Was ist beim 1. FC Köln in den vergangenen Monaten passiert? Zunächst wurde der Aufsteiger gefeiert, dann durchgereicht. Moderator Thomas Wagner spricht im Interview mit EXPRESS.de über die Lage.
FC unter der LupeSky-Moderator Wagner: „Urteil über Kessler wird negativer“

Der 1. FC Köln hat im Abstiegskampf einen Trainerwechsel vollzogen. Nach der Länderspielpause geht es in die entscheidende Phase. An der Seitenlinie steht dann nicht mehr Lukas Kwasniok (44), sondern sein Co-Trainer René Wagner.
Im EXPRESS.de-Interview spricht Sportmoderator Thomas Wagner (54, Sky, RTL und MagentaSport) vor den letzten sieben Spieltagen über die Lage beim 1. FC Köln.
Thomas Wagner wundert sich über die Entwicklung von Kwasniok in Köln
Wie beurteilst du den Trainerwechsel beim 1. FC Köln?
Thomas Wagner: Für Sportchef Thomas Kessler war es keine einfache Situation, weil die Indizien für einen Trainerwechsel nicht so deutlich gegeben waren. Der FC hat relativ attraktiven Fußball gespielt und war nie chancenlos. Aber es hat trotzdem immer etwas gefehlt, um Spiele zu gewinnen.
Kommt der Zeitpunkt überraschend, oder hätte man länger an Kwasniok festhalten müssen?
Wagner: Man hatte ja seit Wochen immer die Hoffnung auf einen Sieg und hat dem Trainer noch Chancen gelassen. Alle anderen Mannschaften, die unten in der Tabelle stehen, waren dort seit Saisonbeginn. Köln ist aber erst allmählich in den Abstiegskampf geraten. Das Polster nach dem guten Start ist weg, da ist es jetzt nicht überraschend, dass man gehandelt hat. Aber es ist schon pikant, den Trainer jetzt freizustellen, denn das 3:3 im Derby gegen Mönchengladbach war ein richtig gutes Spiel.
Glaubst du denn, dass René Wagner jetzt neue Impulse setzen kann?
Wagner: Ich weiß es nicht, er war ja bislang an allem beteiligt. Das muss man ja auch sagen. Aber ich höre viel Gutes. Er soll ein riesiges Trainertalent sein. Ich habe allerdings auch ein paar Fragezeichen. Im Vorfeld der Saison wurde er nach Köln geholt, weil man in ihm auch einen potenziellen Cheftrainer gesehen hat. Für mich ist das nicht die beste Ausgangslage für ein erfolgreiches Verhältnis zwischen Trainer und Co-Trainer. Das kann funktionieren, muss aber nicht.
Schon seit dem Winter hieß es, dass Kwasniok Teile der Kabine verloren hatte. Wagner hingegen soll den Laden zusammengehalten haben …
Wagner: Ja, das ist ein Punkt, den ich auch kritisch sehe. Dass viele Spieler gegen den Trainer gewesen sind, hat man auf dem Platz nie gesehen. Aber wenn man nah dran ist, hätte die sportliche Führung erkennen müssen, dass es solche Risse im Innenleben gibt. Und dann hätte man Kwasniok auch früher entlassen müssen. Das lässt mein Urteil über die sportliche Leitung mit Kessler etwas negativer ausfallen.
Bei El Mala hat Kwasniok viel richtig gemacht
Welche Fehler hat Kwasniok aus deiner Sicht gemacht?
Wagner: Ich habe ihm schon zu seiner Zeit in Saarbrücken gesagt, dass er mich an den jungen Christoph Daum erinnert. Aber der konnte sich seine spezielle Art leisten, weil er schon früh Erfolge vorzuweisen hatte. Kwasniok hat zwar attraktiven Fußball spielen lassen, aber er hat es auch in allen Bereichen übertrieben. Bei der Aufstellung, den Wechselspielen, und auch neben dem Platz. Etablierte Spieler wie Florian Kainz oder Luca Waldschmidt waren nicht gerade seine Freunde. Dass er am Ende bei vielen Themen so danebengelegen hat, ist für mich auch unverständlich. Aber Köln war gewarnt, dass Kwasniok seinen eigenen Kopf hat. Dann muss man ihn im Klub besser führen.
Wie beurteilst du die Entwicklung von Said El Mala?
Wagner: Da muss ich sagen, hat Kwasniok viel richtig gemacht. Er hat ihn dosiert aufgebaut. El Mala hatte seine Themen, nachdem er so gut gestartet war. Plötzlich waren alle auf ihn eingestellt. Aber er hat sich jetzt enorm gesteigert. El Mala hat mehr Varianz im Spiel und ist auch körperlich einen Schritt weiter. Auch wenn er mit dem Trainer nicht immer auf einer Wellenlänge lag, hat er dazugelernt. Und wenn er diese Form hält, ist er für mich definitiv eine Option für die WM im Sommer. So viele Spieler mit seinen Qualitäten haben wir in Deutschland nicht.
Hättest du denn nach Kwasniok jetzt im Abstiegskampf eher einen erfahrenen Trainer installiert?
Wagner: Es gab ja einige Optionen für Kessler. Der ein oder andere FC-Fan hat ja sogar von Dino Toppmöller geträumt. Aber man muss auch sehen: Nicht jeder tut sich das an, mit der Gefahr abzusteigen. Selbst beim Klassenerhalt des 1. FC Köln muss man nach der Saison Aufbauarbeit leisten. Mit dem Kader, den Kessler zusammengestellt hat, muss der FC eigentlich zwischen Platz 10 und 14 landen. Nach dem Start war die Ausgangslage dafür perfekt. Doch jetzt ist mit dem Trainer-Aus auch die erste Kerbe in Kesslers junger Karriere entstanden.
Friedhelm Funkel hätte bestimmt Ja gesagt, wenn Kessler gefragt hätte …
Wagner: Ja, aber da muss man die Frage stellen: Wenn er wieder Funkel angerufen hätte, wäre das wirklich seine Handschrift gewesen? Jetzt besteht die Hoffnung, dass René Wagner den FC rettet, dann muss Kessler seine Ausrichtung nicht ändern. Aber die Option mit Funkel hält er sich natürlich offen. Wer weiß, vielleicht packt er bald noch seine Tasche und schlägt am Geißbockheim auf.
Ein Blick auf die Spieler, die enttäuschten: Müssen Johannesson, Bülter oder Waldschmidt jetzt endlich liefern? Spielen sie nach Kwasniok befreit auf?
Wagner: Johannesson ist eine sinnbildliche Personalie für die FC-Problematik. Er startete stark, wurde von Kwasniok als Königstransfer gefeiert. Und dann spielte er gar keine Rolle mehr. Kaminski wurde über den ganzen Platz verschoben. Dann war er auch auf seiner Stammposition nicht mehr effektiv. Waldschmidt hat natürlich überragende Fähigkeiten. Die hat er aber in den vergangenen Jahren nie konstant gezeigt. Und bei Bülters Formverlust muss man auch die Frage stellen: Ist daran immer der Trainer schuld? Martel hat sich nie hängen lassen, aber man hat auch gesehen, dass er vielleicht nur ein ordentlicher Bundesligaspieler ist und es für eine Karriere bei einem Weltklub nicht reicht. Fakt ist: Jetzt haben sie die Chance, sich neu zu beweisen. Vielleicht kann ein Trainerwechsel ja etwas freisetzen.
Wer steigt denn am Ende der Saison ab?
Wagner: Ab Platz neun ist es ein brutaler Kampf! Ich wünsche keinem Verein den Abstieg, denn da hängt immer viel dran für Mitarbeiter und Fans. Aber ich glaube, dass Heidenheim weg ist. In Wolfsburg gibt es bislang auch noch nicht den richtigen Hecking-Effekt. Mainz hat sich stabilisiert unter Urs Fischer. Aktuell spricht selbst laut KI viel dafür, dass Heidenheim, Wolfsburg und St. Pauli auf den letzten Plätzen bleiben.



