Wieder Europa-Randale Lange Unterbrechung nach Fan-Ausschreitungen überschatten Union-Sieg

Erst die Trainer-Hoffnung, dann der Fall Uwe Rapolder: „Der FC war für mich das Ende der Bundesliga“

Uwe Rapolder auf seiner Dachterrasse in Heilbronn mit Hund Jimmy.

Uwe Rapolder auf seiner Dachterrasse in Heilbronn mit Hund Jimmy.

Heilbronn – „Rot und weiß – das passt einfach zu mir“, sagt Uwe Rapolder (57) bestens gelaunt im aufgeknöpften Hemd und streichelt sein Hündchen Jimmy inmitten der knallroten Polster seiner Sonnenterrasse daheim über den Dächern von Heilbronn.

Genau zehn Jahre ist es her, da schienen dem Coach beim FC beste Aussichten bevorzustehen. Doch Deutschlands größte Trainerhoffnung dieser Zeit stürzte in Köln brutal ab. Beim EXPRESS-Besuch blickt Rapolder selbstkritisch zurück – und öffnet sein Trainerherz.

Herr Rapolder, es ist zehn Jahre her: Sie kamen als Deutschlands größte Trainer-Hoffnung nach Köln und scheiterten. Wie denken Sie heute darüber?

Zwiespältig. Stadion, Fans, Ambiente – das war fantastisch. Auf der anderen Seite war es absolut negativ. Weil es für mich das Ende in der 1. Liga war. Es war nicht die richtige Wahl nach Köln zu gehen. Ich hätte zwei Wochen warten müssen, um in Leverkusen oder Stuttgart zu unterschreiben.

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Leverkusen?

Ja. Ich hatte mit Michael Reschke von Bayer gesprochen und auch mit dem VfB. Aus Bielefeld musste ich weg. Denn fünf Spieler waren abgegeben worden, ohne mit mir drüber zu reden. Ich traute mir nicht zu, ohne diese fünf diese Runde zu wiederholen, Overath war bei mir in Ahlen und hat sich richtig bemüht. Mein Sohn wollte unbedingt nach Köln, meine Frau war Riesen-Köln-Fan. Der nächste Fehler von mir war, dass ich einen Einjahresvertrag abschloss. Ich wollte es unbedingt schaffen. Nach zwei Siegen zum Start saß ich bei Stefan Raab. Er fragte nach der Champions League. Ich machte mir zu viel Druck. Die Euphorie schlug rasch in Enttäuschung um.

War der Kader auch zu schwach?

Ich hatte vor der Saison eine Liste von fünf Spielern. Keiner kam. Henchoz, Balitsch, Hashemian, Bierofka. Aber es kamen andere. Ich hatte nicht die Mannschaft, die ich wollte.

Was würden Sie anders machen?

Ich habe vieles richtig gemacht, bin nie abgestiegen. Aber ich habe auch viele Fehler gemacht: Ich war zu hart zu den Spielern. Obwohl heute ein Dirk Schuster zu mir sagt: Von Ihnen habe ich am meisten gelernt. Heute weiß ich: Die Spieler müssen frei sein, man darf nicht zu viel Druck auf die Spieler ausüben. Ich wollte immer Resultate. Ich war zu wenig locker. Jeder Mensch macht Fehler. Ich war ein Stück weit naiv im Umgang mit Öffentlichkeit. Das Alkoholthema z.B. möchte ich nicht aufgreifen. Natürlich hab ich beim Italiener meinen Rotwein getrunken und Zigarre geraucht. Es hat mir einfach gestunken, mich rechtfertigen zu müssen.

Legendär wurde die Szene gegen Schalke, als Mokhtari den sicheren Sieg vergab und nicht quer legte.

Das war der Knackpunkt. Mokhtari. Ich hab ihn mal später in Mannheim wiedergesehen. Er kam zu mir und sagte: Trainer, hätte ich mal quer gespielt.

Haben Sie die Szene noch mal angesehen?

Ich bin kein Masochist.

Mit wem kann man Sie zur Zeit damals vergleichen?

Mit Thomas Tuchel ist es sicher vergleichbar. Ich war ein Trainer, der in Bielefeld eine Spielphilosophie verankert hatte. Es ist dumm gelaufen. Shit happens, es geht weiter. Aber es ist selten passiert, dass ein Trainer, der so auf dem Vormarsch war, ausgebremst wurde.

Jeder kann scheitern. Warum sind Sie nie ins Ausland?

Nach dem Kölner Ding hatte ich ein Angebot aus Katar. Ich hab auch mal mit Besiktas gesprochen. Aber irgendwie hat immer was geklemmt. Und vom DFB hab ich null Unterstützung bekommen. Wenn der DFB gewollt hätte, würde ich schon lange eine Auswahl, vielleicht auch im Ausland, trainieren. Aber sie wollen es nicht. Ich weiß nicht warum. Mit Jogi Löw hab ich in Freiburg zusammen gespielt. Ich habe Ramschen und Poker als Zimmergenosse mit ihm gespielt. Ich habe leider nie mehr was von ihm gehört.

Sind Sie verkannt worden?

Ich habe den modernen Fußball mitentwickelt. Beim DFB machen sie heute die Einheiten, die ich mitentwickelt habe. Klopp, Rangnick, Rapolder. Wir drei. Nur ich bin rausgefallen. Völlig. Es gab Zeiten, da habe ich kein Fußball mehr geguckt im Fernsehen. So wie ich jetzt leben kann mit meiner Frau, das ist ein gutes Leben. Aber für den Input, den ich in Deutschland gebracht habe, bin ich relativ dürftig entlohnt worden. Aber am Ende hilft dir keiner.

Sind Sie auch an Podolski gescheitert?

Das Verhältnis war nicht so schlimm. Er war 19, ich 46. Ich hätte sein Vater sein können. Das Problem war, dass er in der Saison selten auf seine Leistung kam. Er war durch den Confed Cup überspielt. Die Erwartungshaltung aus dem Umfeld war so groß. Man kann drüber streiten, ob ich es richtig war, dass ich ihn zum Kapitän machte. Ich wollte zeigen, dass ich bedingungslos zu ihm stehe. Aber er war überfordert. Nach dem Bayern-Spiel zeigte mir Sky im Interview mit Magath Poldis katastrophale Werte. Ich sagte: Es geht mir auf den Sack nur über Poldi zu reden. Lasst uns über die Mannschaft reden. Aber es wurde so ausgelegt: Rapolder verleugnet unseren kommenden Weltstar. Dabei wollte ich ihn nur heraushalten.

Wie sehen Sie ihn heute?

Er hat 125 Spiele für Deutschland, da kann man nur den Hut ziehen. Poldi wäre im spezialisierten System vor 15 Jahren besser aufgehoben gewesen. Er ist ein Individualist. Überragende Übersicht, gute Schnelligkeit, super Abschluss. Aber er hat Probleme, sich immer wieder in die Automatismen einzuschalten. Er kann jede Sekunde ein Spiel entscheiden, aber nicht neunzig Minuten immer arbeiten.

Wie sieht heute Ihr Alltag aus?

Ich bin Motivationscoach, gebe Coachingseminare für Unternehmen, und suche Talente. Ich kann nicht nur auf der Terrasse sitzen, ich muss unterwegs sein. Ich suche Top-Talente. In Ghana, der Türkei oder Split. Wir schauen Spiele. Solchen Jungs kann ich schon noch etwas mitgeben.

Herr Rapolder, war Köln eine Trainer-Guillotine?

Erst jetzt beginnt sich die Realität wieder anzupassen. Aber es ist ein weiter Weg zu den Overaths, Webers, Engels, Stracks, Flohes. Es soll nicht pathetisch klingen: Aber es war mir eine Ehre für diesen Verein zu arbeiten. Und wenn ich irgendwo bin, zum Beispiel in Wien neulich, spricht mich der wildfremde Droschkenfahrer an und fragt: Sie haben doch den 1. FC Köln trainiert, oder? Da sieht man mal.

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