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Brisanter ReportDeutschland bereitet sich auf völlig falschen Krieg vor

Ein Panzer vom Typ Leopard 2A6 während einer Vorführung in der Kaserne in Münster

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Ein Panzer vom Typ Leopard 2A6 während einer Vorführung in der Kaserne in Münster

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Milliarden für die Bundeswehr, aber zu wenig für die Waffen der Zukunft: Eine neue Kieler Studie zeigt, warum sich Deutschland auf den falschen Krieg vorbereitet.

Deutschland pumpt so viel Geld in seine Streitkräfte wie kein anderes Land in Europa. Und trotzdem hinkt die Bundesrepublik bei einem entscheidenden Punkt hinterher: der Modernisierung für den Krieg von morgen. Das zeigt der neue Report des Instituts für Weltwirtschaft – und die Zahlen sind ernüchternd.

Im Jahr 2025 erreichte die deutsche Militärbeschaffung laut der Studie rund 85 Milliarden Euro – und dominierte damit die europäische Rüstungsbeschaffung insgesamt. Zum Vergleich: Großbritannien kam auf etwa 25 Milliarden Euro, Polen auf rund 21 Milliarden. Doch die Forscher stellen eine unbequeme Frage: Führt Deutschland auch in Sachen Innovation?

Nur 12 Prozent fürs Militär der Zukunft

Die Antwort der Kieler Ökonomen fällt klar aus. Von allen untersuchten 736 Beschaffungsaufträgen entfallen lediglich etwa zwölf Prozent der Ausgaben auf Systeme des „neuen Kriegsparadigmas“. Gemeint sind damit Waffensysteme und Technologien, die den modernen Krieg prägen: Drohnen, autonome Systeme, KI-gestützte Aufklärung.

Die jüngsten Kriege – in der Ukraine, aber auch im Iran – haben gezeigt, wie sehr sich die Kriegsführung verändert hat. Wer schnell und günstig produziert, repariert und ersetzt, kann sich Vorteile verschaffen. Wer nur auf teure Raketensysteme und Waffen setzt, könnte indes Probleme bekommen. Ein westliches Abwehrraketen-System wie Patriot kostet pro Abschuss etwa drei bis vier Millionen Euro. Die iranische Shahed-Drohne kostet in der Herstellung rund 20.000 bis 50.000 Euro. Wer Tausende Drohnen auf einmal schickt, zwingt den Gegner, sein teures Arsenal zu leeren.

Besonders alarmierend: In Deutschland stagnieren die absoluten Ausgaben für neue Systeme laut dem Report seit 2020 – und ihr Anteil am Gesamtbudget ist sogar deutlich gefallen. Großbritannien steigerte zumindest die absoluten Beträge, wenngleich der Anteil ebenfalls stagniert. Nur Polen erhöhte sowohl den Betrag als auch den Anteil. Mit anderen Worten: Das Land mit dem kleinsten Budget investiert relativ am konsequentesten in die Zukunft.

„Langsamste Transformation“

Die Studie ist in ihrer Kritik an Berlin ungewöhnlich direkt. Deutschland zeige trotz der höchsten Ausgaben in Europa „die langsamste Transformation der drei Länder – möglicherweise ein Spiegel des fehlenden politischen Führungswillens an der Spitze.“

Ein Grund dafür liege laut den Forschern in der deutschen Verteidigungsstrategie selbst: Sie sei „lediglich vom Verteidigungsminister gebilligt“ und bleibe sowohl auf strategischer als auch auf militärisch-technologischer Ebene „enttäuschend“. Überlegungen zur deutschen Rolle in der europäischen Verteidigung außerhalb der von den USA geführten NATO fehlten vollständig.

Bereiten wir uns auf den falschen Krieg vor?

Rüstet die Bundesrepublik also für den falschen Krieg auf? Deutschland beschafft vor allem klassisches Gerät – Panzer, Artillerie, konventionelle Fahrzeuge – für einen Krieg, der laut den Kieler Forschern zunehmend überholt ist.

Die Ukraine hat 2026 zunehmend Gefechte bestritten, bei denen ukrainische Drohnen oder autonome Systeme ohne direkte menschliche Steuerung russische Kräfte besiegt haben.

Drohnenpiloten der Ukraine beobachten in einer der Kommandozentralen des Khartiia-Korps Drohnenbilder über Kupiansk. Mit Drohnen und Robotik und Methoden aus der Privatwirtschaft soll die Einheit an der Front besonders schlagkräftig sein.

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Drohnenpiloten der Ukraine beobachten in einer der Kommandozentralen des Khartiia-Korps Drohnenbilder über Kupiansk. Mit Drohnen und Robotik und Methoden aus der Privatwirtschaft soll die Einheit an der Front besonders schlagkräftig sein.

Länder wie Estland stornieren bereits Milliardenaufträge für Kampffahrzeuge und setzen stattdessen ebenfalls auf Drohnen. Dänemark hat eigens einen „Defence Innovation Highway“ ins Leben gerufen, gemeinsam mit der Ukraine – mit dem Ziel, die Zusammenarbeit bei Innovationen zwischen der Ukraine und nordischen Ländern zu beschleunigen.

Und Deutschland? Sitzt auf langen Lieferzeiten. Sofern Liefertermine überhaupt angegeben werden, liegen sie „typischerweise zwischen zwei und vier Jahren in allen drei Ländern“, heißt es. Doch in Deutschland wächst laut Studie der Anteil der Bestellungen, bei denen gar kein Liefertermin angegeben wird – ein Trend, der in Großbritannien und Polen nicht beobachtet wird.

In den Planungen steckt zu wenig Europa

Auch ein weiteres Ergebnis der Studie gibt zu denken: Die Daten belegen einen starken „Home Bias“ – also eine Bevorzugung heimischer Anbieter. Käufe bei globalen Lieferanten brachen 2025 deutlich ein. „Eine echte gesamteuropäische Beschaffung bleibt äußerst begrenzt“, heißt es im Bericht – eine koordinierte europäische Aufrüstung? Fehlanzeige.

Die Forscher fordern eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Beschaffungsstrategie mit Vorrang für frühzeitigen technologischen Wandel. „Werden die Lehren daraus nicht gezogen, könnte dies durchaus dazu führen, dass glaubwürdige Abschreckungsfähigkeiten nicht erreicht werden oder nur zu übermäßig hohen Kosten.“ 

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