„Germany's next Topmodel“ Model-Boss Marco Sinervo: „Bei Heidis Show wird mir schlecht“

MGM-Boss Marco Sinervo erregt Aufsehen mit seinem Buch "Fame vs. Fake"" mvg-Verlag (17 Euro)

MGM-Chef Marco Sinervo nimmt kein Blatt vor den Mund. Aktuell auf dem Markt ist sein Buch „Fame vs. Fake“.

Marco Sinervo (45), Chef der Modelagentur MGM, erzählt, warum er bei „Germany's Next Topmodel“ entsetzt abschaltet, was er von Heidi Klums Tochter Leni als Model hält und warum die Saus-und-Braus-Zeiten im Modegeschäft vorbei sind.

Er ist Chef von Deutschlands größter Modelagentur „MGM Models“, hat Stars wie Kate Upton (29) oder Chrissy Teigen (36) aufgebaut und die Zeiten noch mitgemacht, als Shootings im Champagnerbrunnen endeten.

Marco Sinervo (45) gibt in seinem Buch „Fame vs. Fake“ (mvg-Verlag) einen Einblick hinter die Kulissen des Model-Zirkus – und rechnet schonungslos ab mit Formaten wie „Germany's Next Topmodel“, Übermüttern und all den falsch geschürten Erwartungen bei Diversity-Models. EXPRESS.de hat den Model-Agenten zum Interview getroffen.

„Germany's next Topmodel“: Heidi Klums Show zockt Mädchen ab – sagt Model-Agent Marco Sinervo

War der Mode-Zirkus früher wirklich so viel verrückter als heute?

Alles zum Thema Heidi Klum

Marco Sinervo: Das war unglaublich. Nur First-Class-Flüge, Catering vom Sternerestaurant, Tausende von Dollars für eine Foto-Strecke, Traumgagen für die Models und abends völlig exzessive Feiern. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Champagnerbrunnen in Russland, da musste man nur sein Glas rein halten. Total dekadent. Das ist heute unvorstellbar. Da sind Fotografen in einem der großen Studios der Onlinehändler fest angestellt und arbeiten bis zu sechzig Stunden die Woche für ein Gehalt von 3000 Euro im Monat. Und auch die Models, die heute noch 300.000, 400.000 Euro im Jahr verdienen, sind rar gesät.

Und dennoch träumen schon viele kleine Mädchen – nicht zuletzt dank Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) – davon, Model zu werden. Wie realistisch ist die Klum-Show?

Marco Sinervo: Vollkommen unrealistisch. Ganz ehrlich: Bei der Show von Heidi Klum wird mir schlecht. Überspitzte Challenges, peinliche Nacktshows, gefakte Shootings, die man später weder in Zeitschriften noch im Netz sieht und Typveränderungen, die die Persönlichkeit brechen. Niemals würde eine gute Modelagentur Frauen dazu überreden. Diese jungen Frauen werden vorgeführt, mit Knebelverträgen abgezockt und dann fallengelassen. Ich habe erlebt, was diese Verantwortungslosigkeit für Folgen haben kann...

Marco Sinervo schildert Erlebnis: Erst zu GNTM, dann in die Psychiatrie

Was meinen Sie?

Marco Sinervo: Bei mir haben sich schon öfter GNTM-Kandidatinnen beworben. Aber du bist bei den Kunden verbrannt, wenn du im TV als Zicke dargestellt wirst. Ich habe erlebt, dass nicht nur eine von ihnen später in der Psychiatrie landete. Die meisten gehen dahin mit der Idee: „Versuchen wir es mal, sonst geht es eben zurück ins alte Leben.“ Aber das stimmt nicht! Da war zum Beispiel eine, die vorher einen guten Job im Verkauf hatte und ordentlich Geld verdiente. Ihr Chef wollte sie nachher aber nicht mehr zurücknehmen. Nein – das sollte man sich gut überlegen.

Heidi Klum (undatiertes Archivbild) ist alle Jahre wieder auf der Suche nach „Germany's Next Topmodel“.

Heidi Klum (undatiertes Archivbild) ist alle Jahre wieder auf der Suche nach „Germany's Next Topmodel“.

Diversity ist in der Modelwelt derzeit ein Riesen-Thema. Ist das die Zukunft?

Marco Sinervo: Nicht für so große Agenturen wie unsere, das ist eher ein Nischenbereich. Wir haben zum Beispiel die Plus-Size-Models wieder aus unserem Portfolio herausgenommen, weil es dafür einfach einen zu kleinen Markt gibt. Und auch all die Best-Agers, die jetzt jenseits der 50 durchstarten wollen, wiegen sich in falscher Hoffnung. Den Markt gibt es nicht. Was sich allerdings durchgesetzt hat, ist Diversity bei allen Hautfarben. Ich versuche immer, beim nächsten Trend die Nase vorn zu haben – und sehe, dass da der asiatische Markt unglaublich boomt.

Sie haben bei Superstars wie Kate Upton schon mit 14 das Potenzial gesehen. Woran erkennen Sie, ob jemand das Zeug zum echten Model hat?

Marco Sinervo: Klar, sind da Äußerlichkeiten wichtig. Sie muss groß sein, eine schöne Symmetrie im Gesicht, schöne Haut und schöne Haare haben, eine gute Körperspannung und neben Personality aber auch zeigen, dass sie den Fleiß hat, das durchzuziehen. Bei uns gehen jeden Monat 500 bis 600 Bewerbungen ein, davon laden wir vielleicht zwei ein.

Leni Klum bekäme bei großer Modelagentur MGM keinen Stich

Hätte Heidi Klums Tochter Leni (17) da Chancen, oder modelt sie wie so viele Promi-Kinder nur dank Vitamin B?

Marco Sinervo: Also, es gibt einige, die auch ohne ihre berühmten Eltern ihren Weg gemacht hätten, Cindy Crawfords Tochter Kaya Gerber zum Beispiel. Aber bei Leni Klum spricht mich nichts an. Es gibt 1000 Mädchen, die mir auf der Straße begegnen, die wesentlich hübscher sind. Da puscht Heidis Bekanntheit ihre Tochter ganz zweifellos.

Leni Klum (rechts) und ihre Mutter Heidi Klum auf einem Selfie, aufgenommen am 19. März 2021.

Leni Klum (rechts) und ihre Mutter Heidi Klum auf einem Selfie, aufgenommen am 19. März 2021.

Ihre schlimmsten Erfahrungen mit Übermüttern?

Marco Sinervo: Eine Szene geht mir immer noch nah. Ich habe einer Jugendlichen mal gesagt, dass sie leider zu klein sei für den Job. Wenige Monate später stand sie wieder mit ihrer Mutter im Büro. Und die sagte mir freudestrahlend, dass sie nach Asien geflogen seien und man dort der Tochter die Beine gebrochen habe, die jetzt etwas länger seien. Was muss das für eine Mutter sein? Wie kann man so verblendet sein? Jetzt bin ich noch vorsichtiger darin, eine Absage zu formulieren.

Auch, was das Gewicht angeht? Wie oft erzählen Models, dass sie ständig hungern...

Marco Sinervo: Und da sage ich, dass das nicht mehr stimmt. Wir sind heute weit weg von Size Zero. Unsere Kunden buchen auch eine Konfektionsgröße 36/38 – und das ist durchaus vertretbar. Anorektische Models kommen nicht mehr gut an. Und die meisten haben ein sehr gesundes Verhältnis zu ihrem Körper.

Sind Models eigentlich noch up to date, gehört nicht den Influencerinnen die Zukunft?

Marco Sinervo: Natürlich gibt es da einige, die richtig Geld verdienen, wie etwa Xenia Tchoumitcheva. Doch im Gegensatz zum Model kann man sich als Influencerin nicht mit zu vielen Marken zeigen, dann wirkt man unglaubwürdig. Ich glaube zudem, dass viele Jugendliche mittlerweile gelangweilt von dem Dauerwerbefernsehen bei Top-Influencern sind. Da gibt’s ja kaum noch Kommentare. Wir haben deshalb lieber Micro-Influencer mit 30.000 bis 100.000 Followern unter Vertrag, denn unsere Kunden schätzen diese authentischere Followerschaft.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Sie sind den ganzen Tag von schönen Frauen umgeben. Ist ihre Frau eifersüchtig?

Marco Sinervo: (lacht) Nein gar nicht. Sie macht etwas völlig anderes und findet das ganze Business nicht sonderlich spannend.

Marco Sinervo: Model-Manager betreut auch Jennifer Aniston

Marco Sinervo, Sohn eines Italieners und einer Finnin, wurde in Hamburg geboren. Er hat nach dem Abitur seinen Job von der Pike auf gelernt, fing in einer großen Modelagentur an, arbeitete viele Jahre in Mailand, Paris und New York, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. 2007 machte er sich mit Model Global Management (MGM) selbstständig.

Zur Zeit betreut er 1400 Models, Influencer und Influencerinnen sowie Promis wie Jennifer Aniston, Brad Pitt oder Renée Zellweger. Die Pandemie hat aber auch seiner Agentur mit rund 60 Mitarbeitern zu schaffen gemacht. Sinervo ist verheiratet und Vater.

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