Frauenfußball-Kolumne Kalender als Problem: Von Spiel zu Spiel und einer Verletzung in die nächste

DFB-Nationalspielerin Giulia Gwinn im EM-Halbfinale der Frauen am 27. Juli 2022 gegen Frankreich (2:1).

Giulia Gwinn, hier im EM-Halbfinale der deutschen Frauen am 27. Juli 2022 gegen Frankreich (2:1), gehört zu den „Opfern“ des im Frauenfußball prall gefüllten Spielplans: Sie verletzte sich innerhalb von zwei Jahren zweimal schwer.

Immer mehr (Top-)Spielerinnen des Frauenfußballs verletzen sich immer häufiger. Ein grundlegendes Problem: der volle Spielplan. Die einhellige Meinung: Es braucht Veränderungen.

Giulia Gwinn, Hanna Glas, Selina Cerci, Noemi Gentile. All diese Spielerinnen eint eines: Sie haben sich das Kreuzband gerissen. Die Liste mit Bundesliga-Akteurinnen, die aktuell schwer verletzt ihren Teams fehlen, ist lang – zu lang.

Im Frauen-Fußball häufen sich in diesem Jahr Verletzungen in alarmierender Anzahl. Fans und Verantwortliche sind gleichermaßen besorgt. Viele halten den vollen Spielplan für die grundlegende Ursache der schweren Verletzungen.

„Spielplan für Frauen und Männer ist einfach zu voll“

Vivianne Miedema, Rekord-Torschützin der Niederlande mit Bundesliga-Vergangenheit, thematisierte das Thema jüngst in einer Kolumne. Sie sehe ein „besorgniserregendes Muster“ hinter den vermehrten Verletzungen. „Der Spielplan für Frauen und Männer ist einfach zu voll“, schrieb die 26-Jährige. „Ich spiele gerne Fußball und fühle mich privilegiert. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Gesundheit ignoriert werden sollte.“

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Die Niederländerin war während der Europameisterschaft in England an Covid-19 erkrankt. Nur wenige Tage nach dem negativen Test stand sie wieder auf dem Rasen und spielte über volle 120 Minuten für „Oranje“. Aufgrund dessen hatte sie im Liga-Betrieb zuletzt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und bat ihre Trainer um eine mehrwöchige Auszeit. So überraschend dieses Vorgehen der Spielerin sein mag, so verständlich und sinnvoll war es.

Miedema spielt in der englischen Women’s Super League (WSL) beim FC Arsenal. Wie auch in Deutschland gibt es dort auf nationaler Ebene nicht nur die Liga, sondern auch einen beziehungsweise mehrere Pokalwettbewerbe. Gleichzeitig sind im internationalen Fußball der Frauen seit 2021 für vier aufeinanderfolgende Sommer hochkarätige Wettbewerbe angesetzt. Im vergangenen Jahr waren mehrere Nationalmannschaften bei den Olympischen Spielen in Tokyo im Einsatz. Diesen Sommer fand die EM in England statt. 2023 geht es für die Fußball-WM nach Australien und Neuseeland, 2024 stehen wiederum die Olympischen Spiele in Paris an.

Zwischen all diesen Wettbewerben absolvieren die Nationalmannschaften mehrmals Qualifikations- und Freundschaftsspiele. Ab Herbst 2023 wird darüber hinaus eine Nations League im Fußball der Frauen eingeführt, die den Spielplan zusätzlich füllt. Auch auf Klub-Ebene kommen zahlreiche Partien hinzu. Mit dem neuen Format der Women’s Champions League (UWCL) wurde 2021 eine Gruppenphase eingeführt, mit der eine Mannschaft, die es bis ins Finale des Wettbewerbs schafft, auf insgesamt elf Spiele käme, die sich zu den zahlreichen Liga- und Pokalspielen gesellen.

Erhöhte Verletzungsgefahr für Top-Spielerinnen

Vor allem für die internationalen Top-Spielerinnen bleibt kaum Zeit für Pausen. Dies zeigt sich nun in Form der Verletzungswelle im Fußball der Frauen. Unter anderem die zweifache Weltfußballerin Alexia Putellas sowie Beth Mead, ihres Zeichens EM-Torschützenkönigin, rissen sich, wie zu viele ihrer Kolleginnen, in diesem Jahr das Kreuzband.

Für die eingangs erwähnte Giulia Gwinn ist es übrigens die zweite schwere Verletzung innerhalb von zwei Jahren. Zwischen der Rückkehr nach ihrem ersten Kreuzbandriss und der erneuten Verletzung im Oktober stand sie in 56 von 65 möglichen Partien für ihren Klub sowie die Nationalmannschaft auf dem Platz.

Der volle Spielplan und die Ansetzungen der Partien haben einen erheblichen Einfluss auf die Regenerationszeit der Spielerinnen. So finden UWCL-Spiele unter der Woche statt, bis zum nächsten Liga- oder Pokalspiel bleiben danach oft nur drei oder vier Tage. Zu wenig, um sich von 90 anstrengenden Minuten ausreichend zu erholen.

Es verwundert daher nicht, dass sich Spielerinnen wie Vivianne Miedema regelrecht verheizt fühlen. Neben intensiven Partien und Trainingseinheiten sind besonders die Reisen zwischen den Spielorten purer Stress. In der UWCL, EM und WM lassen sich diese kaum vermeiden, verkürzen aber natürlich die Regenerationszeit.


Alina Ruprecht ist freie Autorin bei EXPRESS.de und kümmert sich in ihren Kolumnen um das Thema Frauenfußball. Sie ist Mitglied von FRÜF - Frauen reden über Fußball.


Neben dem vollen Spielplan begünstigen auch andere Faktoren schwere Verletzungen. Einer davon: Nicht jeder Verein verfügt über hochmoderne Trainingseinrichtungen und -bedingungen oder genügend geschultes Personal im medizinisch-physiologischen Bereich.

Einen großen Einfluss auf das Verletzungsgeschehen bei Fußballspielerinnen hat auch der Zyklus. Nicht jede Mannschaft hat die Möglichkeiten, das Training und die Belastungssteuerung individuell darauf anzupassen. Auf Ebene der Verbände wird zu wenig Forschung betrieben, um Einflüsse und Faktoren im Hinblick auf schwere Verletzungen im Sport der Frauen zu untersuchen und, auf Basis dessen, Präventivmaßnahmen zu ergreifen.

Marta, Ellie Carpenter, Catarina Macario, Verena Wieder – all diese Spielerinnen haben ebenfalls Kreuzbandrisse erlitten und stehen dafür, dass es im Fußball der Frauen radikale Veränderungen braucht. Diese haben einzig und alleine der Gesundheit der Athletinnen zu dienen, die an dem Sport, den sie lieben, nicht kaputtgehen sollen. (aru)

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