Über Moskau brennt eine Raffinerie, Russlands Flughäfen stehen still – und die Ukraine greift tiefer ins russische Hinterland als je zuvor. Wie Kiew den Drohnenkrieg immer mehr für sich entscheidet.
Putin gerät immer weiter unter Druck„Moskau schläft ab jetzt nie mehr“

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Der russische Präsident Wladimir Putin gerät immer mehr unter Druck: Die Ukraine greift tiefer im russischen Hinterland an als je zuvor.
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Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich das Kräfteverhältnis im Drohnenkrieg aktuell offenbar deutlich verschoben – zugunsten Kiews. Nach Einschätzung ukrainischer Stellen beginnen Drohnenprogramme auf allen Ebenen, die russischen in den Schatten zu stellen. Die ukrainischen Angaben lassen sich dabei nicht unabhängig überprüfen. Die Konsequenzen sind jedoch spürbar – nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern inzwischen auch hoch über Moskau. Putins Krieg wird immer weiter in sein eigenes Land getragen.
„Moskau schläft ab jetzt nie mehr“, schrieb Robert Brovdi, Kommandeur von Ukraines Streitkräften für unbemannte Systeme, am 17. Mai auf Telegram. Kurz zuvor hatten ukrainische Streitkräfte einen der größten Luftangriffe des gesamten Krieges auf Moskau geflogen – Drohnen und Marschflugkörper trafen Ziele quer durch die russische Hauptstadt, darunter die schwer gesicherte Moskauer Raffinerie. Russische Luftfahrtbehörden sperrten daraufhin alle Flughäfen der Hauptstadt.
Russlands Drohnenoffensive steckt in der Krise
Auf dem Schlachtfeld sorgen Angriffe mit kleinen Kampfdrohnen inzwischen nach Einschätzung ukrainischer Stellen für rund 80 Prozent aller Gefallenen. Auch Russlands Frühjahrsoffensive 2026 gilt aus ukrainischer Sicht als ins Leere gelaufen. Ukrainische Drohnen dezimieren russische Infanterie so effektiv, dass Moskau mehr Soldaten verliert, als es rekrutieren kann. Laut dem ukrainischen Digitalminister Mychajlo Fedorow wurden allein im April 35.203 russische Soldaten getötet oder schwer verwundet – für einen Gebietsgewinn von gerade einmal 141 Quadratkilometern.

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Dieses Foto zeigt den Start einer ukrainischen Langstrecken-Drohne – wenige Stunden bevor Moskau einen Großangriff meldete.
Erschwerend für Russland kommt hinzu, dass Moskaus Truppen seit dem faktischen Ausschluss vom Starlink-Satellitennetz kaum noch auf schnelle, störsichere Kommunikation zurückgreifen können.
Russlands eigene Drohnenoffensive steckt derweil laut ukrainischen Angaben in der Krise. Der Plan, junge Technikstudenten für die unbemannten Streitkräfte zu gewinnen, scheiterte kläglich: In vier Monaten wurden nur 16 Prozent der Rekrutierungsziele erreicht. Zudem hat der dramatische Preisanstieg bei Glasfaserkabeln – von rund 300 Dollar auf 2.500 Dollar pro 50-Kilometer-Spule – die Kosten für russische Drohnenoperationen massiv in die Höhe getrieben.
Ukraine-Drohnen immer günstiger und effektiver
Hier zeigt sich das Kernprinzip des modernen asymmetrischen Drohnenkriegs: Die schwächere Seite setzt auf Mittel, die weit billiger sind als die des Gegners – und zwingt ihn damit, unverhältnismäßig hohe Ressourcen zu verbrauchen.
Eine ukrainische „Sting“-Abfangdrohne kostet 2300 Dollar – und schießt russische Schahed-Drohnen ab, die mindestens 35.000 Dollar das Stück kosten. Eine ukrainische Hornet-Drohne mit bis zu 200 Kilometern Reichweite schlägt mit 5000 Dollar zu Buche – die vergleichbare russische Lanzet X-51 kostet 68.000 Dollar. Jeder abgewehrte russische Angriff ist für Moskau damit nicht nur eine militärische, sondern auch eine wirtschaftliche Niederlage.

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Ein ukrainischer Soldat bei der Arbeit an einer „Bober“- oder „Beaver“-Drohne, die für Angriffe tief in russsichem Gebiet eingesetzt wird.
Besonders wirkungsvoll: Die Ukraine greift immer effektiver Ziele zwischen 20 und 200 Kilometern hinter der Front an. Munitionsdepots, Treibstofflager und Kommandoposten wurden so weit ins russische Hinterland zurückgedrängt, dass die Versorgung der Frontlinien immer schwieriger wird. „Vor dieser Kampagne lagerten sie alles etwa 60 bis 80 Kilometer von der Front. Heute sind es 100, 120 Kilometer – manchmal noch weiter“, sagt Drohnenpilot Dmytro Putiata laut „Kyjiw Independent“. Ein besonders symbolträchtiges Beispiel: Drohnen des Asow-Korps kreisten Ende April nahezu ungehindert über den russisch besetzten Städten Donezk und Mariupol – 160 Kilometer hinter der Frontlinie.
Drohnen treffen Russland an empfindlichster Stelle
Die Angriffe treffen Russland an seiner empfindlichsten Stelle: der Öl- und Gasinfrastruktur. Das Ölumschlagterminal Tuapse wurde zwischen April und Mai von vier großen Drohnenwellen getroffen.
Gleichzeitig wird Russlands eigener Drohnenangriff auf die Ukraine immer wirkungsloser. Beim massiven russischen Angriff am 13. und 14. Mai wurden 1567 Drohnen abgefeuert – doch 1473 davon wurden abgefangen oder neutralisiert: eine Abfangquote von 94 Prozent. „Die Ukraine hat eine größere Fähigkeit, Russland zu schmerzen, als je zuvor“, fasst Russland-Expertin Hanna Notte vom Center for Strategic and International Studies in Washington zusammen. „Und diese Fähigkeit wird nicht verschwinden.“ (mg)
