„Sehen täuschend echt aus“ Frau fertigt Penisse und Vaginen an – geht um mehr als optische Ähnlichkeit

Sofia Koskeridou modelliert Silikon-Penisse.

Sofia Koskeridou modelliert in ihrem Institut in Norderstedt (Schleswig-Holstein) Silikon-Penisse und Vaginen an. 

Ob Geschlechtsangleichung bei Transsexuellen oder entstellte Penisse und Vaginen durch Unfälle und Krankheiten: Für das Bedürfnis nach echt wirkenden Geschlechtsteilen gibt es viele Gründe. Sofia Koskeridou modelliert sie. Sie kann männliche und weibliche Geschlechtsteile realitätsgetreu nachstellen.

Norderstedt. Einer Schätzung und statistischen Hochrechnungen zufolge leben rund eine halbe Million Transsexuelle in Deutschland. Viele von ihnen dürften den Namen von Sofia Koskeridou kennen.

Denn die gebürtige Griechin schenkt diesen Menschen mehr Lebensqualität und Selbstbewusstsein – in Form von künstlichen Geschlechtsteilen. Transsexuelle identifizieren sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht und wünschen sich oftmals auch optisch eine entsprechende Angleichung. 

Ob groß oder kleiner, mit oder ohne Vorhaut, schlaff oder erigiert – Sofia Koskeridou stellt in ihrem Institut jede Art von Penis her. Die 56-Jährige ist Epithetikerin. Das heißt, sie ist Expertin für auflegbare Prothesen, die auf die Haut geklebt werden.

Sie könnte auch Nasen, Ohren und Augen formen, doch Sofia Koskeridou hat sich vor rund elf Jahren auf männliche und weibliche Geschlechtsteile konzentriert.

Eigentlich wollte die Zahntechnikermeisterin damals nur für ihre kranke Schwester eine neue, schöne Brust formen. Doch das war nicht mehr möglich, weil sie vorher starb. Die Neugier auf die Epithesen blieb. Nach einer zufälligen Anfrage formte Koskeridou wenig später ihren ersten Penis.

Norderstedt: Sofia Koskeridou stellt Silikon-Penisse und Vaginen her

In ihrem Institut in Norderstedt (Schleswig-Holstein) liegt der Geruch von geschmolzenem Wachs in der Luft. Mit einem Bunsenbrenner hat Koskeridou mehrere rosafarbene Wachsplatten in einem Metalltopf erhitzt.

Mit dem flüssigen Wachs modelliert sie nun geschickt einen Penis für einen Trans-Mann. Der Penis ist durchschnittlich groß, hängt nach unten und liegt auf den ebenfalls mit Wachs geformten Hoden auf. Schon jetzt sind Hautfalten und kleine Adern zu erkennen. Die Penisse sollen keine Dildos werden, sondern Genitalien, die dem Träger wieder ein Stück Alltag zurückgeben können. Deshalb müssen sie so lebensecht wie möglich aussehen.

Sofia Koskeridou modelliert aus Wachs einen Penis, der über Zwischenschritte dann zu einer individuellen Silikon-Epithese wird.

Sofia Koskeridou modelliert aus Wachs einen Penis, der über Zwischenschritte dann zu einer individuellen Silikon-Epithese wird.

Doch bevor die Geschlechtsteile mehrfarbig hautfarben und aus Silikon sein werden, vergehen viele Stunden, Tage und Wochen. Die Epithesen werden aus Silikon gefertigt.

„Dazu wird in dieses Farbe gemischt und in Schichten aufgetragen, zwischendurch muss es trocknen – das dauert“, sagt Koskeridou. „Allein das Mischen der Farben nehme etwa einen halben Tag in Anspruch. Aufgetragen werden die farbigen Schichten mit einem Pinsel. Die enorm zeitintensive Arbeit sei wichtig, denn nur so sehe der Penis auch lebendig aus. „Wenn der fertige Penis nur angemalt würde, sähe er unnatürlich aus und die Farben würden rasch verblassen.“

Patienten beschreiben Wunschpenis

Nicht nur die Herstellung der Epithesen ist zeitintensiv, sondern auch die Zusammenarbeit und Betreuung mit den Patienten. Bevor die mit dem Penis Koskeridous Institut verlassen können, waren sie zwei- bis dreimal für mehrere Stunden dort.

Es beginnt mit einer individuellen Beratung. Der Patient erzählt, wie sein Wunschpenis aussehen soll. Es erfolgt eine Abformung des Genitalbereichs, dann wird ein Wachsmodell hergestellt und an den Patienten angepasst. Ist die Epithese aus Silikon fertig, bekommen die Patienten noch die Klebetechnik genau erklärt. In der Regel dauert es drei Monate vom ersten Termin bis zur fertigen Epithese.

Sofia Koskeridou zeigt in ihrer Werkstatt eine Penis- und eine Vagina-Epithese.

Sofia Koskeridou zeigt in ihrer Werkstatt eine Penis- und eine Vagina-Epithese.

Deutschlandweit gibt es dem Deutschen Bundesverband der Epithetiker zufolge 53 Fachleute für Prothesen zum Auflegen. Zwei von ihnen fertigen den Angaben zufolge Genitalepithesen. Eine davon ist die Griechin aus Norderstedt, wie Verbandspräsident Falk Dehnbostel sagt.

Die Penisse sind Maßanfertigungen, die genauestens an die Anatomie und die Wünsche der Patienten angepasst werden. Denn bei den Epithesen geht es nicht nur um Ästhetik, sie sollen auch die Funktionen eines Penis erfüllen.

Das heißt: Urinieren im Stehen und Geschlechtsverkehr mit integrierter eigener Stimulanz soll möglich sein. Mindestens einmal am Tag müssen die Prothesen – wie jede andere Epithese, ob Nase oder Ohr – abgenommen und gereinigt werden. Auch Kinder mit angeborenen Genital-Defekten und Trans-Kinder gehören zu Koskeridous Patienten.

Silikon-Penisse aus Norderstedt: „Die sehen täuschend echt aus“

Von Trans-Männern wird Sofia Koskeridou für ihre Arbeit geschätzt, wie Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität der dpa sagt.

„Sie ist sehr beliebt und für die Qualität ihrer Prothesen über Hamburg hinaus sehr bekannt“, so die Sprecherin. „Dabei geht es meistens um das eigene Körpergefühl. Die sehen ja so täuschend echt aus.“

So fühle sich ein Trans-Mann mit Penis beispielsweise in einem Saunabereich oder nach dem Sport in der Dusche oft deutlich wohler. „Einfach, damit man nicht schief angeguckt wird, wenn man als Mann keinen Penis hat.“

Sofia Koskeridou modelliert aus Wachs eine Vagina, die zu einer individuellen Silikon-Epithese wird.

Hamburg, Norderstedt: Sofia Koskeridou modelliert aus Wachs eine Vagina, die später, nach mehreren Arbeitsschritten, zu einer individuellen Silikon-Epithese wird.

Monro zufolge gibt es keine aussagekräftigen Zahlen darüber, wie viele Transsexuelle in Deutschland leben. Einer Schätzung und statistischen Hochrechnungen zufolge sind es rund eine halbe Million Menschen. Die zertifizierten und zugelassenen Epithesen werden auch von der Krankenkasse bezahlt.

„Sie gelten als Hilfsmittel, wie Perücken bei Trans-Frauen“, sagt Monro. Manche Trans-Männer fürchten allerdings, dass sie durch das Beantragen der Epithese ihr Anrecht auf eine geschlechtsumwandelnde Operation verlieren. „Diese Sorge ist aber unberechtigt.“

Koskeridou mag ihren zeitintensiven Job, wie sie sagt. Meist arbeite sie mehr als 60 Stunden in der Woche. „Ich habe es nie bereut. Ich sehe die leuchtenden Augen der Betroffenen und erfahre, wie viel Lebensqualität sie durch die Epithesen erhalten“. (dpa, jba)

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