Kölsche Musik-LegendeMit 80 noch auf der Bühne? Nein, das will ich nicht

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Da ahnten die Bandmitglieder noch nichts von Corona: Die kölsche Kultband im Januar 2020 bei der Vorstellung der Fööss-Straßenbahn mit KVB-Chefin Stefanie Haaks (r.).

Köln – 50 Jahre Bläck Fööss: 2020 sollte ein großes Jubiläumsjahr die Band werden, die es wie keine andere fertigbrachte, das Leben in Köln und das der Kölner zu beeinflussen. Für dieses Jahr war großer Jubel eingeplant, es gab eine tolle neue CD, ein wunderbares Buch...

Doch dann kam der Corona-Frust. Was macht das mit einem, der die Band seit 50 Jahren prägt? EXPRESS traf sich mit Fööss-Gründungsmitglied Erry Stoklosa (73) für eine Stunde zum großen Interview: Schnelle Fragen, schnelle Antworten zu Stoklosa, Bläck Fööss und Kölle.

Bläck Fööss Köln: Erry Stoklosa über das Corona-Jahr 2020

EXPRESS: Ihr großes Jubiläumsfinale in der Lanxess-Arena findet nicht statt. Was machen Sie jetzt Silvester? Erry: Ich bin da selbst noch gespannt, so richtig weiß ich es immer noch nicht. Durch die neuesten Corona-Maßnahmen dürfte das wohl der ruhigste Jahreswechsel meines Lebens werden.

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Wo waren Sie an den Tagen, als Sie eigentlich vorm Dom spielen und feiern wollten? Mit meinem Cabrio-Oldtimer im Allgäu. Es war mein letzter Kurz-Urlaub.

Das Jahr 2020 ist für die allermeisten Künstler ein absolutes Flop-Jahr. Wie war es bei den Fööss? Es war ein verlorenes Jahr, so, als sei es nicht dagewesen. Glücklicherweise hatten wir wenigstens bis Ende der Session spielen können, das war finanziell noch gut. Ab März war es dann quasi Null. Wir Alt-Fööss haben da noch Glück, wir haben ein bisschen gespart. Doch für unsere neuen Wilden ist es schwerer, für sie kann es noch richtig eng werden.

Sie hatten doch auch in Autokinos gespielt… Das hatte mehr symbolischen Charakter. Von den Einnahmen konnten wir kaum die Techniker bezahlen, die, die von dieser Krise mit am schlimmsten betroffen sind.

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Erry Stoklosa, hier Anfang Dezember 2020 im Büro der Bläck Fööss.

Wie war 2020 für Sie persönlich?

Unwirklich. Denn obwohl das Jahr fast nicht dagewesen war, ist meine Lebens-Uhr weitergelaufen, und bei älteren Menschen läuft sie leider schneller als bei jüngeren.

Machen Sie sich Gedanken über den Verlauf der Zeit? Ja, klar. Ich sehe im Spiegel einen Mann um die 70, der manchmal die Gedanken eines 17-Jährigen hat.

Peter Schütten und Hartmut Priess sind ausgestiegen, als sie Anfang und Mitte 70 waren. Was haben Sie damals gedacht? Ich habe bei Peters Abschied mit dem Gedanken gespielt, das Gleiche zu tun. Dann habe ich zwei, drei Nächte drüber geschlafen und mir gedacht, dass es dann nur 47 Jahre Fööss wären, und 47 sei eine blöde Zahl. Also habe ich weiter gemacht. Ich habe das nicht bereut. Auch deswegen nicht, weil wir wunderbar mit unseren jungen Kollegen zusammenarbeiten – was auf dem neuen Album sehr gut hörbar ist.

Denken Sie manchmal an ein Leben nach den Fööss? Ja. Mir ist klar, dass ich nicht ewig auf der Bühne stehen werde. Und dann frage ich mich: Wie lange willst du das überhaupt noch machen, wie lange musst du noch. Am wichtigsten ist da aber, wie lange die Gesundheit noch mitspielt.

Können Sie sich vorstellen, noch mit 80 auf der Bühne zu stehen? Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte noch ein bisschen von der Welt sehen, das Leben genießen. Was nicht heißt, dass ich das als Musiker nicht auch mache.

Und in zwei Jahren, mit 75? Das weiß ich nicht.

Manchmal hört man, die aktuellen Bläck Fööss seien nicht mehr die echten Bläck Fööss. Ärgert Sie das? So kann man denken, aber ich sehe das anders. Hätten wir ganz aufgehört, ständen jetzt vielleicht ungezählte Cover-Bands auf der Matte, vielleicht die „New Bläck Fööss“ aus der Eifel, und hätten mit unseren von ihnen nachgesungenen Liedern wahrscheinlich Erfolg. Das möchte ich nicht. Ich möchte mitbestimmen, wie unser Repertoire weiter gepflegt wird.

Bläck Fööss Köln: Name bleibt auch ohne Erry und Bömmel bestehen

Wird es die Bläck Fööss mal ohne Erry und Bömmel geben? Der Name bleibt auch ohne uns bestehen, und das will ich auch. Damit unsere Lieder weiter eine Heimat haben. Den FC gibt es ja auch noch, obwohl Overath, der Tünn und Poldi nicht mehr spielen. Außerdem könnten wir allein das Kapitel Bläck Fööss nicht beenden. Wir sind eine GbR – eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts - da kann nicht jeder machen, was er will.

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Im Büro der Bläck Fööss sprach EXPRESS-Reporter Horst Stellmacher mit Erry Stoklosa (l.)

Beraten Sie Karrierepläne mit Ihrer Lebenspartnerin?

Natürlich. Aber wenn ich nicht mehr singen will, dann will ich nicht mehr. Das werde ich allein entscheiden.

50 Jahre auf der Bühne – hätten Sie sich das 1970 vorstellen können? Hätte mir 1970 jemand gesagt hätte, dass ich 2020 ein Interview mit dem EXPRESS über 50 Jahre bei den Bläck Fööss führen werde – ich hätte ihn für verrückt erklärt. Es ist ein Gottesgeschenk, dass ich die Möglichkeit hatte, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Wie ist es, wenn Sie auf Youtube den Erry mit 23 sehen? Das stimmt mich wehmütig, weil ich merke, dass sich auch bei mir unheimlich viel verändert hat. Glücklicherweise hat mein Zahnarzt gut gearbeitet.

Sie gehören zur Generation, die heute als „die 68er“ gelten. Waren Sie links? Ja klar. Ich hatte lange Haare, lief im Parka rum, hatte eine linke Gesinnung. Ich habe auch demonstriert – mal gegen den Vietnam-Krieg, mal gegen die KVB.

Die 50er und 60er Jahre waren anders als die heutige Zeit. Wie sind Sie erzogen worden? Sehr streng. Als es darum ging, dass ich auf die Realschule gehen sollte, ist mein Vater ausgerastet. Damals musste noch Schulgeld gezahlt werden, und wir hatten kaum Geld zum Leben. Zum Glück hat sich meine Mutter durchgesetzt. Auf der Max-Planck-Realschule war ich übrigens gemeinsam mit Wolfgang Weber und Bernd Cullmann..

Das klingt nach harter Erziehung … So etwas kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Mein Vater hat mir sogar mal eine gelangt, als ich schon 16 war. Damals musste ich samstags um 24 Uhr zu Hause sein, kam aber erst um halb zwei. Ich hatte im „Maxim“ in Siegburg einen Wettbewerb gewonnen, und die Siegerehrung war erst nach Mitternacht. Der Siegerkorb ist dann quer durch den Korridor geflogen.

Waren Sie in der Schule gut in Musik? Ich hatte da, glaube ich, eine Fünf. Ich glaube auch, dass Lehrer Meis mich nicht sehr mochte. Er wollte uns immer das Lauten-Spiel beibringen, ich wollte aber andere Musik. Ich habe zu seinen Stunden oft meinen „Bingo“-Plattenspieler mitgebracht und Beatles-Singles gespielt. Zehn Jahre später habe ich ihn auf der Sparkasse in Porz wiedergetroffen. Er war sehr freundlich und sagte: „Hallo Ernst, schön, dass ich dich noch mal treffe. Ich habe immer gewusst, dass du ein hochtalentierter Musiker bist!“

Tommy Engel, Erry Stoklosa

Erry Stoklosa (l.) und Tommy Engel beim Weihnachtsengel 2019.

Wo kam der Name Erry her?

Das weiß ich nicht mehr. Auf einmal war er da.

Haben Sie eigentlich mal „richtig gearbeitet“? Aber ja. Ich habe in Porz im Büro der REZAG, der Rheinischen Ziehglas-Aktien-Gesellschaft, versucht, eine Lehre zu machen, bin aber leer ausgegangen. Danach bin ich als Hilfsmonteur bei der GEW in Porz – der heutigen Rheinenergie – gelandet, und nach einer Urlaubsvertretung wurde ich sogar ins Angestelltenverhältnis übernommen.

Wann begann die Fööss-Profi-Zeit?

Ich habe neben der Musik erst noch fünf Jahre halbtags gearbeitet, war übrigens der erste, dem das gestattet wurde. Das bedeutete fünf Jahre ohne einen Tag Urlaub, die ganze Freizeit ging für Fernsehauftritte, Schallplattenaufnahmen und Konzerte drauf. Aber dann war ich platt, das ging nicht mehr. Als ich kündigte, sagte mein Chef: „Erry, wenn es mit der Musik nicht mehr klappt, wirst du bei einer Wiederbewerbung bevorzugt eingestellt.“ Das habe ich sogar schriftlich bekommen. Das Schreiben besitze ich auch noch, und darauf bin ich heute noch stolz.

Ist Musiker bei den Fööss ein alkohollastiger Job? Nein. Ich hatte schon zu meinen „Rheinhotel“-Zeiten nach acht Kölsch einen im Tee, das ist bis heute so geblieben.

Wie war’s mit Sex & Drugs & Rock’n’Roll? Hat es bei den Fööss soweit ich weiß nie gegeben. Oder ich hätte was verschlafen.

Gab’s Groupies? Der Kavalier genießt und schweigt.

Warum gab es nie eine Bläck-Fööss-Frau? Warum hätte es eine geben sollen? Wir sind eine Boygroup – wahrscheinlich die älteste der Welt.

Sprechen Sie gern über Tommy Engel? Ich habe damit kein Problem, wir sind immer noch befreundet.

Wie war es für Sie, als er ausstieg?

Damals war ich kurz davor, dasselbe zu tun, weil ich dachte, dass es ohne ihn nicht weitergehen würde. Er war der liebe Jung und Frontmann, wir hatten uns hinter ihm eingeordnet. Tommy war ja schon drei Jahre vor seinem Ausstieg beim Karneval nicht mehr dabei, und wenn wir ohne ihn auf die Bühne kamen, war das Publikum oft sauer: „Wollt ihr uns verarschen? Wir kommen auf die Sitzung, und der Engel ist nicht dabei. Das sind dann nicht die Bläck Fööss.“ Es war für uns ein Kampf ums nackte Überleben. Gott sei Dank ist es uns aber gelungen, auch nach seinem Ausstieg noch gute Songs zu schreiben wie „Du bes die Stadt“, „Bickendorfer Büdchen“, „Mir bruchen keiner“, „Rut & Wieß“, „Stammbaum“ um nur einige zu nennen.

Die Bläck Fööss werden heiß geliebt – nur im Radio ist von dieser Liebe nichts zu spüren. Wie kommt das? In den ersten 20 Jahren war es noch anders. WDR 2 spielte unsere Lieder mehrfach am Tag, auch in seinen Magazinsendungen. Da wir über die Mundart viele aktuelle Themen unter die Leute gebracht haben – wie zum Beispiel mit „Edelweißpiraten“ – waren wir auch in politischen TV-Sendungen zu hören. Das wäre in der heutigen Zeit undenkbar. Selbst ein so aussagekräftiges Lied wie „Stammbaum“ wird nicht gespielt.

Bläck Fööss Köln: Veedel-Lied ist das nachhaltigste Werk der Band

Von Ihnen sind über 400 Lieder. Wenn nur eines überleben könnte - welches? Das Veedel. Ich glaube, es ist unser nachhaltigstes Lied, und ich glaube, das sehen die Kölner auch so. Es hat mich sehr berührt, dass sich zu Beginn von Corona die Veedelband gegründet und das Lied aufgenommen hat, das dann fast eine Million Mal geklickt wurde. Und wir fühlen uns geehrt, dass das Motto der Session „Dat Hätz schlägt im Veedel“ war, und dass das Lied zu Corona-Zeiten auf den Straßen und aus den Fenstern gesungen wurde. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir das schon vor 50 Jahren gesungen haben und daraus dieses Schulterschluss-Gefühl entstanden ist.

Glauben Sie, dass das Zusammenleben in der Stadt ohne Bläck Fööss anders wäre?

Ich habe es oft gehört, denke aber nicht drüber nach.

Ihr Lied „Stammbaum“ hat das Denken der Kölner beeinflusst. Stolz drauf? Stolz ist der falsche Ausdruck. Wir haben lediglich versucht, über gelungene Integration zu singen, obwohl wir wissen, dass das im täglichen Leben nicht so leicht funktioniert und oft problembehaftet ist. Es war eher unser Wunschdenken dabei – so wie bei „Veedel“ oder „Drink doch eine met“.

Schon mal bedauert, dass Sie offiziell noch nie richtig geehrt wurden – vielleicht durch eine Ehrenbürgerschaft? Nein. Wir durften uns zum 40. ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Das reicht.

Haben Sie sich schon Gedanken drüber gemacht, wo Sie eines Tages bestattet werden möchten? Ich bin mit Heinz-Günther Hunold, dem Präsidenten der Roten Funken, befreundet, der mir einen Platz im Rote-Funken-Kontingent auf Melaten reservieren könnte, wenn ich das wolle. Ich habe es aber noch nicht fertig gebracht, ihn drum zu bitten. Das schiebe ich noch von mir her.

Und welches Lied sollte gespielt werden? Gern das „Veedel“ – das passt ja immer.

Wer sollte es an Ihrem Grab singen? Das muss nicht gesungen sein. Schön wäre auch eine kleine Instrumental-Version von einem Streichquartett.