Er reitet die Riesen-Dinger: Sebastian Steudtner zählt zur Weltspitze der Big-Wave-Surfer – uns hat er erzählt, wie sich der Ritt auf den Mega-Wellen anfühlt.
„Tausend Tornados“Wie es ist, die größten Wellen der Welt zu surfen

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Eine Naturgewalt: Sebastian Steudtner auf einer Riesenwelle im portugiesischen Nazaré.
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Er ist einer der besten Big-Wave-Surfer dieser Zeit. Sebastian Steudtner (40) stellte vier Weltrekorde auf. Und Big Wave, das heißt wirklich „Big“: An die 30 Meter hohe Wellen surft der gebürtige Nürnberger, der als Außenseiter die Szene aufmischte. „On The Wave“ (ab 5. März im Kino) erzählt seine Geschichte voller Höhen und Tiefen, Erwartungen, Erfolge und Enttäuschungen. Ausgrenzung und Anerkennung.
Ein Urlaub war Schuld. „Ich stand mit neun Jahren zum ersten Mal auf dem Surfbrett in Frankreich“, erzählt Sebastian Steudtner, der fernab des Meers und aller Wellen in Nürnberg aufwuchs. Doch ab da ließ ihn das Wasser nicht mehr los. Als er dann mit 13 Jahren in einem Surfmagazin über einen Münchner las, der in Hawaii Profi-Surfer wurde, wusste er: Das will er auch. Noch weitere drei Jahre dauerte es, bis Steudtner seine Eltern überzeugen konnte und seinen Entschluss in die Tat umsetzte: Auswandern. Nach Hawaii. Alleine. Wie das ging? „Flugzeug. Rüberfliegen“, sagt Steudtner pragmatisch.

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Sebastian Steudtner wanderte mit 16 allein nach Hawaii aus. Die Doku „On The Wave“ erzählt seine Geschichte.
Kein leichter Schritt, vor allem für seine Mutter, die in der Doku sagt: „Es war schon heftig. Heute kann ich es mir noch weniger vorstellen als damals, dass ich das machen konnte. Und vor allem, dass ihn niemand begleitet hat, das ist mir ein Rätsel. Ich war wie in einem Film.“ Wahrscheinlich wusste sie, dass ihr Sohn nur auf dem Surfbrett so richtig glücklich werden würden. Und für Steudtner lohnte sich der Schritt. Eine hawaiianische Familie nahm den Jungen aus dem fernen Deutschland auf. Um sich den Sport zu finanzieren, arbeitete er auf dem Bau; er wurde besser und besser, surfte im „Jaws“-Gebiet, einem der anspruchsvollsten Surfspots der Welt. Wollte immer höher hinaus und „Big Wave Surfer“ werden. Was ihm auch gelang. Steudtner gewann 2010 den „Big Wave Award“ – quasi der Oscar für Surfer.
Kino-Premiere mit Promis in Köln
- Am Montag, 2. März, feiert „On The Wave“ Premiere im Kölner Cinedom in Anwesenheit von Sebastian Steudtner und Prominenten wie Jürgen Klopp, der die Doku als Executive Producer mitgestaltet hat. Außerdem vor Ort: Die Regisseure Peter Wolf und Axel Gerdau sowie Produzent Leopold Hoesch (Broadview Pictures).
- Karten für die Premiere gibt es über cinedom.de für 15 Euro pro Erwachsenem. Beginn ist um 20 Uhr.
Doch bei der Preisverleihung wurde klar, dass die US-Surf-Community nicht so locker-lässig ist, wie sie gerne tut. Der Deutsche, der von außen kommt und Erfolg einheimst – das schmeckte vielen nicht. Der Moderator der Award-Verleihung kündigt Steudtner als „Hitlers Stiefsohn“ an und als „der Scheiß-Deutsche, der nicht mal paddeln kann“. Zum EXPRESS sagt Steudtner heute: „Mich interessiert die Anerkennung nicht wirklich. Mir ist wichtig, weiterzukommen. Und es hat mich gestört, dass es da kein Momentum gegeben hat.“
Denn Sponsorenverträge und Co., die in solchen Erfolgsfällen üblich wären, gab es nicht. Zwar kam die Aufmerksamkeit deutscher Medien. Aber auch die deutsche Surfcommunity akzeptierte Steudtner nicht. Eine bittere Enttäuschung. Aber kein Grund aufzugeben. Im portugiesischen Nazaré widmete er sich neuen Herausforderungen. Denn an keinem anderen Ort der Welt werden die Wellen so gigantisch groß wie in dem Küstendorf. Gleich vier Big-Wave-Weltrekorde stellte Steudtner dort auf: 26,21 Meter und höher. Bei seinem mutmaßlich neuesten von 28,57 Metern (etwa ein achtstöckiges Haus) steht die offizielle Bestätigung noch aus. Eine Naturgewalt.
„Zwei Drittel des Atlantiks sind Sturm, was das für eine Macht ist! Das Resultat von diesem Sturm ist die Welle, die ich surfe. Da entlädt sich die Energie. Das ist das Tausendfache von einem Tornado“, sagt Steudtner. „Das macht entsprechend sehr demütig, ich bin im Vergleich nichts dazu. Auf der anderen Seite bin ich Leistungssportler. Und dass ich die Fähigkeit habe, in diesem riesigen Naturschauspiel zu performen, ist ein sehr mächtiges Gefühl.“ Mit fast 100 Kilometern pro Stunde brettert Steudtner dabei übers Wasser. Nicht ungefährlich. Steudtner arbeitete deshalb mit an einem Sicherheits- und Rettungskonzept für Nazaré. „Mit Dr. Axel Haber vom Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg einer meiner besten Freunde – bin ich alle Szenarien durchgegangen, wie ich sterben könnte“, sagt Steudtner. „Ich habe plötzlich kapiert, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt zu sterben, als ich bis dahin angenommen hatte.“
Also suchten und entwickelten sie Lösungen, um das bestmöglichst zu verhindern. „Wenn ich jetzt ins Wasser gehe, weiß ich, ich habe alles getan. Diese bewusste Konfrontation mit der Angst ist eine der wichtigsten Strategien, um nicht in Panik zu geraten, wenn etwas passiert.“ Es braucht perfekte Vorbereitung mit seinem gesamten Team (Jetskifahrer, die ihn auf die Welle ziehen, Rettungsjetski-Fahrer, Spotter, die die perfekte Welle erkennen, Ärzte, Mechaniker, Logistiker... Surfen ist ein Teamsport!). Und das wird auch künftig notwendig sein. Denn Steudtner will weiterhin hoch hinaus. Und die 30 Meter knacken.


