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Bierhoffs düstere Zukunfts-Prognose Nach 2026 werden große Erfolge schwierig

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Kai Havertz und Florian Neuhaus (hier beim Torjubel im Oktober 2020) gehört bei der Nationalmannschaft die Zukunft. Doch was kommt danach?

Köln – Was erwartet Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Fußballprofi? Wie läuft es in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga-Vereine ab? Wie arbeiten die besten Trainer? Sportjournalist und Spielerberater Kai Psotta (40) hat sich zu dem Thema mit zahlreichen Experten unterhalten. „Kicken wie die Profis“ (Heyne, Taschenbuch, 288 Seiten, 10,99 Euro) gibt einen tiefen Einblick.

  • Oliver Bierhoff übt Kritik an Entwicklung junger Fußballer
  • Auszüge aus dem Buch „Kicken wie die Profis“
  • So soll der Nachwuchs für eine starke Nationalmannschaft gesichert werden

EXPRESS dokumentiert exklusiv Auszüge daraus. DFB-Direktor Oliver Bierhoff (52) hat einen Beitrag verfasst, der schonungslos offenlegt, wo Probleme in der Entwicklung von jungen Fußballern liegen.

Oliver Bierhoff: Wir haben „gleichförmige“ Spieler produziert

Wir haben über Jahre nach den immer gleichen Mustern sehr „gleichförmige“ Spieler produziert, die nun im Überfluss auf unseren Fußballplätzen aktiv sind. Wir haben heute viele Spieler, die den Ball in Perfektion zirkulieren lassen können, also diese Tiki-Taka-Typen. Aber uns fehlt es an echten Führungsspielern, die Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen können. Uns fehlen die Kreativspieler und Individualisten. Wir haben zu wenige dynamische Außenverteidiger und klassische Mittelstürmer, und unsere Spieler weisen ein Manko in Sachen Torabschluss auf.

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DFB-Direktor Oliver Bierhoff sieht die Entwicklung im Nachwuchsbereich mit Sorge. Unser Foto zeigt ihn am Rande des Länderspiels gegen die Ukraine im November 2020.

Wenn man immer nur mit stark auf die Technik fokussierten Trainern trainiert und spielt, lernt man zum Beispiel nie, wie man sich gegen einen sogenannten „Holzfäller“ – also einen knallharten Verteidiger – durchsetzt. Wir haben uns in den vergangenen Jahren zu sehr in dieses Mannschaftstaktische verliebt – und irgendwann vergessen, die rosarote Brille abzunehmen. Jeder Jugendtrainer kann heute – bewusst überspitzt gesagt – sechsundsechzig Varianten der Viererkette diskutieren. Und nach den Spielen wird analysiert, dass ein Fünfzehnjähriger einen halben Meter zu weit rechts gestanden hat, also nicht exakt auf der Position, wo er in der Theorie hingehört hätte.

Oliver Bierhoff: Wir programmieren junge Menschen wie Computer

Wir alle haben es zugelassen – so selbstkritisch müssen wir in der Jugendarbeit sein –, dass dort teilweise junge Menschen wie Computer programmiert worden sind, ihnen taktische Systeme eingeimpft wurden, anstatt sie viel stärker mit Spaß und Freude zu besseren Fußballern zu entwickeln. Daher habe ich beim DFB mit meiner Direktion Nationalmannschaften und Akademie einen neuen Weg eingeschlagen. Wir möchten mit unseren Maßnahmen zurück an die Weltspitze. Es bedarf in unserer Ausbildung keiner Revolution, aber einer Evolution. In der deutschen Nachwuchsarbeit müssen wir gemeinsam in den nächsten Jahren kräftig die Ärmel hochkrempeln und mutiger und flexibler arbeiten.

Noch haben wir außergewöhnliche Fußballer, mit denen es in der A-Nationalmannschaft Erfolge geben kann. Die nächsten vier bis sechs Jahre sollten wir unter anderem mit Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Leroy Sane, Serge Gnabry, Julian Brandt, Luca Waldschmidt und Co. gut aufgestellt sein. Aber nach Kai Havertz, der Jahrgang 1999 und einer der letzten Ausnahmeschüler dieser Generation ist, finden sich in den jüngeren Jahrgängen schon deutlich weniger derartige Ausnahmetalente.

Oliver Bierhoff: Nach 2026 werden große Erfolge schwierig

Die Zahlen sind ernüchternd und lassen darauf hindeuten, dass nach 2026 große Erfolge schwieriger zu erreichen sein werden. Das Gute ist aber, dass wir verstanden haben, unsere Herangehensweisen zu ändern. Und wir werden, wenn wir heute die entsprechenden Weichen stellen, zurück an die Weltspitze kommen.

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Kai Psotta: „Kicken wie die Profis. Alles, was du auf dem Weg zum Bundesligastar wirklich wissen musst“. Mit den wichtigsten Tipps und Tricks von den besten Profimachern

Entscheidend ist darüber hinaus, wie in der Schule auch, der richtige Lehrer. Was nützt die schönste Tafel, das heißeste Whiteboard, wenn der Lehrer den Stoff nicht vermitteln kann? Dementsprechend kommt es ganz entscheidend auf die Trainerinnen und Trainer an, die sich der jungen Menschen annehmen. Sie sind der Schlüssel. Sie möchten wir noch besser ausbilden, weiterbilden und stärken.

In Zukunft wird es unsere Aufgabe sein, das Wissen, das wir an der DFB-Akademie sammeln, noch gezielter und individueller an Jugend- und Nachwuchscoaches weiterzugeben. Denn sie sind diejenigen, die den Kindern die Spielfreude und das Fußball-ABC beibringen – und ihnen somit bei den ersten Schritten zum möglichen Nationalspieler helfen. Die Entwicklung der Spielerinnen und Spieler hat im Nachwuchsfußball künftig Vorrang vor dem Ergebnis. Wir müssen den Egoismus ablegen, der in einigen Fällen zwischen Verbands- und Vereinsebene geherrscht hat.

Wenn man mich nach grundsätzlichen Ratschlägen fragt, was ich auf dem Weg nach oben empfehlen würde, dann sage ich:

  • Verliert bloß nicht zu viel Zeit eurer Jugend auf der Rücksitzbank im Auto eurer Eltern. Es kann einem/einer Zehnjährigen nicht guttun, drei Stunden durch die Gegend zu fahren, nur um in einem NLZ eine Stunde zu trainieren.
  • Es kann durchaus sinnvoll sein, sich zunächst in Ruhe bei einem kleineren Verein vor der eigenen Haustür zu einem Führungsspieler bzw. einer Führungsspielerin zu entwickeln. Wer Woche für Woche ständig 8:0 gewinnt, in einer Ansammlung von Top-Talenten, beraubt sich womöglich der Chance einer vernünftigen Sozialisierung.
  • Traut euch wieder mehr raus auf den Bolzplatz, wo Taktik in den Hintergrund gerät und ein freier, dynamischer Fußball im Vordergrund steht. Das freie Spiel und der Zweikampf fördern jene Mentalität, die unsere Führungsspielerinnen und -spieler von morgen brauchen.
  • Habt Spaß! Fußball muss für Jugendliche ein Spiel aus Leidenschaft und Freude sein und keine billige Kopie des Profibereichs.

Wir vom DFB werden uns bei dieser Mission einbringen, mehr Kümmerer sein – und alles versuchen, um den Nachwuchs behutsam und Stück für Stück wieder zurück an die Weltspitze zu führen.