Eine Wohnung am Kölner Rudolfplatz galt einmal als ein Epizentrum deutscher Dichtkunst: Hier lebte und arbeitete Rolf Dieter Brinkmann. Er starb auf tragische Weise mit 35 Jahren. Unvergessen sind auch seine unvergleichlichen Schimpftiraden auf Köln. Die kommen jetzt auf die Bühne.
„Verschissenste Stadt“Schauspiel ehrt den größten deutschen Köln-Hater

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Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) ist einer der bekanntesten Asphaltliteraten Deutschlands.

Er war ein meist sanfter Poet, aber schimpfte wie ein Berserker – keiner hat Köln (und die Kölner und Kölnerinnen) so leidenschaftlich und abgrundtief verspottet wie der legendäre Autor und Lyriker Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975). Was die Stadt nicht daran hindert, jährlich einen nach Brinkmann benannten Literaturpreis zu vergeben.
Brinkmann gilt als der erste deutsche Pop-Literat. Er wurde von einem Auto überfahren. An seinem Wohnhaus in der Nähe des Rudolfplatzes hängt eine Gedenktafel. Zwischen seinem Geburts- (16. April) und Todestag (23. April) kommt Brinkmann am Sonntag (19. April) im Kölner Schauspiel zu Theaterehren.
Engelbertstraße 65: Brinkmann lebte mit seiner Familie am Rudolfplatz
Im Depot 3 startet um 18.30 Uhr das „Brinkmann-Special“ mit den Autoren Alexandra Vasa und Michael Töteberg, die aus ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Brinkmann-Biografie lesen („Ich gehe in ein anderes Blau“, Rowohlt-Verlag). Im Anschluss wird im Depot 2 die Bühnenadaption von „Die Wörter sind böse“ aufgeführt. Das Schauspiel kündigt einen „wütenden, poetischen Streifzug durch das Köln der 1970er Jahre“ an, eine „kantige und zugleich überraschend schöne Hommage an einen kompromisslosen Autor und seine Stadt“.
Brinkmann stammte aus Vechta (Niedersachsen). In Essen hatte der Sohn eines Finanzamt-Angestellten eine Lehre zum Buchhändler gemacht, hier auch seine spätere Ehefrau Maleen kennengelernt. Das Paar zog 1962 nach Köln, heiratete 1964, bekam einen Sohn, lebte 13 Jahre gemeinsam in einer Wohnung im Haus Engelbertstraße 65.
Brinkmann, begeistert von Literatur und Film, hatte beschlossen, sein Leben der Schriftstellerei, der Dichtung zu widmen. Und schlug einen bis dato nicht gekannten, anderen Ton an. Inspiriert von der US-Avantgarde war Brinkmanns Poesie impulsiv und direkt. Da wurde etwa ein verträumter Moment im Nu zum Vers.
Dem Anblick einer Schallplattenhülle (John Lennons Album „Live Peace in Toronto“) entsprang das Gedicht „Eine Geschichte“: „Der Himmel ist ganz blau/auf der Schallplattenhülle/und/wer immer das hier liest/er liest/der Himmel ist ganz blau/Aber das ist/noch nicht alles/Eine kleine weiße Wolke/fliegt am Rand des Blaus/dahin.“
Brinkmann schrieb: „Köln ist die verschissenste Stadt, die ich kenne“
In Betrachtung der Stadt, in der er lebte, fielen Brinkmann allerdings keine Gedichte, sondern Tiraden ein. „Köln“, schrieb er als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Nachkriegszeit, als der er gefeiert wurde, „ist die verschissenste Stadt, die ich kenne, zu Tode verwaltet, ohne Leben, die Menschen erstarrt, ohne Farben, Vorgärten, die wie Friedhöfe aussehen.“ Andere ähnlich drastische Schmähungen sprach er auf Tonband, man kann sie heute auf Youtube im Originalton finden.
„Brinkmann ist der Wüterich. Eigentlich konnte er überall unglücklich sein. Und er konnte sich in Sachen reinsteigern. Man darf diese Sachen auch nicht zu ernst nehmen.“, erzählt sein Biograf Michael Töteberg dem Sonntag-EXPRESS.
Woher diese Wut rühre, die auch Freunde, Bekannte und auch seine Förderer im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch oft trifft und beleidigt, könne ein Psychoanalytiker vielleicht beantworten, meint Töteberg. Aber da seien sicher viele Ängste und Verletzungen in Brinkmanns Leben. Und die traumatische Erfahrung des frühen Todes der Mutter, die an Krebs erkrankte und starb, als er 17 war.

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Diese Hommage an Brinkmann war an die Fassade seines Wohnhauses an der Engelbertstraße 65 geschrieben worden. Als die Fassade saniert wurde, fotografierte der Hausbesitzer die Sätze und brachte sie als Gedenktafel an. Aber das Leben erschlaffte."
Beim „Brinkmann-Special“ kann Töteberg ernste wie heitere Anekdoten erzählen. Viele Informationen stammen aus Brinkmanns Nachlass, den Töteberg im Marbacher Literaturarchiv einsehen konnte, darunter viele Briefe. Diesen ist etwa zu entnehmen, dass sich Brinkmann und der spätere Literaturnobelpreisträger Peter Handke 1971 in einem Kölner Park begegnet sind. Handke hat das Ehepaar Brinkmann sogar in dessen Wohnung aufgesucht.
Brinkmanns Witwe und Sohn leben in Köln
Zur Tragik in Brinkmanns Leben gehört, dass der Sohn des wortgewaltigen Poeten an einer erst spät erkannten Behinderung litt. Robert konnte deshalb nicht sprechen. Bis heute nicht. Die heute 80-jährige Mutter lebt mit ihrem Sohn in einer Pflegeeinrichtung in Köln. Töteberg hält Kontakt zur Witwe. Beim letzten Besuch habe er Robert Bilder seines Vaters mitgebracht.
Aus Briefen und Erzählungen spricht Brinkmanns Verzweiflung gegen Ende seines Lebens. Er hat sich einen gewissen Ruhm erarbeitet, hat ein Stipendium an der Villa Massimo in Rom bekommen, aber seine Gönner vor den Kopf gestoßen. Geldnot plagt ihn und eine Ehe, die am Abgrund ist. In der Depression erreicht ihn die Einladung zu einem Dichter-Festival in Cambridge. Und in England endet der ganze Furor plötzlich und auf unfassbare Weise.
Brinkmanns tragischer Tod: Unfallfahrer flüchtet und wird nie ermittelt
Am 23. April 1975 ist Brinkmann mit einem Freund, dem Schriftsteller Jürgen Theobaldy, unterwegs in London, als er gegen 22 Uhr, auf dem Weg zum Pub „The Shakespeare“, auf die Straße tritt und von einem schwarzen Auto angefahren wird. Der Unfallfahrer flüchtet (und wird nie ermittelt).
Für Brinkmann kommt jede Hilfe zu spät. Aus Tötebergs Biografie Theobaldys gespenstische Erinnerung: „Er lag im Rinnstein, das eine Bein auf dem Rinnstein, das Gesicht auf der linken Seite; eine dünne Spur Blut sickerte aus dem rechten Ohr (...). I think, he is dead, sagte eine Frau, die mit ihrem Begleiter hinter uns hergeschlendert war und schon Sekunden nach dem Unfall neben Brinkmann niederkniete.“
Bald nach seinem Tod erschien Brinkmanns rauschhafter Lyrikband „Westwärts 1 & 2“, der in der deutschsprachigen Literaturwelt Kult-Status erlangte.
