Bély Réthy ZDF-Reporter für Spiele beschimpft, die er gar nicht kommentiere

Bela Rethy EM ZDF

Béla Réthy, hier am 11. März, kommentiert seine letzte EM im ZDF.

Mainz – Seit rund 30 Jahren gehört die Stimme von ZDF-Kommentator Béla Réthy (64) untrennbar zu den Übertragungen bei Welt- und Europameisterschaften. Doch das Reporter-Urgestein ist inzwischen auf Abschiedstournee, auf seine letzte EM im Sommer folgt die WM 2022 als letztes Turnier für Réthy.

  • Béla Réthy kommentiert EM 2021 im ZDF
  • Réthy beendet Laufbahn nach der WM 2022
  • Hoffnung auf letzten Final-Einsatz bei der Euro

Im EXPRESS-Interview blickt der erfahrene Kommentator auf besondere Momente seiner Laufbahn und die anstehende Euro 2021, bei der er das Finale kommentieren könnte. Auch zur zunehmenden Kritik in den sozialen Netzwerken bezieht Réthy Stellung.

Béla Réthy hört nach der WM 2022 als Kommentator beim ZDF auf

Herr Réthy, Sie kommentieren seit 1994 die großen Turniere. Ist eine über den ganzen Kontinent verteilte EM, verbunden mit der aktuellen Corona-Lage, aber noch einmal eine ganz neue Herausforderung?

Ich freue mich auf jedes Turnier, das ist alle zwei Jahre das Sahnehäubchen. Ich hätte es aber favorisiert, wenn die UEFA sich der Lage angepasst und das Turnier nur in einem oder zwei Ländern ausgetragen hätte. Dann müsste man nicht alle Mannschaften, Fans und Journalisten durch die Gegend reisen lassen. Für mich ist es aber trotzdem eine reizvolle Geschichte, auch wenn ich eine andere Lösung bevorzugt hätte – beispielsweise England, mit niedrigen Inzidenzen und einer zu immer größeren Teilen durchgeimpften Bevölkerung.

Dem ZDF bereitet die Lage einen großen logistischen Aufwand. Noch ist nicht gesichert, dass jedes Spiel aus dem Stadion kommentiert werden kann.

Wir fahren in der Planung zweigleisig. Es gibt auch die Möglichkeit, aus dem Sendezentrum in Mainz zu kommentieren, aber natürlich ist das Kommentieren aus dem Stadion durch nichts zu ersetzen. Das ist auch weiterhin der Plan. Wir fahren zunächst auf Sicht, aber wenn es nicht anders geht, müssten wir mit einem Minimalprogramm arbeiten.

Die Spiele sollen alle vor Publikum stattfinden, teilweise sogar vor ausverkauftem Haus. Müssen Sie sich erst wieder an die Kulisse und die Lautstärke gewöhnen?

Ja, aber das mache ich sehr gerne. Das ist der Faktor, der die Vorfreude noch steigert: Dass endlich wieder Fans dabei sind. Selbst wenn es nur 10.000 sind. Wenn die temperamentvoll ihr Team anfeuern, dann hat man ein ganz anderes Gefühl. Fußball ohne Fans ist wie ein Fisch ohne Wasser. Als Kommentator kann man dann auch die Kulisse und die Dramaturgie viel besser einbauen. Zuletzt war immer das Gefühl dabei, als würde man Selbstgespräche führen.

Auch vielen Fans fehlte bei den Geisterspielen vor dem Fernseher die Emotion. Haben Sie aus Kommentatoren-Sicht Vorzüge der Spiele ohne Zuschauer ausgemacht?

Die Nachteile überwiegen eindeutig. Aber es gab ein paar nette Begleiterscheinungen: Man hat mit „Radio Müller“ einen ganz neuen Thomas Müller auf dem Platz kennengelernt. Aber selbst, wenn ich etwas im Stadion höre, ist nicht sicher, dass die Zuschauer das auch mitbekommen. In solchen Situationen habe ich dann gerne noch einmal zitiert und diese Sätze aufgenommen.

Als Kommentator ist man immer auch Kritik ausgesetzt, besonders wenn man in der Regel vor einem Millionenpublikum spricht. Verfolgen Sie die Meinungen zu ihren Einsätzen?

Das gehört zur Folklore. Wenn wir eine Diskussion über Qualität und Niveau in den sozialen Medien anfangen, dann haben wir viel zu tun. Jeder, der sich öffentlich äußert oder auch nur Luft holt, ist sofort Bewertungen ausgesetzt. Man darf sich davon bei der Arbeit nicht im Geringsten beeinflussen lassen.

Wächst mit der Zeit auch ein dickeres Fell?

Wenn man Routine hat, dann ist es natürlich leichter. Es ist ein Teil des Lebens. Ich stelle mich gerne konstruktiver Kritik, aber in den sozialen Netzwerken habe ich kaum etwas erlebt, was mich weitergebracht hätte. Manchmal werde ich für Spiele beschimpft, in denen ich gar nicht kommentiert habe. Es ist manchmal völlig wahllos und an diesem Punkt dann für mich irrelevant.

Bela Rethy EM ZDF

ZDF-Kommentator Béla Réthy, hier am 11. März bei einem Auftritt als Experte nach dem Rücktritt von Joachim Löw.

Kurz vor Beginn der WM 2022 kommen Sie bereits ins Renteneintrittsalter. Nehmen Sie das Turnier als Abschluss noch mit?

Die WM nächstes Jahr wird mein letztes Turnier. Der Rückflug aus Katar ist das Ende meiner letzten Dienstreise. Ich wäre 14 Tage vor WM-Beginn in die Rente gekommen. Ich war seit 1986 bei jeder Weltmeisterschaft dabei. So kurz vor einer WM wäre ein vorzeitiger Abschied emotional einfach unmöglich.

Das WM-Finale wird im kommenden Jahr in der ARD zu sehen sein, das EM-Endspiel dieses Jahr im ZDF. Ist es Ihre große Hoffnung für die Euro, die deutsche Mannschaft noch einmal im Finale kommentieren zu dürfen?

Dabei gibt es zunächst zwei Variablen: Ob die deutsche Mannschaft es ins Endspiel schafft und ob ich das Spiel dann auch kommentieren darf. Ich habe bei den großen Turnieren bisher alle Finals im ZDF kommentiert, daher habe ich zumindest die vage Hoffnung, dass es mit der Konstellation funktionieren könnte. Ich setze auf die Außenseiter-Rolle der deutschen Mannschaft. Es wäre schon sensationell, wenn Joachim Löw die lange Ära mit einem Finale beenden könnte. Aber ich habe die jüngsten Länderspiele auch noch im Kopf.

Béla Réthy setzt Hoffnung in DFB-Rückkehr von Thomas Müller und Mats Hummels

Welche Rolle spielt der bereits feststehende Abschied des Bundestrainers?

Dass Joachim Löw aufhört, bringt auch noch einmal einen enormen Impuls in die Mannschaft. Ich bin dadurch optimistischer, als ich es zuvor war. Löws Entscheidung kam nach erst nach den schwachen Spielen gegen Spanien und Nordmazedonien (0:6 und 1:2, Anm. d. Red.), daher glaube ich, dass die Uhren jetzt noch einmal auf null gestellt worden sind. Vielleicht ist es ein kleiner Vorteil, dass der DFB seit sehr langer Zeit mal wieder nicht zum Favoritenkreis gehört.

Halten Sie es für richtig, dass mit Müller und Hummels zwei zuvor ausgemusterte Weltmeister noch mal ihre Chance erhalten?

Absolut. Wenn man eine Nationalmannschaft als Formbarometer betrachtet und die besten Spieler der Bundesliga und der ausländischen Ligen heranzieht, dann passt das definitiv. Außerdem sind sie als Führungskräfte und Vorbilder für die jüngeren Spieler eine absolute Bereicherung für die Mannschaft.

Was erwarten Sie von der DFB-Auswahl? Steigert es die Chancen, dass Joachim Löw bei der EM voll auf das von Ihnen angesprochene Formbarometer setzt?

Ich denke schon. Wobei man auch sehen muss, dass die Spieler, die so vermisst wurden, eine sehr schlechte WM 2018 gespielt haben. Allerdings sind sie aktuell in sehr guter Verfassung, Müller gehörte zu den überragenden Spielern der Saison.

Schon die Gruppenphase dürfte mit Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und Ungarn eine große Herausforderung werden.

Wenn Deutschland zum Auftakt gegen Frankreich nicht verliert, dann gibt es einen solchen Schub, dass es weit gehen kann. Deren Kader mit der Offensive um Griezmann, Mbappé, jetzt auch noch Karim Benzema, ist absolute Weltklasse.

Béla Réthy sieht erweiterten Favoritenkreis bei der EM 2021

Gibt es bei dieser EM andere Teams, die Sie gerne kommentieren würden?

Ich halte sehr viel von den Belgiern, die 2018 eine tolle WM gespielt haben und erst im Halbfinale unglücklich gegen Frankreich ausgeschieden sind. Die Mannschaft macht große Freude, das Gleiche gilt für England mit einer jungen Auswahl.

Belgien_England_WM

Belgien und England trafen bei der WM 2018 im Spiel um Platz drei aufeinander und schielen diesmal auf den EM-Titel.

Wären das auch Ihre großen EM-Favoriten?

Man kann es sich einfach machen und Frankreich nennen. Vom Potenzial ist das noch immer die Nummer eins in Europa. Aber auch von den Italienern erwarte ich einiges. Die Mannschaft wurde unter Trainer Roberto Mancini deutlich verjüngt, hat seit knapp drei Jahren kein Spiel mehr verloren.

Zum Abschluss ein Blick zurück: Bei der EM 2008 mussten Sie wegen eines Bildausfalls bei Deutschlands Halbfinale gegen die Türkei als Radio-Kommentator improvisieren. Ist das bis heute ihr skurrilstes Erlebnis im Job?

Das war auf jeden Fall mit das Kurioseste und bleibt in Erinnerung. Ähnlich war es bei der EM 2012, als die Ukraine in Donezk gegen Frankreich gespielt hat und das Spiel nach wenigen Minuten wegen eines Gewitters lange unterbrochen wurde. Ich habe mit meinem damaligen Redakteur Martin Schneider bei der Übertragung knapp eine Stunde lang über die ukrainische Kultur und unser Essen vom Vorabend gesprochen, um die Leute bei Laune zu halten. Das war fast noch schwieriger, weil wir da technisch gar nicht vorbereitet waren. Das ging nur mit Galgenhumor.

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