Der Kreml-Chef galt jahrelang als unantastbar. Nun zeigen Umfragen einen spürbaren Rückgang seiner Zustimmungswerte. Es scheint so, als ziehe ein Sturm auf.
„Ein Sturm ist aufgezogen“Das hat Putin in Russland lange nicht mehr erlebt

Copyright: IMAGO/ZUMA Wire
Russlands Präsident Wladimir Putin (hier im Sommer 2026 während einer Fernsehansprache) galt jahrelang als unantastbar.

Aktualisiert:
Drohnenangriffe, Internet-Sperren, massenhafte Tierschlachtungen und ein Krieg, der kein Ende findet: Russland steckt in einer Krise. Die Bürger scheinen zunehmend ihre Geduld zu verlieren. Und diese Entwicklung hinterlässt erstmals seit Jahren deutliche Spuren in den Beliebtheitswerten von Präsident Wladimir Putin.
Eine Reihe von Meinungsumfragen – darunter zwei von staatsnahen Instituten – verzeichneten in den vergangenen Wochen einen Rückgang der Unterstützung für Putin. Das Institut FOM, dessen wichtigster Auftraggeber die Präsidialverwaltung selbst ist, registrierte das niedrigste Vertrauen in Putin seit September 2022.
„Ein Sturm ist aufgezogen“
Soziologin Yelena Koneva kommentierte die Entwicklung in einem Beitrag für den renommierten ehemaligen Moskauer Radiosender Ekho mit eindringlichen Worten: „Ein Sturm ist aufgezogen. Gerade jetzt beginnt dieser riesige Schneehaufen namens ‚Unterstützung für Putin‘ zu schmelzen. Er bricht nicht auf einmal zusammen; er schmilzt und schmilzt und schmilzt. Es ist ein gradueller, wirklich bedeutsamer Wandel. Dies ist das erste Zeichen, und es kann nicht durch weitere Repression zum Schweigen gebracht werden.“
Gulnaz Sharafutdinova, Direktorin des Russia Institute am King's College London, bezeichnete den Rückgang von Putins Zustimmungswerten gegenüber „RLF“ so: „Es ist bemerkenswert, und es wird auch durch verschiedene andere ‚Ereignisse und Vorfälle‘ gestützt.“ Sie verwies auf den Fall eines kremlfreundlichen Anwalts, der nach einem öffentlichen Angriff auf Putin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde.
Die Ursachen für die Stimmungsverschlechterung seien vielfältig, so Sharafutdinova: Störungen durch ukrainische Drohnen, Einschränkungen von Messengerdiensten wie Telegram und WhatsApp sowie des Internets in vielen Großstädten, enttäuschte Erwartungen an die Friedensverhandlungen für die Ukraine und allgemeine Kriegsmüdigkeit, die die Wirtschaft zunehmend spürbar belasten.
„Spannungen sind nicht gut für den Kreml“
„Das bedeutet nicht, dass eine Revolution auf dem Plan steht, aber steigende Spannungen sind nicht gut für den Kreml“, machte sie klar.
Soziologie-Experte Konstantin Gaaze, ehemaliger russischer Regierungsberater und heute in Tel Aviv tätig, mahnte zur Vorsicht bei derlei Interpretationen: Es gebe noch zu wenig Daten, die das bestätigen. Dennoch sieht auch er eine klare Tendenz: „Wir haben große Eingriffe in den Alltag erlebt – Internet-Abschaltungen und Einschränkungen –, aber wir sehen auch eine längerfristige Tendenz: Der Krieg dringt immer tiefer in das Kernland Russlands ein. Drohnen, Angriffe auf Ölraffinerien und so weiter. Diese Dinge summieren sich über die Zeit.“
Kühe, Gurken und Technik
Es gibt in Russland zahlreiche Gründe, die die Menschen unzufrieden machen. Neben den Abschaltungen des mobilen Internets und den staatlichen Maßnahmen gegen Telegram und WhatsApp kommt auch Unmut von den Bauern: Anfang Februar ordneten Veterinärbehörden in mehreren sibirischen Regionen Quarantäne und die Tötung von zehntausenden Rindern und anderen Nutztieren an – wegen Tollwut und einer weiteren hochansteckenden Bakterienkrankheit. Landwirte sprachen von übertriebenen Maßnahmen und zu geringen Entschädigungen.
Einige protestierten sogar auf dem Roten Platz in Moskau – ein seltener politischer Akt in der heutigen Zeit.
Russlands Wirtschaft, die jahrelang durch staatliche Kriegsausgaben befeuert worden war, kühlt sich nun merklich ab. Inflation treibt die Preise, die Zinsen wurden stark erhöht, und die Löhne stagnieren. Die hohe Inflation ist etwa in den Supermärkten zu spüren, in denen viele Produkte wie Gurken zu Rekordpreisen zu haben sind.
Der Krieg, über den man nicht sprechen soll
Und dann ist da noch der Ukrainekrieg. Die Verhandlungen zwischen den USA, Russland und der Ukraine sind ins Stocken geraten. Die ukrainischen Streitkräfte – trotz Unterlegenheit bei Artillerie, Munition und schwerem Gerät – haben Russland in einem nahezu festgefahrenen Stellungskrieg standgehalten. Die russischen Verluste überschreiten laut unabhängigen Beobachtern 1,2 Millionen. Die Angaben können nicht überprüft werden.
Das letzte Mal, dass Putins Umfragewerte spürbar sanken, war laut FOM im September 2022 – sieben Monate nach Kriegsbeginn. Damals befahl Putin eine Großmobilisierung, die einen Massenexodus von Hunderttausenden aus dem Land auslöste.
Im Inneren Russlands wird Dissens fast vollständig unterdrückt. Vergangenen Monat sorgte Ilja Remeslo, ein lautstarker Kreml-Unterstützer, für Aufsehen, als er eine vernichtende Abrechnung mit dem Krieg und dem Zustand des Landes veröffentlichte – und Putin persönlich als Kriegsverbrecher bezeichnete, der Russland zerstöre. Weniger als zwei Tage nach der Veröffentlichung des Artikels wurde Remeslo in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt. (mg)

