„Der FC ist nicht erpressbar“ Türoff: Klartext zu Star-Verkäufen & Finanzen – mehr als 10 Millionen schon weg

Geschäftsführer Philipp Türoff steht beim Bundesliga-Heimspiel des 1. FC Köln gegen Borussia Dortmund am 20. März 2022 im Rhein-Energie-Stadion.

FC-Geschäftsführer Philipp Türoff beim Bundesliga-Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 20. März 2022.

Philipp Türoff, kaufmännischer Geschäftsführer des 1. FC Köln, im Interview über seinen Einstieg in die Fußballbranche, die finanzielle Situation des Klubs und Sommer-Transfers.

Seit 1. Januar 2022 führt Philipp Türoff (46) die Geschäfte am Geißbockheim. Im großen EXPRESS.de-Interview erklärt der neue kaufmännische Boss des 1. FC Köln die Klub-Finanzen, spricht über die Transfer-Strategie und eine neue Gehaltsstruktur. Lesen Sie hier den ersten Teil.

Philipp Türoff, Sie sind inzwischen knapp ein halbes Jahr Geschäftsführer des 1. FC Köln. Zuvor haben Sie für Birkenstock gearbeitet. Wie lief Ihr Quereinstieg in die Fußballbranche?

Türoff: Ich habe zum vierten Mal in meiner beruflichen Laufbahn die Branche gewechselt. Da gibt es für mich keine Ängste und Unsicherheiten mehr. Ich fühle mich nicht überfordert und kann das Neue, was der Fußball bringt, gut einordnen. In vielerlei Hinsicht ist auch der 1. FC Köln ein normales Unternehmen mit Mitarbeitern und buchhalterischen Aufgaben. Auch wir müssen Gehälter zahlen, auch wir müssen eine Bilanz gestalten. Ich beschäftige mich jeden Tag mit Fußball, muss aber in Wirkungsräumen funktionieren, die ich schon lange kenne.

Philipp Türoff: „Keine Fettschicht, die wir uns runterhungern können“

Sie haben Ihren Posten mitten in der Pandemie angetreten. Corona hat den FC rund 85 Millionen Euro an Umsatz gekostet. In welchem finanziellen Zustand befindet sich der Klub aktuell?

Türoff: Der FC hat eine sehr hohe Verschuldung. Die gegebenen Betriebsmittelkredite sind genutzt worden, um der Krise zu begegnen. Auf ein sattes Eigenkapital können wir nicht mehr zurückgreifen – es gibt keine Fettschicht, die wir uns runterhungern können bei Gegenwind. Wir haben in einem signifikanten Umfang Sponsoreneinnahmen der Zukunft bereits als bilanzielle Maßnahme verkauft, um im Eigenkapital überhaupt positiv zu bleiben.

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Heißt konkret?

Türoff: Dass der FC in das neue Geschäftsjahr startet und von den eigentlichen Einnahmen schon eine zweistellige Millionensumme verfrühstückt hat. Der Klub hat sich also bereits geschwächt für eine Saison, die eigentlich zur Gesundung beitragen soll. Das ist das Allererste, was wir als Geschäftsführung zurücknehmen möchten: Wir müssen diesen Klotz am Bein loswerden und dafür sorgen, dass das Geld, das Sponsoren in einer Saison zahlen, in der jeweiligen Saison auch zur Verfügung steht. Unser Anspruch ist, dies schon 2022/23 zu schaffen.

Welche Alternative hätte der FC in der Corona-Krise gehabt? Anteilsverkäufe hatte man ja ausgeschlossen.

Türoff: Man hätte die Verschuldung mit den bestehenden Finanzpartnern weiter ausdehnen können, aber auch das hätte seinen Preis gehabt. Was der FC ebenfalls schon erheblich genutzt hat, sind die Genussrechte, das Mezzanine-Kapital. Viele Leute sagen mir: Das könnte man weitermachen, weil es viele Personen gibt, die es gut mit dem FC meinen. Aber ich übersetze das mal: Der FC ist in dieser Situation ein Bittsteller, weil wir woanders kein Geld mehr bekommen. Das würden wir nur noch einmal machen, wenn uns die Corona-Pandemie erneut erwischen und wir zu einem hohen Grad unverschuldet vor der nächsten Katastrophe stehen würden.

Ist der FC zu Not-Verkäufen unter Wert gezwungen, um das benötigte Geld reinzuholen?

Türoff: Nein, der FC ist bei Ablösen nicht erpressbar. Christian Keller und ich legen keine Planung vor, in der wir zu sehr auf spekulative Transfer-Einnahmen setzen, sodass wir dann unter Wert verkaufen müssen. Dennoch müssen wir an Einnahmen arbeiten. Dabei spielen neben der wirtschaftlichen Notwendigkeit auch andere Kräfte eine Rolle. Wenn wir zum Beispiel über Ellyes Skhiri reden, der in sein letztes Vertragsjahr geht – das ist ein Druckpunkt, der auf die Ablöse wirkt. Wenn unsere Annahmen über realistische Transfer-Erlöse nicht eintreten, sind wir mit unseren Verpflichtungen ein paar Schritte ins Risiko gegangen.

Philipp Türoff: 1. FC Köln will Transfersummen strecken

Ein zu großes Risiko? Der FC hat bereits fünf Neuzugänge verpflichtet, dazu die Kaufoption für Luca Kilian gezogen – obwohl die angestrebten Transfer-Einnahmen bislang nicht generiert wurden.

Türoff: Wir haben uns für die Reihenfolge entschieden, frühzeitig mit den Spielern zu sprechen, die wir verpflichten wollten, um unseren zeitlichen Vorteil auf dem Transfermarkt zu nutzen. Wir halten das Risiko für kalkulierbar, weil wir konservativ geplant haben bei möglichen Spieler-Verkäufen. Wenn wir es umgekehrt gemacht hätten, hätten wir das Risiko eingehen müssen, erst Mitte August zu agieren, wenn schon drei Pflichtspiele gelaufen sind. Dann hätten die Spieler, die noch auf dem Markt sind, ein anderes Preis-Leistungs-Verhältnis gehabt.

Welche Folgen hätte es, wenn der FC die angesprochenen Transfer-Ziele auf der Abgangsseite verpasst?

Türoff: Dann würden wir es vielleicht nicht schaffen, schnell zu heilen. Aber es gibt ja auch Chancen wie den Einzug in die Conference-League-Gruppenphase oder den DFB-Pokal, wo wir sehr defensiv nur mit der ersten Runde planen. Ich bin mir sicher, dass wir, was Ziele und Transfers betrifft, keine Wolkenkuckucksheime eingeplant haben.

Es ist Ihr erster Transfer-Sommer. Wie sieht Ihre Rolle aus?

Türoff: Meine Rolle bezieht sich auf die finanziellen Spielräume, die wir haben und gestalten. Ohne diese Spielräume sind wir nicht handlungsfähig. Nehmen wir die letzte Saison: Wir hatten den Klassenerhalt früh gesichert, konnten in der TV-Tabelle einige Plätze gutmachen. Muss man in einem solch guten Jahr lieber sparen und etwas Geld zurücklegen, um in einem schlechteren Jahr einen Puffer zu haben? Unser Ziel ist zu einer finanziellen Stabilität zurückzufinden, in der Investitionen wieder aus eigener Kraft möglich sein werden. Dafür müssen wir das richtige Maß zwischen einer Weiterentwicklung der Mannschaft und der Sicherung des letztjährigen Erfolgs finden.

Was bedeutet das für diesen Sommer?

Türoff: Es wäre der falsche Weg, alles zusätzlich verdiente Geld der letzten Saison in die direkte Entschuldung zu stecken und dann auch noch Leistungsträger zu verkaufen. Das kann nicht das Rezept sein. Dann müsste der Fußballgott auf seiner Wolke sitzen und Steffen Baumgart Wunder bewirken. Es braucht einen Kompromiss zwischen Schulden zurückführen und trotzdem überschaubare Ablösesummen zahlen, wenn es sich lohnt.

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Wie ist es überhaupt möglich, Ablösen zu zahlen, mit dem wenigen Geld, das zur Verfügung steht?

Türoff: Natürlich nur beispielhaft: Wir verkaufen einen Spieler für fünf Millionen Euro, von denen aber nur vier Millionen Euro bei uns hängen bleiben. Dann kaufen wir fünf neue Spieler für vier Millionen Euro, denen wir Vier-Jahres-Verträge geben. Dadurch schlagen diese vier Millionen Euro auf die vier Jahre gerechnet mit nur einer Million Euro pro Jahr in der Bilanz zubuche. Wir haben mit Spielern gesprochen, an die wir glauben und die zu uns passen. Und zwar auch finanziell, in Sachen Ablösesummen und Gehälter.

Auf welche Ablöse-Modelle setzt der FC?

Türoff: Wir müssen bei allen Transaktionen, die wir tätigen, jeden Euro fünfmal umdrehen. Jeder einzelne Deal wird so verhandelt, dass wir versuchen, die Transfersummen, die wir zahlen, zu strecken. Das geschieht aber nicht aus einer existenziellen Notwendigkeit heraus, sondern vor allem, um für Spielräume zu sorgen. Unsere Zahlungsfähigkeit ist sicherlich angespannt und muss gemanagt werden – aber gemeinsam mit einer Ablöse, die reinkommt, ist die Liquidität eine zu bewältigende Aufgabe.

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