ist Brighton deshalb für einen 19-jährigen Bundesliga-Spieler der richtige nächste Schritt?
Baumgarten: Brighton ist für mich ein sehr kluger und moderner Klub mit einem klaren Entwicklungsansatz – kein Weltklub wie in meinem Roman. Gerade deshalb muss man bei dieser Frage sehr genau hinschauen. Ein Wechsel lebt nie vom Namen allein. Er lebt vom Plan. Entscheidend ist, ob der nächste Schritt wirklich zur Entwicklung des Spielers passt. Welche Rolle ist vorgesehen? Welche Spielzeit bekommt er? Welcher Trainer begleitet ihn? Welche Geduld trägt ihn durch die erste Delle? Welche Idee hat der Klub wirklich für diesen Spieler? Für einen 19-Jährigen zählt vor allem eines: der richtige Lernraum. Größe entsteht selten durch Tempo allein. Größe entsteht dort, wo Entwicklung, Vertrauen und Verantwortung zusammenkommen. Ein Transfer ist keine Trophäe. Entscheidend ist, ob er der richtige Schritt zur richtigen Zeit ist.

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Lars-Wilhelm Baumgarten stellt auf der Leipziger Buchmesse seinen Roman „Tore des Lebens“ vor.
Ihr tragischer Roman-Held ist 1980 geboren, wird Profi in den 90ern. Wie anders ist es heute? Was prasselt auf erfolgreiche Jungstars in Zeiten von Social Media und noch einmal höheren Millionengehältern ein?
Baumgarten: Heute ist alles schneller, öffentlicher und psychologisch intensiver. Früher kam der Druck aus dem Stadion, aus der Kabine und aus der Zeitung am Morgen. Heute begleitet er den jungen Spieler rund um die Uhr auf dem Bildschirm. Jede Geste bekommt Bedeutung. Jede Phase wird kommentiert. Jede Unsicherheit findet Resonanz. Der Spieler lebt längst auf zwei Bühnen zugleich: auf dem Platz und im digitalen Spiegel. Dazu kommt eine wirtschaftliche Dimension, die junge Menschen sehr früh in große Räume zieht. Verträge, Rechte, Vermarktung, internationale Interessen, öffentliche Bilder. Das alles verlangt viel früher eine stabile Persönlichkeit. Darum wird die Gesamtpersönlichkeit des Sportlers immer wichtiger. Der Körper gewinnt Spiele. Der Geist gewinnt Titel. Doch die Seele entscheidet, ob ein Mensch im Licht bleibt, wenn der Druck steigt.
„Eltern können eine starke Rolle spielen“
El Mala hat sich von seinem Berater getrennt, jetzt verhandeln die Eltern. Sie beschreiben im Buch, wie überforderte Umfelder Talente in falsche Entscheidungen treiben können. Wie bewerten Sie das?
Baumgarten: Eltern bringen oft das Wertvollste mit: Nähe, Liebe und echte Sorge um den Menschen. Gerade deshalb können sie eine wichtige Rolle spielen. Zugleich verlangt der Spitzenfußball ein hohes Maß an Klarheit, Distanz und Professionalität. Ein junger Spieler braucht Schutz und Struktur. Er braucht Wärme und Urteilskraft. Er braucht Menschen, die ihn sehen, und Menschen, die den Markt durchschauen. Sobald Eltern verhandeln, tragen sie zwei Rollen zugleich: Herz und Entscheidung. Genau darin liegt die Herausforderung. Diese Aufgabe gelingt dann, wenn um die Familie herum Kompetenz, Erfahrung und strategische Ruhe entstehen. Liebe gibt Halt. Struktur gibt Richtung. In meinem Roman geht es genau um diese Fallen: dass junge Fußballer nicht an ihrem Talent scheitern, sondern an den falschen Kräften um sie herum.

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Sabrina und Mohammed, Eltern von FC-Star Said El Mala, verfolgen die Geschicke ihres Sohnes im Rhein-Energie-Stadion.
Können Eltern – egal wie gut gemeint – die Berater-Rolle überhaupt übernehmen, oder brauchen auch sie im Milliardenbusiness professionelle Unterstützung? Ist der Fall Florian Wirtz womöglich ein gutes Beispiel?
Baumgarten: Eltern können eine starke Rolle spielen, wenn sie Klarheit, Disziplin und Lernbereitschaft mitbringen. Familiennähe kann eine große Kraft sein, gerade in einem Geschäft, das oft laut und schnell wird. Florian Wirtz ist in dieser Hinsicht durchaus ein gutes Beispiel, weil sein Umfeld über Jahre sehr geschlossen, stabil und diszipliniert gewirkt hat. Aber man darf dabei eines nicht übersehen: Ein solches Modell funktioniert nicht allein durch familiäre Nähe, sondern durch hohe Professionalität im Hintergrund. Familienmodell heißt nicht Amateurmodell. Ein familiär getragenes Modell funktioniert nur dann, wenn im Hintergrund ein exzellentes Team steht. Juristische Stärke, wirtschaftliche Kompetenz, steuerliche Weitsicht und ein unabhängiger Sparringspartner schaffen die Grundlage für gute Entscheidungen. Am Ende zählt weniger die Überschrift Eltern oder Berater. Es zählt die Qualität des Systems. Kompetenz, Erfahrung und Widerspruchskraft geben einem jungen Spieler Orientierung. Familiennähe wird zur Stärke, wenn Kompetenz an ihrer Seite steht.
„Am Ende erkennt man einen guten Deal an zwei Dingen“
Der FC kämpft um El Malas Verbleib, hat alle Fäden in der Hand (Vertrag bis 2030/ohne Ausstiegsklausel), dürfte einem Transfer zu passenden Konditionen aber an irgendeinem Punkt auch zustimmen. Was raten Sie einem Bundesligisten, der mit reichen Premier-League-Klubs verhandelt?
Baumgarten: Ein Verein mit einem solchen Spieler und einem langen Vertrag hat Substanz. Genau aus dieser Substanz sollte er auch verhandeln: mit Ruhe, mit Haltung und mit einem klaren Blick auf den Gesamtwert. Wer einen außergewöhnlichen jungen Spieler verkauft, gibt mehr als Gegenwart ab. Er gibt Zukunft ab. Darum gehören zu einem guten Deal mehr als Zahlen. Boni, Beteiligungen, Entwicklungskomponenten und klare Mechanismen können dem wirklichen Wert eines solchen Transfers näherkommen. Am Ende erkennt man einen guten Deal an zwei Dingen: Der Verein wahrt seine Würde. Der Spieler spürt Fairness. Daraus kann eine Trennung mit Größe entstehen. Wirklicher Wert verlangt Haltung.
Mal abgesehen von Zahlenspielen: Was würden Sie El Mala persönlich und sportlich raten – wenn er Sie fragen würde? Was sollte sein Fokus sein, wo liegen die Gefahren des Erfolgs, die Ihre Romanfigur bitter erleben musste?
Baumgarten: Ich würde ihm sagen: Achte auf das, was dich wachsen lässt. Sportlich zählt echte Spielzeit. Ein Trainer, der entwickelt. Ein Umfeld, das Fehler als Teil des Reifungswegs versteht. Dort wächst ein junger Spieler zu einem vollständigen Fußballer. Persönlich würde ich ihm zu Einfachheit raten. Wenige Stimmen. Klare Menschen. Ein geordnetes Leben neben dem Platz. Je größer der Lärm im Außen, desto wichtiger wird die Ruhe im Inneren. Meine Romanfigur Sven Schütze gerät genau in viele dieser Fallen des Profisports: Anerkennungssucht, permanente Reizsuche und ein Umfeld, das den Blick für den Menschen verliert. Genau deshalb braucht Erfolg Bewusstsein. Wer bei sich bleibt, kann auch mit Druck wachsen. Beschleunigung ersetzt keine Reife.

