Der 1. FC Köln geht mit einem jungen Trainer in die Saison. Für René Wagner (38) ist es die erste Station als Chefcoach. Im Verein sind sie überzeugt von seinen Fähigkeiten, im Umfeld noch nicht alle. EXPRESS.de sprach mit einem Experten über die Schwierigkeiten eines Trainerneulings.
„Spieler schauen genau darauf“Experten-Rat an den FC im Umgang mit Trainer Wagner

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Sportchef Thomas Kessler, Kaderplaner Tim Steidten und Trainer René Wagner (v.l.) wollen beim 1. FC Köln langfristig etwas aufbauen.

Die ersten drei Pflichtspiele als neuer Chefcoach hat René Wagner hinter sich. Ein Sieg im Pokal in Würzburg, ein Sieg gegen Hoffenheim und eine Niederlage in Stuttgart sorgen für einen Punkteschnitt von 2,0.
Zum Ende der Vorsaison war Wagner schon für sieben Spiele Interimstrainer des FC. Er schaffte mit dem Team den Klassenerhalt, kam aber nur auf einen Punkteschnitt von 0,86. Im Umfeld waren also viele Experten und Fans kritisch: Ist es wirklich der richtige Schritt, ihn zum Cheftrainer zu machen?
Mentaltrainer Bosch: „Kontinuität ist sehr wichtig“
Im Verein waren sie alle überzeugt von Wagners Qualitäten. Sportchef Thomas Kessler (40) soll schon bei der Rückholaktion von Wagner 2025 den Plan im Hinterkopf gehabt haben, dass Wagner einmal neuer Cheftrainer beim FC wird. Aktuell sind sie alle happy mit der Wahl. Wagner hat einen guten Draht zur Mannschaft, findet intern den richtigen Ton, geht die Aufgabe mit viel Gefühl an. Und er hat die ersten Punkte eingefahren. Doch nach dem 1:4 in Stuttgart melden sich in den sozialen Netzwerken auch wieder die Nörgler zu Wort.
EXPRESS.de sprach mit einem Experten über den Start von Wagners Trainerkarriere. Andreas Bosch (46) ist seit über zwölf Jahren Mentaltrainer. Aktuell leitet er als Vorsitzender den Deutschen Bundesverband Sportmentaltraining. Bosch ist als Experte für mentale Stärke im deutschen Profifußball ein gefragter Mann.
Wie kann ein junger Trainer schnell sein Profil schärfen und sich ein Standing in der Mannschaft erarbeiten?
Andreas Bosch: Aus meiner Sicht braucht es vor allem Klarheit und Verlässlichkeit. Die Spieler müssen wissen, wofür der Trainer steht, was er von ihnen erwartet und worauf sie sich bei ihm verlassen können. Gerade ein junger Trainer sollte dabei nicht versuchen, besonders hart aufzutreten, nur um sich Respekt zu verschaffen. Das merken Spieler sehr schnell. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn das eigene Verhalten zu den eigenen Aussagen passt. Respekt bekommt ein Trainer nicht durch Lautstärke, sondern durch Klarheit und Verlässlichkeit.
Wie geht man als Coach am besten mit dem Druck um, Ergebnisse liefern zu müssen?
Bosch: Druck gehört zum Profifußball dazu. Entscheidend ist, ob der Druck einen Trainer irgendwann steuert oder ob er selbst noch handlungsfähig bleibt. Ich arbeite mit Trainern deshalb viel daran, den Fokus auf die Dinge zu richten, die sie tatsächlich beeinflussen können. Die Vorbereitung, die eigene Kommunikation, Entscheidungen, den Umgang mit Fehlern. Das Ergebnis kann man nicht vollständig kontrollieren. Wenn ein Trainer nur noch auf die Tabelle und das nächste Ergebnis schaut, wird es schwierig, gute Entscheidungen zu treffen. Ein Trainer darf sich vom Ergebnis nicht seine Handlungsfähigkeit nehmen lassen.
Bei Wagner ist die Situation besonders, weil er mit einem kleinen Rucksack in die Saison geht. Wie kann er den ablegen? Geht das nur über Siege?
Bosch: Siege helfen natürlich, gerade im Profifußball. Aber ich würde nicht sagen, dass dieser Rucksack ausschließlich durch Siege leichter wird. Entscheidend ist auch das Gefühl, wieder Einfluss auf die Situation zu haben. Wenn ein Trainer merkt, dass seine Mannschaft seine Ideen annimmt, Abläufe funktionieren und die Kommunikation innerhalb der Mannschaft stimmt, entsteht wieder Vertrauen. Das kann mental sehr viel verändern. Wenn man dagegen nur von Spiel zu Spiel auf das Ergebnis schaut, kann sich der Druck sogar noch verstärken.
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Welche Note gebt ihr dem Transfer-Sommer beim 1. FC Köln?
Für viele Fans zählen in erster Linie Ergebnisse. Die Verantwortlichen im Verein beurteilen Trainer aber an weitaus mehr Parametern. Wie könnte man Wagner in der Öffentlichkeit zur Seite stehen, wenn Siege ausbleiben?
Bosch: Ein Verein muss nicht jede Kritik von außen kommentieren. Er sollte aber intern eine klare Haltung haben und diese, wenn es notwendig ist, auch nach außen zeigen. Wenn die Verantwortlichen von einem Trainer überzeugt sind, darf das in schwierigen Phasen auch erkennbar sein. Das heißt nicht, schlechte Ergebnisse schönzureden oder Kritik zu ignorieren. Es geht darum, die Gesamtsituation zu betrachten und nicht jede einzelne Partie isoliert zu bewerten. Rückendeckung bedeutet für mich vor allem, auch unter Druck eine klare Linie zu behalten.

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Andreas Bosch ist seit über zwölf Jahren Mentaltrainer.
In den vergangenen zehn Jahren gab es zwölf verschiedene Trainer beim 1. FC Köln. Richtig besser wurde es nie über einen längeren Zeitraum. Der Wunsch nach Kontinuität ist groß. Wie kann der FC das umsetzen? Muss man jetzt auch mal längere Durststrecken gemeinsam aushalten?
Bosch: Kontinuität ist aus meiner Sicht sehr wichtig, gerade im Leistungssport. Aber sie darf nicht bedeuten, dass ein Trainer unabhängig von der Entwicklung immer weitermachen darf. Ein Verein sollte vorher sehr klar definieren, woran er Entwicklung festmacht. Natürlich gehören Ergebnisse dazu. Aber eben auch die Entwicklung der Mannschaft, die Zusammenarbeit innerhalb des Teams und die Frage, ob die gemeinsame Idee noch trägt. Wenn diese Dinge stimmen, muss man auch einmal eine schwierigere Phase aushalten können. Entwicklung verläuft im Fußball selten geradlinig. Wer bei jedem Gegenwind sofort die Richtung verändert, wird es schwer haben, langfristig etwas aufzubauen.
Spielt es bei Misserfolg eine große Rolle, dass Wagner keine eigene Spielerkarriere im Profibereich vorzuweisen hat? Vertrauen Spieler einem Coach dann weniger?
Bosch: Eine eigene Profikarriere kann sicherlich helfen, weil man bestimmte Situationen selbst erlebt hat. Sie ist aber keine Voraussetzung dafür, dass Spieler einem Trainer vertrauen. Die Spieler erleben ihren Trainer jeden Tag. Sie merken sehr schnell, ob er klar ist, ob er glaubwürdig ist und ob er ihnen Orientierung gibt. Und natürlich spielt auch eine Rolle, ob sie das Gefühl haben, dass sie unter diesem Trainer besser werden. Am Ende entscheidet aus meiner Sicht nicht der Lebenslauf allein darüber, ob eine Mannschaft einem Trainer folgt.
Ist der Standort Köln mit dem emotionalen Umfeld eine Ausrede, dass kontinuierliche Arbeit mit einem Trainer schwierig ist? Oder ist Kontinuität auch hier möglich? Wie müssten sich die Verantwortlichen dann verhalten und mit Misserfolgsserien umgehen?
Bosch: Köln ist ein emotionaler Fußballstandort. Das muss aber kein Nachteil sein. Auch in einem solchen Umfeld ist kontinuierliche Arbeit möglich. Dafür müssen die Verantwortlichen allerdings eine gemeinsame Linie haben und diese auch dann beibehalten, wenn der Druck von außen größer wird. Gerade in einer Misserfolgsserie schauen Spieler sehr genau darauf, wie der Verein mit der Situation umgeht. Wenn intern Ruhe und Klarheit herrschen, kann das einer Mannschaft Stabilität geben. Wenn dagegen jeder Rückschlag zu neuen Diskussionen und unterschiedlichen Botschaften führt, wird die Situation für alle Beteiligten schwieriger. Ein emotionales Umfeld ist nicht das Problem. Entscheidend ist, wie professionell man mit diesen Emotionen umgeht.
