DFB-Rekordspieler im Interview Matthäus rät Flick zu Musiala: „Wenn es nach Leistungsprinzip geht“

Hansi Flick unterhält sich mit Lothar Matthäus am Spielfeldrand.

Lothar Matthäus im Gespräch mit Bundestrainer Hansi Flick am Rande des Spiels in Italien am 4. Juni 2022.

Das dritte Nations-League-Spiel steigt für die Nationalmannschaft in Ungarn. Experte Lothar Matthäus bewertet den Stand bei der DFB-Elf unter Hansi Flick im großen Interview.

Das Ziel ist klar: Die Nationalmannschaft strebt am Samstag in Ungarn (11. Juni 2022, 20.45 Uhr, RTL) den ersten Sieg nach zuletzt drei 1:1-Spielen an. Das DFB-Team ist unter Hansi Flick (57) zwar weiterhin ungeschlagen, wartet aber auch noch auf den ersten Sieg gegen eine große Nation.

Wo steht Deutschland fünf Monate vor der WM in Katar? EXPRESS.de sprach mit dem früheren Weltfußballer Lothar Matthäus (61). Der Rekord-Nationalspieler (150 Länderspiele) ist in seiner langjährigen Wahlheimat Budapest erneut als Experte beim Spiel.

Im Hause Matthäus scheint man großer Fan von Jamal Musiala zu sein. Ihr Sohn Milan verfolgte das 1:1 gegen England im Musiala-Dress.

Lothar Matthäus: „Seitdem Milan in München ist und Jamal Musiala sich ins Rampenlicht gespielt hat, ist er Fan von ihm. Mein Sohn hat Ahnung von Fußball, würde ich sagen (lacht).“

Und was sagt der Papa zu Musiala?

Matthäus: „Er ist ein Top-Talent und liefert top ab – egal ob beim FC Bayern oder der Nationalmannschaft. Trotz seiner jungen Jahre hat er Qualitäten, die auf diese Art und Weise in der Nationalmannschaft sonst nicht vorhanden sind: immer mit Spielfreude und guter Einstellung. Er ist jemand, der das Risiko im Eins-gegen-eins sucht. Es sieht alles immer sehr leicht und geschmeidig aus bei ihm. Er bringt enormes Potenzial mit, deswegen traue ich ihm eine ganz große Karriere zu.“

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Unangefochtener Stammspieler ist Musiala weder in München noch bei der Nationalmannschaft.

Matthäus: „Er bräuchte generell mehr Einsatzzeiten – vor allem im wöchentlichen Rhythmus bei Bayern München. Ich glaube, Hansi Flick vertraut ihm etwas mehr als Julian Nagelsmann. Musiala hat natürlich enorme Konkurrenz – und zwar auf jeder Position. Er hat von der langwierigen Verletzung von Leon Goretzka profitiert und durfte noch mal eine neue Position als Sechser kennenlernen. Meiner Meinung nach ist er gegen defensiv starke Mannschaften dort eine enorme Waffe, wie auch auf der Achter-Position.“

Inwiefern?

Matthäus: „Er bringt die spielerischen Elemente auf den Platz, anders als Goretzka. Der geht mehr mit seiner Kraft und seiner Körperlichkeit in den Strafraum und spielt auch nicht die Pässe, die Musiala aus dem Fußgelenk schüttelt. Musiala ist für jeden deutschen Nationalspieler, der beim FC Bayern spielt, ein direkter Konkurrent, weil er so vielseitig einsetzbar ist. Ich hoffe, dass seine Flexibilität nicht für ihn zum Nachteil wird.“

Deutschlands Jamal Musiala gestikuliert.

Die Fans wählten Jamal Musiala im Duell gegen England am 7. Juni 2022 mit 32,5 Prozent der Stimmen zum „Spieler des Spiels“.

Ein Startelf-Platz bei der WM auf dem Flügel scheint realistisch, angesichts der schwankenden Leistungen von Leroy Sané und Serge Gnabry.

Matthäus: „Es geht nach dem Leistungsprinzip, höre ich immer. Und wenn Musiala stärker ist als ein Spieler, der schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat, dann muss man ihn bringen – egal auf welcher Position. Er hat von allen deutschen Nationalspielern gegen die ‚Großen‘ am meisten überzeugt.“

Lothar Matthäus: „Wenn Musiala stärker ist, dann muss man ihn bringen“

Was halten Sie von dem Vorschlag: Musiala auf die Zehn und Thomas Müller vorne als falsche Neun einsetzen?

Matthäus: „Dann hat man Kai Havertz raus und man muss für ihn wieder einen Platz finden. Das ist doch das Schöne für Hansi Flick: Das ist jetzt eine Spielerei, und Hansi ist froh, dass er so viele gute Spieler und Möglichkeiten hat. Dadurch kann er auf Schwächephasen oder Müdigkeit eines Spielers reagieren und genauso auf taktische Ausrichtungen. Nach dem jetzigen Stand und mit meiner Erfahrung als Spieler, Trainer und Fußball-Experte müsste Musiala in Ungarn von Anfang spielen, wenn es nach dem Leistungsprinzip geht.“

Wie weit waren Sie als Spieler mit 19 Jahren?

Matthäus: „Die jungen Spieler sind generell alle weiter als wir früher. Mit ihren Möglichkeiten heutzutage im Nachwuchsbereich und in den Akademien: Trainingsgestaltung, Belastungssteuerung und was es sonst noch alles gibt. Das hatten wir früher nicht. Da hieß es: Raus, laufen, siegen und danach ein Bierchen trinken. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich das gleiche Talent hatte wie Musiala. Ich hatte den Willen und den Ehrgeiz, den hat Musiala aber auch. Aber er schwebt ja praktisch über den Platz.“

Trauen Sie Musiala zu, eines Tages Weltfußballer zu werden?

Matthäus: „Ich traue ihm zu, erst einmal auf dem Boden zu bleiben. Das Gefühl habe ich bei ihm: Er ist keiner, der abhebt. Und dann werden wir sehen. Es ist ein weiter Weg. Mit 19 Jahren habe ich auch nicht dran gedacht, eines Tages Weltfußballer zu werden. Mit 30 Jahren war es bei mir dann so weit. Und da hat Musiala noch ein bisschen Zeit. Die Zwischenschritte muss er auch noch hinbekommen.“

Was erwarten Sie für ein Spiel gegen Ungarn?

Matthäus: „Deutschland geht gegen Ungarn schon mal als klarer Favorit ins Spiel, alleine wenn man sich die Marktwerte der Spieler und deren aktuelle Vereine anschaut. Bei allem Respekt vor den Ungarn, so viel Selbstbewusstsein muss man haben. Darum müsste Deutschland das Spiel gewinnen. Das hat England aber auch gedacht und 0:1 verloren. Dadurch ist Deutschland gewarnt und wird den Gegner nicht unterschätzen, wie es vielleicht die Engländer getan haben. Die Möglichkeiten und die Qualität, die das DFB-Team hat, sollten sich dann in Budapest durchsetzen.“

Das letzte Spiel gegen Ungarn liegt ungefähr ein Jahr zurück. Damals hieß der Nationaltrainer noch Joachim Löw. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Mannschaft unter Hansi Flick?

Matthäus: „Das Spiel gegen England war im Vergleich zum Auftritt in Italien ein Schritt nach vorne. Aber ich bleibe fair: Bis zur WM in Katar ist es noch ein weiter Weg und darum bin ich vorsichtig und sage noch nicht: Wow, das ist es!“

Lothar Matthäus: „Ein echter Mittelstürmer würde uns guttun“

Im Torabschluss ist noch Luft nach oben.

Matthäus: „Ja, wir müssen die Tore machen! Vielleicht fehlt uns wirklich der klare Mittelstürmer, wie wir ihn früher stets hatten. Ich glaube schon, dass so ein Spielertyp der Mannschaft guttun würde. Man sieht ja: Die meisten Teams, die Titel gewinnen, haben eine echte Nummer neun, die gewisse Tore garantiert – und die haben wir schon seit längerer Zeit nicht.“

Englands Kyle Walker und Deutschlands Timo Werner (r) in Aktion.

Timo Werner zieht ab, Englands Kyle Walker eilt beim Duell in München (7. Juni 2022) herbei. 

Was kann Hansi Flick dagegen tun?

Matthäus: „Als Klubtrainer könnte er einen Stürmer aus dem Ausland verpflichten, als Nationaltrainer sind ihm die Hände gebunden. Und ich sehe in Deutschland derzeit nicht unbedingt jemanden, der auf dieser Position diese Tore garantiert.“

Lothar Matthäus: „Jonas Hofmann hat einen Riesen-Charakter“

Kann England-Torschütze Jonas Hofmann zur Geheimwaffe von Hansi Flick werden?

Matthäus: „Er hat auf alle Fälle einen Riesen-Charakter und hängt sich zu 100 Prozent rein. Das ist schon mal ein Vorteil, um auch Spielzeit zu bekommen. Er ist auf der rechten Seite variabel einsetzbar und ist jetzt kein Flügelstürmer und auch kein rechter Verteidiger. Er erledigt die Aufgabe, die ihm gegeben wird, gut. Jonas ist nicht auf der rechten Seite gebunden, sondern er ist mehr auf der halbrechten Position zu Hause, wo er auch das Tor gegen England geschossen hat.“

Welche Rolle trauen Sie Nico Schlotterbeck zu?

Lothar Matthäus: „Ich hatte durch meine Arbeit als Sky-Experte das Glück, ihn drei Spiele hintereinander zu sehen. Er war für mich eigentlich immer der beste Mann auf dem Platz. Natürlich macht er mal einen Fehlpass, aber weil er bewusst ein gewisses Risiko eingeht und nicht immer nur quer oder den langweiligen Pass spielt. Dann klappt halt mal die eine oder andere Aktion nicht, das ist auch in den vergangenen beiden Länderspielen vorgekommen. Das muss er noch abstellen, das wird er auch mit zunehmender Erfahrung machen. Andererseits ist er aktuell mehr als nur ein Konkurrent für Antonio Rüdiger oder Niklas Süle auf der Innenverteidiger-Position. Wobei ich da aktuell Süle mehr gefährdet sehe als Rüdiger. Der hat sich meiner Meinung nach in den vergangenen zwölf Monaten in der Nationalmannschaft festgespielt.“

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