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Interview

„Da kochen die kölschen Fans“Moderator Wagner über FC und Nagelsmann

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Er ist nah dran am Fußballgeschäft wie kaum ein anderer: Moderator Thomas Wagner berichtet bei der anstehenden WM vom DFB-Quartier. Auch zum 1. FC Köln hat er immer eine starke Meinung. Das Interview:

Es wird ein heißer Sommer beim 1. FC Köln und beim DFB. Für den neuen Trainer René Wagner (37) soll eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt werden. Ohne den FC findet dann die WM in den USA, Kanada und Mexiko statt. Bundestrainer Julian Nagelsmann (38) hat Youngster Said El Mala (19) im Aufgebot ignoriert.

Einer, der nah dran ist, spricht über beide Trainer: Thomas Wagner (54) berichtet für MagentaTV von der WM. Und zwar vom deutschen Hauptquartier in Winston-Salem.

Wagner & Wagner: Lieblingsitaliener in Köln Sülz

Thomas, erste Frage: Bist du eigentlich mit Köln-Trainer René Wagner verwandt?

Thomas Wagner (lacht): Nein, wir haben lediglich den gleichen Nachnamen. Und denselben Stammitaliener, Lo Sfizio in Sülz. Ich habe ihn dort ab und zu gesehen. Er ist ein netter Typ, bescheiden, und er hat einen guten Geschmack beim Essen.

Glaubst du, dass er beim 1. FC Köln etwas bewirken kann?

Wagner: Er hat in der abgelaufenen Saison seinen Auftrag erfüllt. Das war zwar keine spielerische Glanzleistung, aber der FC hat mit ihm die Klasse gehalten. Wenn man jetzt beim FC von Wagner überzeugt ist, sollte man ihm die Chance auch geben. Er kann jetzt ein Team auch nach seinen Vorstellungen zusammenstellen und eine komplette Vorbereitung gestalten. Ihn abschließend zu bewerten, ist jetzt also noch viel zu früh. Gebt ihm die Zeit! Aber klar ist auch: Nachdem sich Lukas Kwasniok als Fehlgriff erwiesen hat, steigt mit der Entscheidung pro Wagner der Druck auf Sportchef Thomas Kessler.

Für dich geht es bald zur WM. Was ist genau dein Job?

Wagner: Ich bin für MagentaTV Moderator im Studio in Winston-Salem in North Carolina, wo das deutsche WM-Quartier liegt. Magenta ist Hauptrechteinhaber und überträgt alle 104 WM-Spiele. Dadurch haben wir vor Ort auch gewisse Exklusivrechte, bekommen Spieler-Interviews oder Termine mit Bundestrainer Nagelsmann. Ich werde also alles rund um die DFB-Mannschaft in die deutschen Wohnzimmer transportieren.

Kommt ihr mit der Zeitumstellung dann überhaupt mal zur Ruhe?

Wagner: Das wird auf jeden Fall eine Herausforderung, an die wir uns gewöhnen müssen. In den USA sind wir sechs Stunden zurück. Heißt: 18 Uhr vor Ort, sind 12 Uhr mittags in Deutschland. Unser Hotel liegt nur zwei Kilometer vom DFB-Quartier entfernt. Wir beginnen dann also schon zum Frühstück in Deutschland mit den Übertragungen und arbeiten bis tief in die Nacht. Dabei verfolge ich die öffentlichen Trainingseinheiten und die täglichen Pressekonferenzen. Zudem gibt es Einzeltermine.

Wagner: Nagelsmann hat Gefahrenherde beim DFB geschaffen

Ist das Arbeiten vor Ort zäh oder macht es Freude?

Wagner: Ganz klar, das macht großen Spaß. Zum einen ist es eine Ehre, so nah am deutschen Team zu sein. Und dann haben auch die Spieler durchaus Spaß. 2022 saß ich mit Füllkrug bei einem Termin, der nur zehn Minuten dauern durfte. Wir haben uns erst einmal länger über die 2. Liga unterhalten. Da rief ein DFB-Mitarbeiter rein: ,Ihr habt nicht mehr viel Zeit, redet auch über das Aktuelle.‘ Füllkrug intervenierte: ,Wieso, wir haben heute eh nichts mehr zu tun hier.‘ Für die Spieler ist es also auch mal eine willkommene Abwechslung, außerhalb des Quartiers etwas zu plaudern oder zu erleben.

Beim DFB hat es ein junger Coach schon zum Bundestrainer geschafft. Wie nimmst du Julian Nagelsmann wahr?

Wagner: Ich habe damals sein erstes Spiel für die TSG Hoffenheim für Sky moderiert. Das war für mich schon eine kuriose Situation, denn ich war älter als der Trainer. Normalerweise trifft man ja eher auf gestandene Persönlichkeiten. Damals hat mir seine Art der Herangehensweise imponiert. Er hatte ja nie einen Mangel an Selbstvertrauen. In Hoffenheim und später auch in Leipzig hat mir das gefallen. Doch mit seiner Zeit beim FC Bayern München hat er in meinen Augen das Maß zwischen Selbstvertrauen und Überheblichkeit etwas verloren. Gerade in den vergangenen Monaten war er schlecht beraten.

Undav, Neuer oder Baumann – Kritikpunkte gibt es viele im Umgang mit Spielern.

Wagner: Ja, und zwar zu Recht. Die Undav-Personalie hat er kommunikativ schlecht gelöst. Und der Fall Neuer war die Krönung. Sein Auftritt im „Sportstudio“ war auch mehr als unglücklich. Eigentlich wollte er da über die Nominierung sprechen, doch die wurde ja nach hinten verschoben. Entweder muss er den Termin dann absagen oder er muss sich dort offener geben. Dass er die Namen auf der 55er-Nominierungsliste nicht kannte, war wohl ein misslungener Scherz.

Besonders der Umgang mit Torhüter Baumann war fatal, oder?

Wagner: Mir tut Baumann leid, denn Nagelsmann hatte ihm gesagt, dass er die Nummer 1 ist. Neuer wurde dann im März telefonisch kontaktiert, ob er sich vorstellen könne, im Falle einer Baumann-Verletzung einzuspringen. Und jetzt wurde Baumann von Nagelsmann mit der Entscheidung überrascht. Rein sportlich kann ich die Entscheidung, Neuer zur Nummer 1 zu machen, auch nicht unbedingt nachvollziehen. Wir reden ja nicht mehr über den Neuer von der WM 2014, als er der beste Keeper der Welt war. Bei der WM 2018 war er nicht fit und 2022 hat er in Katar einige Fehler gemacht. Deutschland schied in der Vorrunde aus. In der Champions League war er bei den Bayern im Hinspiel bei Real Madrid Weltklasse. Im Rückspiel hat er sich zwei Patzer erlaubt. Jetzt kommt er als verletzungsanfällige Nummer 1 zurück und verändert damit auch die Hierarchie in der Kabine. Deshalb die Frage: Ist dieser Wechsel mit allen Begleiterscheinungen ein Upgrade zu Baumann? Für den ist die Entscheidung sicherlich verletzend, aber er hat einen tadellosen Charakter. Ich halte ihn für einen Keeper von internationaler Klasse. Weltklasse ist er nicht unbedingt, aber Neuer eben auch nicht mehr durchgehend. Mit dieser Entscheidung wurden auch einige potenzielle Gefahrenherde geschaffen. Was passiert, wenn Neuer sich doch verletzt oder er patzt? Für mich gab es diese Baustelle Torwart nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass Neuer Baumann unterstützt und ihm alles Gute wünscht – jetzt wurde ein unnötiges Thema eröffnet. Zudem: Nagelsmann hat immer Wert auf seine Rollengespräche gelegt. Was denken jetzt die Spieler, denen er gesagt hat, sie sind die Nummer 1 auf ihrer Position? Vertrauen sie ihm noch nach der Baumann-Entscheidung?

Heiß diskutiert wird auch die Nagelsmann-Entscheidung pro Sané und gegen Kölns Said El Mala. Wie siehst du das?

Wagner: Da kochen die kölschen Fans nicht nur innerlich. Ich sehe es aber auch so: El Mala hätte es mehr als verdient. Allein sein Tor gegen den FC Bayern hätte für mich den Ausschlag gegeben, ihn mitzunehmen. Er hat einfach etwas ganz Besonderes. Und er kann 20 Minuten vor Schluss dem Spiel noch einmal eine komplett neue Statik verpassen mit seiner Wucht und seiner Unbekümmertheit. Sané hat dagegen in der Türkei nur sieben Treffer erzielt. Er ist jetzt 30 Jahre alt! Wie lange wollen wir noch auf seinen Durchbruch warten? Er hat gewisse Skills, aber die ruft er eben nicht konstant ab. Also ich hätte El Mala oder Führich mitgenommen.

Muss man Youngsters wie El Mala nicht auch mitnehmen, weil ihnen die Zukunft gehört? Von Sané kann man ja in der Entwicklung nichts mehr erwarten…

Wagner: In einem 26er-Kader sollte immer Platz für zwei, drei junge Spieler sein, um sie an die Turnier-Atmosphäre zu gewöhnen.

Was erwartest du denn jetzt von der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft?

Wagner: Wenn alle fit sind und wir vorn mit Wirtz, Havertz und Musiala ins Rollen kommen, können wir jedem Gegner wehtun. Aber bei einem Gruppensieg wartet im Achtelfinale wohl schon Frankreich. Sie zählen für mich mit Argentinien und Spanien zu den absoluten Favoriten. Deutschland ist für mich nicht im obersten Topf. Die Gegner haben nach den letzten Turnieren auch keine Angst mehr vor unserer Mannschaft. Früher waren wir fast immer mindestens im Halbfinale. Bei der WM 2018 und 2022 gab es das Vorrunden-Aus. Bei der EM 2021 war im Achtelfinale Schluss, 2024 im Viertelfinale. Das waren, trotz des Cucurella-Handspiels, für deutsches Anspruchsdenken vier eher missglückte Turniere.

Jakub Kamiński, Saïd El Mala und Cenk Özkacar beim Spiel gegen Union.
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