Kommentar zur Katar-WM Diese Sätze von Uli Hoeneß sind einfach unfassbar

Uli Hoeneß nimmt an einer Pressekonferenz seines Vereins teil.

Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern München, hier am 30. August 2019.

Experten und Fans sind sich einig: Die WM 2022 hätte niemals nach Katar gehen dürfen. Das sieht Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß anders. Seine Sätze sind unfassbar. Ein Kommentar.

Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen: Die Fußball-Weltmeisterschaft findet ab dem 20. November 2022 in Katar statt. Längst ist dem Großteil der Öffentlichkeit klar, dass dieses Turnier niemals dorthin hätte vergeben werden dürfen.

Im Wüstenstaat werden Menschenrechte mit Füßen getreten, Homosexuellen drohen Peitschenhiebe oder sogar die Todesstrafe, Frauen werden unterdrückt und Arbeiter wie Sklaven gehalten. Da ist die Verlegung der WM in den Winter noch das geringste Problem.

Tausende Arbeiter auf Baustellen in Katar verstorben

Es geht viel mehr um tausende Menschenleben, die die Verantwortlichen auch ein Stück weit auf dem Gewissen haben. Und in diesem Zusammenhang wirken die Sätze des ehemaligen FC-Bayern-Bosses Uli Hoeneß (70) einfach unfassbar.

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Hoeneß hatte sich am Sonntagmorgen (25. September 2022) per Telefon im Sport1-„Doppelpass“ eingeschaltet und sich mit Katar-Kritiker Andreas Rettig (59) angelegt. Dann fiel dieser Satz von Hoeneß: „Eines ist auch klar: Den Arbeitern in Katar geht es durch die WM 2022 besser und nicht schlechter. Das sollte man endlich mal akzeptieren.“

Seit Vergabe der WM sind über 6500 Arbeiter in Katar ums Leben gekommen. Wem soll es jetzt besser gehen, Herr Hoeneß?

Zwar hat der internationale Druck zuletzt zugenommen und die Bedingungen wurden von Katar überarbeitet, aber für die Menschenrechts-Organisation Amnesty International ist von einer gravierenden Verbesserung der Lage nichts zu spüren. Bei über 32 Grad darf beispielsweise nicht mehr im Freien gearbeitet werden. Kaum Pausen, keine Ruhezeiten oder das gewaltige Arbeitspensum machen das Leben für die Arbeiter jedoch weiterhin oft unerträglich schwer.

Viele Experten sind sich einig: Katar bewegt sich in Sachen Menschenrechten kaum bis gar nicht. Doch Hoeneß stellt sich den Organisationen und Fachleuten, die teilweise vor Ort und im Gespräch mit Betroffenen ihre erschreckenden Erkenntnisse gewinnen, gegenüber und behauptet, dass die WM dem Fortschritt im Land nur guttut.

Sportwashing nennt man das, was Katar betreibt: hier wird versucht, das Ansehen des Landes mit großen Sportveranstaltungen aufzupolieren. Auch Olympia ist in den kommenden Jahren ein Thema. Und Hoeneß behauptet nun, dass durch den Sport alles besser wird.

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Ein fataler Irrglaube, wenn man die Vergaben der letzten Jahre betrachtet. In China hat sich die Situation für unterdrückte Minderheiten oder in Sachen Meinungsfreiheit seit den Sommerspielen 2008 und den Winterspielen 2022 nicht verbessert. Und was Russland angeht, sieht die Weltöffentlichkeit gerade, was Wladimir Putin (69) macht: Er droht mit Atomwaffen, nachdem er 2014 bei den Olympischen Winterspielen und 2018 bei der Fußball-WM noch als guter Gastgeber glänzen wollte.

Doch was verleitet Hoeneß nun, solche Sätze bezüglich Katar zu sagen? Eine Vermutung: Sein FC Bayern erhält seit 2018 jährlich eine fette Millionen-Zahlung aus dem Wüstenstaat. Der Deal mit Qatar Airways soll dem Klub zwischen 17 und 20 Millionen Euro jährlich bescheren. Zum Vergleich: Von der Lufthansa soll es als Partner zuvor nur 2,5 Millionen Euro pro Jahr gegeben haben.

Dass ein großer Teil der Fans gegen die geschäftlichen Beziehungen mit Katar ist, lässt die Bayern-Bosse offenbar kalt. Im kommenden Winter geht es für die Mannschaft des FC Bayern wieder nach Doha ins Trainingslager. Und der 2023 auslaufende Vertrag mit Qatar Airways wird zwar nach dem Veto der Fans geprüft, aber eine Verlängerung scheint alles andere als ausgeschlossen.

Da scheint es so, als ob ein Anruf von Hoeneß im „Doppelpass“ zum Konzept des Sportwashings gehört. Tausende verstorbene Arbeiter werden dadurch nicht wieder lebendig und das Leid der Familien wird nicht geheilt. Bleibt die Frage: Wie können Funktionäre, Sponsoren und Co. in wenigen Wochen bei der WM in den Logen in ihre Schnittchen beißen und am Champagnerglas nippen und am nächsten Tag noch in den Spiegel schauen?

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