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Bilanz der KarnevalssessionTops und Flops: Starke Botschaften – aber das nervt an den Jecken

Zum Abschluss der diesjährigen Karnevalssession wird Bilanz gezogen. Was war gut, was war schlecht im jecken Treiben? EXPRESS.de blickt noch einmal auf bunte und wilde Wochen zurück.

Adschüss Session. 98 Tage liegen zwischen dem Elften im Elften und dem Verbrennen des Nubbels. 14 Wochen voller Frohsinn und guter Laune.

Die Jecken haben die Karnevalszeit ausgiebig genossen und sind angesichts vieler negativer Meldungen in eine Welt voller Lebensfreude abgetaucht und haben alle Sorgen erfolgreich ausgeblendet.

Karnevalssession 2026: 98 Tage voller Frohsinn und guter Laune

Petrus meinte es in diesem Jahr leider nicht so gut mit den Jecken. Weiberfastnacht war verregnet. Auch an Rosenmontag sorgte das Achterbahn-Wetter dafür, dass der Zoch am Ende zwei Stunden Verspätung hatte, und viele durchnässt nach Hause gingen.

EXPRESS.de war permanent unterwegs, hat unzählige Veranstaltungen besucht und mit allen wichtigen Protagonisten des Kölner Karnevals gesprochen. Hier kommt unsere Sessions-Bilanz. Die Tops und Flops nach drei Alaaf-Monaten.

Tops

Die Proklamation des Dreigestirns: Es war fast schon zur Tradition geworden, über die „Pripro“ zu lästern. Zu staatstragend, zu wenig kölsch, zu lang, zu gewollt – die Kritik wollte nicht abreißen. Doch in diesem Jahr gelang es Programmgestalter Ralf Schlegelmilch, eine perfekte Mischung auf die Gürzenich-Bühne zu zaubern.

Es gab feierliche Elemente wie mit dem Männergesangsverein, den Streicherinnen vom Kwartett Latäng und Tenor Thomas Heyer. Aber auch Partyelemente wie mit den Sessions-Abräumern von Druckluft, die ihre „Karnevalsmaus“ mit Tänzerinnen und Tänzern der Kölner Gesellschaften durch den Saal schickten.

Das Dreigestirn, das Brücken zwischen Jung und Alt gebaut hat: Die Skepsis war anfangs groß. Schließlich trat das Trifolium in große Fußstapfen. Das queere Dreigestirn der StattGarde Colonia Ahoj hatte im Vorjahr bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Doch Prinz Niklas I., Bauer Clemens und Jungfrau Aenne fanden einen wunderbaren Stil.

Das Kölner Dreigestirn steht auf der Severinstraße.

Copyright: Daniela Decker

Das Kölner Dreigestirn erreichte mit seinen Botschaften die Jecken und genoss zum Abschluss den Rosenmontagszug.

„Lasst uns nicht auf das konzentrieren, was uns trennt, sondern auf das, was uns eint. Und das ist die Liebe zu unserem Fastelovend“, lautete ein Motto von Niklas Jüngling. Der 33-Jährige lebte seinen Kindheitstraum und schämte sich auch nicht, Emotionen zu zeigen. Zudem zeigte er seine Tanzkünste. Das im Durchschnitt bisher jüngste Dreigestirn bewies, dass die Traditionen nicht veraltet herüberkommen müssen. Der Sessionstitel „Loss mer all zesamme stonn“ passte perfekt zum Motto.

Oberbürgermeister Torsten Burmester: Der „Neue“, wie er sich selbst bezeichnete, eroberte die Kölnerinnen und Kölner mit Offenheit und trockenem Humor. „Der OB soll so sprechen, als sei er vor hundert Jahren im Vringsveedel aufgewachsen“, klagte er. Dabei gebe es bei der „Pripro“ nicht einmal Kölsch im Saal. Mit dem Spruch hatte er das Eis bei den Jecken direkt gebrochen.

Torsten Burmester in seinem Kostüm.

Copyright: Daniela Decker

Kölns neuer Oberbürgermeister Torsten Burmester zog als „Bob, der Burmester“ durch die Session und begrüßte so auch das Dreigestirn im Rathaus.

Im Gegensatz zu Vorgängerin Henriette Reker, die krampfhaft versucht hatte, Kölsch zu sprechen, blieb Burmester sich treu. Seine ersten Amtswochen waren durch zahlreiche Auftritte im Karneval geprägt. In Rekordzeit wurde er in zahlreiche Gesellschaften aufgenommen und sammelte Mützen und Orden in Serie. Burmester wünscht sich für Köln eine „Kultur des Möglichmachens“ statt des Haderns. Der Karneval sei das beste Beispiel, was alles möglich sei, wenn die Menschen an einem Ziel arbeiten.

Besucherrekord der Lachenden Kölnarena: Die Kultparty in der Lanxess-Arena hat noch einmal eine neue Dimension erreicht. 240.000 Menschen feierten bei den 15 Veranstaltungen mit, 18.500 Jecke sorgten Anfang Februar für eine neue Bestmarke. Durch die Öffnung des Oberrangs, tolle, stimmungsvolle Lichtinstallationen unter der Decke und konsequente Überarbeitung des Programms wurde die Stimmung noch einmal getoppt.

Blick in die ausverkaufte Lanxess-Arena.

Copyright: Daniela Decker

18.500 Jecke stellen bei der zehnten Ausgabe der Lachenden Kölnarena eine neue Bestmarke auf.

Literaten, die dem Nachwuchs eine Bühne geben: Eine gute Sitzung zeichnet sich nicht nur dadurch aus, die bekannten großen Namen auf dem Plakat zu haben. Immer mehr Literaten haben erkannt, dass der Kölner Karneval frische Gesichter benötigt, und wagen den Schritt, auch unbekanntere Künstlerinnen und Künstler einzubauen.

Einige Gesellschaften starteten ihre Programme mit Newcomern, um denen die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen zu sammeln. Die Blauen Funken veranstalteten bei ihrer Party-Sitzung „Krüzz un Quer“ ein „Band-Speed-Dating“, damit sich mehrere Gruppen präsentieren konnten. Während der Mut, jüngere Bands ins Programm zu nehmen, bereits wächst, scheuen sich viele Literaten aber immer noch, neue Rednerinnen und Redner in die Bütt zu lassen.

Marita Köllner umarmt Ludwig Sebus.

Copyright: Daniela Decker

Ludwig Sebus war bei vielen Veranstaltungen Ehrengast. Hier freut sich Marita Köllner, den 100-Jährigen zu sehen.

Ludwig Sebus feierte seinen Geburtstag nach: Aufgrund seines Sturzes und des Krankenhausaufenthalts konnte Grandseigneur Ludwig Sebus seinen 100. Geburtstag nicht wie gewünscht feiern. Doch das holte der beliebte Krätzchensänger ausgiebig nach. Fast kein Tag verging in der Session, an dem Sebus nicht im jecken Gewühl auftauchte. Die Gesellschaften gaben sich viel Mühe und schenkten dem Jahrhundertkölner tolle Momente.

Unsere Närrischen-Oscar-Gewinner: Diese Trophäe ist mit unheimlich viel Prestige verbunden. Die Tränen der Rührung zeigten, wie stolz Martin Schopps, die Räuber, Marita Köllner, das Tanzcorps Colonia Rut Wiess und die Newcomer-Band Bel Air waren, als sie vom EXPRESS.de-Karnevalsduo mit den Pokalen überrascht wurden.

Martin Schopps bekommt den Närrischen Oscar von Marcel Schwamborn.

Copyright: Daniela Decker

EXPRESS.de-Reporter Marcel Schwamborn (r.) überreicht den Närrischen Oscar 2026 in der Kategorie Rede an Martin Schopps.

Schopps und Köllner krönten ihre Jubiläumssessionen mit dem Oscar. Der Moment, als „Et fussich Julche“ mit dem Pokal in der Hand auf der Bühne am Alter Markt stürzte, ging durch alle Nachrichtenportale. Tapfer zog die Sängerin die restlichen Auftritte noch durch. Die Freude über den Sieg in Kölns größtem Karnevals-Wettstreit war größer als die Schmerzen.

Die Teams in den Sälen: Die Session war kurz, der Termindruck hoch. Um alle Sitzungen abzuwickeln, mussten sogar einige Doppelbelegungen absolviert werden. Trotzdem bekamen die Teams das immer mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht hin. Eine Session ist auch für Service- und Security-Teams eine hohe Belastung. Trotzdem blieb immer noch Zeit für ein nettes Wort.

Thorsten Eisele auf dem Wagen von Markus Wallpott.

Copyright: Sandra Schild

Stellvertretend für alle Crew-Mitglieder im Kölner Karneval durfte Bläck-Fööss-Techniker Thorsten Eisele (l.) beim Präsidenten der Bürgergarde blau-gold, Markus Wallpott (2.v.r.), auf seinem Wagen mitfahren.

Gleiches gilt für die Techniker der Bands. Die mussten in Sekundenbruchteilen auf- und abbauen und standen unter permanentem Stress. Als Dank für die geleistete Arbeit nahm Bürgergarde-Präsident Markus Wallpott Bläck-Fööss-Techniker Thorsten Eisele stellvertretend für die Crews auf seinem Wagen im Rosenmontagszug mit.

Das Festkomitee findet den richtigen Ton: Besser hätte Christoph Kuckelkorn den Zeitpunkt seines Abschieds nicht wählen können. Nach herausfordernden Jahren steht das Festkomitee Kölner Karneval gut da. Die Offiziellen meldeten sich bei den richtigen Themen zu Wort.

Christoph Kuckelkorn beim Einmarsch in die Lanxess-Arena.

Copyright: Daniela Decker

Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn genoss seine letzte Session in verantwortungsvoller Mission. Er hinterließ ein erneut starkes Motto für 2027.

Das Sessionsmotto „Alaaf – Mer dun et för Kölle“ stellte wunderbar das Thema Ehrenamt in den Fokus. Das neue Motto „Morje es, wat do drus mähs!“ ist wieder ein Treffer. Nicht nur meckern, sondern anpacken, lautet der wichtige Appell, den sich vorrangig die Stubenhocker in ihrer Social-Media-Blase zu Herzen nehmen sollten.

Im Karneval ist richtig Musik drin: Wieder gab es etliche neue Songs durch die immer größer werdende Anzahl von kölschen Bands. Dominierend war hauptsächlich die „Karnevalsmaus“ von Druckluft. Aber auch andere Gruppen konnten punkten. „Gisela“ von den Höhnern war ebenso ein Ohrwurm wie „Eau de Cologne“ von Cat Ballou. Die Roten Funken wählten „Weil mer Kölsche sin“ von den Räubern zum besten Titel der Session.

Cat Ballou beim Auftritt auf der Bühne.

Copyright: Daniela Decker

Cat Ballou landete mit „Eau de Cologne“ einen neuen Ohrwurm in der Session.

Flops

Der Selfie-Wahn der Selbstdarsteller: Für einige scheint der Sinn von Karneval darin zu liegen, unzählige Selfies in die Sozialen Netzwerke oder den eigenen WhatsApp-Status zu fluten. Da wird permanent in die Handykamera gegrinst. Ob Bands, Dreigestirn oder Offizielle – jeder wird unentwegt dazu genötigt, in eine Linse zu lächeln. Der Hang zur Selbstdarstellung nimmt immer groteskere Züge an.

Während der Sitzung permanent am Handy spielen: Es ist die zweite Unart der Handy-Generation. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Soziale Medien und ständige Ablenkung sorgen dafür, dass auch bei Reden, Tanzauftritten oder Musikbeiträgen immer wieder am Smartphone gefummelt wird. Der Respekt vor dem Bühnengeschehen nimmt weiter ab.

Laura Wontorra macht ein Selfie mit Jungfrau Aenne.

Copyright: Daniela Decker

Moderatorin Laura Wontorra sicherte sich bei der Proklamation ein Selfie mit Jungfrau Aenne. Im Gegensatz zu ihr, schossen andere Bilder in Serie, um die Selbstdarstellung voranzutreiben.

Die Distanzlosigkeit mancher Jecken: Nicht nur das Dreigestirn beklagte, dass es mitunter ruppig betatscht und bedrängt wurde. Peter Brings beklagte im EXPRESS.de-Interview, dass er sich in den Foyers wie „Freiwild“ fühle. Mit zunehmendem Alkoholpegel fallen bei einigen sämtliche Hemmungen. Da wird an den Künstlern gezerrt und penetrant nach Pins gebettelt.

Wichtigtuer im Karneval: Die Session nutzen einige, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Da wird vorschnell im Internet über Dinge geschrieben, ohne Hintergründe zu kennen oder alle Seiten zu befragen. Einige nehmen für sich in Anspruch, über Themen „exklusiv“ zu berichten, auch wenn dem nicht so ist. Andere stehen mit wichtigem Gesichtsausdruck in den Foyers und umgarnen die Offiziellen beim Kampf um Anerkennung.

Brings beim Auftritt auf der Bühne.

Copyright: Daniela Decker

Die Auftritte der Bands, wie hier Brings, wurden bei der ZDF-Mädchensitzung brutal zusammengeschnitten.

Die ZDF-Fernsehsitzung: Es wirkt wie eine leidige Pflichterfüllung, wenn der Mainzer Sender die Mädchensitzung auf schlappe 90 Minuten zusammenkürzt. „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ wurde hingegen fast vier Stunden Sendezeit eingeräumt. Warum die TV-Sender in Zeiten von Streaming-Diensten nicht ohnehin die kompletten und ungekürzten TV-Sitzungen in der Mediathek anbieten, erschließt sich niemandem.

Die geringe Wertschätzung für Traditionskorps und einige Tanzgruppen: Der Kostendruck im Karneval setzt vielen Literaten zu. Da Bands und Redner das Hauptverkaufsargument für Tickets sind, wird bei immer mehr Veranstaltungen auf den Aufzug eines Korps verzichtet. Auch bei den Tanzgruppen wird gespart. Die Gesellschaften spüren es immer stärker in der Vereinskasse, dass die Buchungen der traditionellen Brauchtumselemente zurückgehen.

Die Prinzen-Garde beim Auftritt auf der Bühne.

Copyright: Daniela Decker

Die Traditionskorps, hier die Prinzen-Garde Köln, werden immer weniger zu den Sitzungen eingeladen. Dies reißt Löcher in die Vereinskassen.

Das Ordnungsamt, das spaßbefreit Knöllchen verteilt: Die Termin-Hatz in einer kurzen Session ist für alle Beteiligten sehr herausfordernd. Die katastrophale Parkplatzsituation in Köln und regelmäßige Sperrungen wegen Demonstrationen sorgten oft für einen Kampf gegen die Uhr. Einige spaßbefreite Mitarbeitende des Ordnungsamts hatten dennoch nichts Besseres zu tun, als Crew-Bussen oder Fahrzeugen von Offiziellen etwa hinter dem Sartory-Saal Knöllchen zu verpassen. „Mer dun et för Kölle“ galt offenbar nicht beim Verteilen der Strafzettel.

Die unerwartete Schließung des Pullman Hotels: Die EXPRESS.de-Nachricht, dass die frühere Hofburg Ende des Jahres schließt, sorgte für Entsetzen in der jecken Szene und bei den Mitarbeitenden, die im Ungewissen gelassen wurden. Die neue Eigentümergesellschaft Pandox AB verweigerte auch auf mehrmalige Nachfrage unserer Redaktion eine Auskunft, was mit dem Hotelkomplex passieren soll.

Die Band Kasalla auf der Bühne.

Copyright: Sandra Schild

Auf der Pullman-Bühne werden Bands wie Kasalla im kommenden Jahr nicht mehr stehen. Das Hotel schließt und wird umfassend modernisiert.

Sicher ist, dass eine Wiedereröffnung erst nach umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen möglich ist. Fast alle Gesellschaften machten aber schnell Nägel mit Köpfen und suchten sich für 2027 andere Säle für ihre Veranstaltungen. Ob die Sitzungen je wieder in das Gebäude an der Helenenstraße zurückkehren werden, bleibt ungewiss.

Alkohol-Exzesse: In den bundesweiten Medien wird gerne das Verhalten der Jugendlichen auf der Zülpicher Straße in den Fokus gerückt. Aber auch bei so manch etablierter Karnevalsgesellschaft übertrieben es einige mit dem Alkoholkonsum. „Es wurde so viel getrunken wie lange nicht mehr“, sagte ein Saal-Betreiber zu EXPRESS.de. Das teils hemmungslose Besäufnis sorgte bei einigen Bällen für einige Ausfallerscheinungen bei hoch dekorierten Karnevalisten.

Niklas Molitor zusammen mit Kathie Kierig.

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