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Wahrheit über Putins „schwarze Hölle“Satellitenbilder zeigen Katastrophe in Russland

Dieses von 2026 Vantor zur Verfügung gestellte Satellitenbild, das am 16. April 2026 aufgenommen wurde, zeigt Rauch, der aus der Ölraffinerie in Tuapse im Südwesten Russlands aufsteigt.

Copyright: AFP

Dieses von 2026 Vantor zur Verfügung gestellte Satellitenbild, das am 16. April 2026 aufgenommen wurde, zeigt Rauch, der aus der Ölraffinerie in Tuapse im Südwesten Russlands aufsteigt. Es droht eine Umweltkatastrophe. 

Es ist Putins „schwarze Hölle“: Eine Reporterin besucht Tuapse – eine Stadt, in der laut den Behörden alles in Ordnung ist. Doch es droht eine verheerende Umweltkatastrophe. Und die Menschen dort verzweifeln. 

Seit Mitte April steht Tuapse, einst ein Urlaubsziel an der russischen Schwarzmeerküste, unter ukrainischem Drohnenbeschuss. Es sind die schwersten Angriffe seit dem Ende der Sowjetunion. Raffinerie- und Lageranlagen brennen, giftiger schwarzer Rauch steigt auf. Es herrscht Ausnahmezustand in der Region.

Die Brände haben bereits eine ökologische Katastrophe verursacht, die Strände sind verschmiert mit Öl. Doch keine russische Behörde will einlenken. Eine „Meduza“-Journalistin verbrachte vier Tage lang in der Stadt, erlebte selbst einen Drohnenangriff, half Freiwilligen bei der Rettung von Tieren – und sprach mit den verzweifelten Bewohnern.

„Bürger, beeilt euch!“

Schon bei ihrer Ankunft wird das Ausmaß der dramatischen Lage unmittelbar spürbar.

In der Nacht auf den 1. Mai steigt sie am Tuapser Bahnhof aus dem Zug – Polizisten empfangen die Reisenden mit den Worten: „Bürger, beeilt euch! Nochmal!“

In diesem Bild aus einem Video, das vom Telegram-Kanal des Gouverneurs der Region Krasnodar, Weniamin Kondratjew, veröffentlicht wurde, steigt Rauch auf nach einem Drohnenangriff auf die Ölraffinerie und das Ölterminal in Tuapse.

Copyright: Uncredited/Krasnodar regional governor Veniamin Kondratyev Telegram channel/AP/dpa

In diesem Bild aus einem Video, das vom Telegram-Kanal des Gouverneurs der Region Krasnodar, Weniamin Kondratjew, veröffentlicht wurde, steigt Rauch auf nach einem Drohnenangriff auf die Ölraffinerie und das Ölterminal in Tuapse.

Bevor klar wird, was „nochmal“ bedeutet, ist es schon zu hören: eine Explosion in der Ferne. Schüsse folgen – russische Soldaten versuchen, eine ukrainische Drohne abzuschießen.

Die Journalistin flüchtet unter ein Vordach vor einer Apotheke. Dann eine weitere Explosion, von oben fällt etwas. Sie erreicht in Sprints das Hotel. Das mobile Internet funktioniert nicht. 

Container mit ölverschmierten Überbleibseln, die von Fachleuten aus dem Küstenbereich geborgen wurden.

Copyright: IMAGO/SNA

Container mit ölverschmierten Überbleibseln, die von Fachleuten aus dem Küstenbereich geborgen wurden.

Gemeinsam mit zwei jungen Frauen und einem Mädchen versteckt sie sich in einem Ladengeschäft im Untergeschoss. „Ich kann nicht atmen“, sagt das Mädchen. „Atme tief ein, hab keine Angst“, antwortet die Journalistin. „Und wenn sie treffen?“

„Was ist mit denen, die ihre Häuser verloren haben?“

In der Stadt selbst ist der Alltag von einem Gemisch aus Erschöpfung, schwarzem Humor und wachsender Wut geprägt. Mit den Folgen der Brände wächst der Unmut in der Bevölkerung. Umweltaktivisten werfen den Behörden vor, zu spät und zu begrenzt reagiert zu haben. Experten fordern eine Evakuierung der gesamten Stadt, weil die Brände krebserregende Stoffe freigesetzt haben könnten.

Verkäuferinnen in einem Kosmetikladen – der trotz allem geöffnet hat – berichten, dass sie nach dem schlimmsten Angriff, bei dem zwei Kinder starben und der Brand in der Raffinerie ausbrach, zunächst einen Ruhetag bekamen. „Die Straßen brannten. Und wir haben dann weitergearbeitet … Aber was ist mit denen, die ihre Häuser verloren haben?“

Freiwillige waschen ölverschmierte Katzen ab.

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Freiwillige waschen ölverschmierte Katzen ab.

Offen kritisieren wollen sie die Behörden nicht – obwohl die ihnen kaum Informationen geben. „Wir husten ständig, das Atmen fällt schwer, als hätte man einen Kloß im Hals. Wir nehmen durch Filter – was bleibt uns sonst übrig? Wir sind niemandem wichtig.“

Die Freiwilligen, die aus ganz Russland nach Tuapse kommen, arbeiten ohne staatliche Unterstützung. Schutzanzüge in falschen Größen, zu wenige Atemmasken, kaum Ausrüstung. Die Freiwilligen waschen ölverschmierte Katzen, Hunde und Vögel in gusseisernen Badewannen, fahren an die Strände, um verölte Meeresenten zu fangen – was Stunden dauern kann, weil die Tiere die Menschen, die ihnen helfen wollen, für eine größere Bedrohung halten als das Öl. 

Der Strand zeigt die ganze Katastrophe

Am Strand ist das Ausmaß der Katastrophe körperlich zu spüren: Hunderte Meter Küstenlinie bedeckt von Ölflecken, das Wasser trägt eine Ölschicht, der Geruch dringt selbst durch die Maske – wie in einer Autowerkstatt ohne Belüftung. Im Unrat liegt der halb verweste Körper eines kleinen Delfins. Eine ölverschmierte Vogelmutter stirbt noch im Auto auf dem Rückweg ins Freiwilligenzentrum.

Die Behörden bestreiten die ökologische Katastrophe konsequent. Der Gouverneur der Region Krasnodar, Weniamin Kondratjew, behauptete in einem Interview, die ukrainischen Drohnen trügen zusätzliche Tanks mit Heizöl, um bei Abschuss große Flammen und Rauch zu erzeugen – „eine reine psychologische Attacke, eine Inszenierung für Kameras“.

Nach Angaben russischer Behörden war ein massiver Drohnenangriff für den Brand im Ölterminal von Tuapse verantwortlich.

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Nach Angaben russischer Behörden war ein massiver Drohnenangriff für den Brand im Ölterminal von Tuapse verantwortlich.

Nach Empörung in sozialen Netzwerken wurde das Interview gelöscht; die Behörden erklärten, die Website sei gehackt worden. 

Menschen sitzen in Cafés, gehen einkaufen, diskutieren, ob man Obst kaufen sollte, das tagelang unter freiem Himmel gestanden hat. Klagen über starke Kopfschmerzen, anhaltenden Husten, Kleidung, die nach wie vor nach Rauch riecht.

Die Behörden versprechen, dass bis zum 1. Juni alles wieder normal sein und die Tourismussaison wie geplant beginnen wird. Experten halten das für unmöglich. Die Freiwilligen lesen die Nachrichten dazu – und lachen. Dann ziehen sie ihren Schutzanzug an und fahren wieder an den Strand. (mg)

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