150 Jahre alt wäre Konrad Adenauer am 5. Januar 2026 geworden. Der große Kölner war nicht „nur“ Politiker, er hatte viele Facetten. Wir zeigen einige überraschende!
Heute wäre er 150 Jahre alt gewordenWas wenige über Konrad Adenauer wissen

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Konrad Adenauer liebte das Boccia-Spiel, wie hier 1960 in Cadenabbia, und erklärte seine Taktik so: „Man muss beim Bocciaspielen sehr genau überlegen, welche Richtung man gibt. Ich pflege mit der rechten Hand zu werfen (...). Ich glaube, recht und richtig hängt irgendwie zusammen. Und deswegen sind nach meiner Meinung die Würfe mit der rechten Hand viel aussichtsreicher als die Würfe mit der linken Hand.“
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Sie nannten ihn den „Alten“. Wie kein anderer hat Konrad Adenauer die Geschichte unseres Landes nach der Nazi-Barbarei bis in die frühen 60er Jahre geprägt. Der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ist ein Titan der deutschen Politik. Bis heute ist die Ära des demokratischen Neubeginns nach dem vor 150 Jahren — am 5. Januar 1876 — in Köln geborenen charismatischen Ausnahmepolitiker benannt.
Manche verbinden mit Adenauer nur noch Erinnerungen an den staubigen Mief der spießigen 50er Jahre. Vergessen wird dabei, dass wir vieles, worauf wir heute stolz sind, dem konservativen Realpolitiker mit den markanten Gesichtszügen und den vielen Facetten verdanken. Im zertrümmerten Westen des Landes schafft Adenauer mit Herz und Verstand die Grundlagen für ein Leben in Freiheit und einen beispiellosen Aufschwung. Die Klaviatur der Macht beherrscht der passionierte Boccia-Spieler lange virtuos.
Konrad Adenauer: Rheinländer durch und durch
Seine große Stunde schlägt, als er am 15. September 1949 zum ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wird – an der Spitze einer Koalition aus CDU/CSU, FDP und „Deutscher Partei“. Mit nur einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen. Das knappe Ergebnis juckt ihn ebenso wenig wie sein schon hohes Alter von 73 Jahren getreu dem kölschen Motto „Et kütt wie et kütt“. Residieren wird er in Bonn – der neuen provisorischen Hauptstadt. Wunschgemäß, versteht sich.
Denn hinter den Kulissen hat der schlaue Klüngel-Fuchs mit dafür gesorgt, dass Bonn den Vorzug vor Mitbewerbern wie Frankfurt bekommen hat. So hat er es von seinem Wohnort in Rhöndorf nicht weit bis zu seinem Schreibtisch im Palais Schaumburg.
Als Adenauer Kanzler wird, kann er bereits auf eine erstaunliche Karriere im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zurückblicken – vor allem in seiner Heimatstadt Köln, wo der Politiker der katholischen Zentrumspartei 1917 zum Oberbürgermeister gekürt wird. Viel hat der zeit seines Lebens fest im Rheinland verwurzelte Politiker seiner Heimatstadt als Vermächtnis hinterlassen – u. a. den bis heute als Erholungsgebiet geschätzten Grüngürtel, die neue Uni, die Kölner Messe oder die Ansiedlung der Ford-Werke. Doch nach Hitlers „Machtergreifung“ wird der überzeugte Nazi-Gegner vom Hof gejagt. Bei einem Besuch des „Führers“ in Köln hatte sich Adenauer geweigert, diesen zu begrüßen und Hakenkreuzfahnen entfernen lassen. In der Folge wird er massiv bedroht und muss gar um sein Leben fürchten, als er gegen Kriegsende inhaftiert wird.
Doch er kommt davon und startet nach 1945 neu durch. Als Mitbegründer der CDU, erneut eine kurze Zeit als OB von Köln und schließlich als Kanzler — getrieben von der festen Überzeugung, dass die Bundesrepublik mit ihren im Grundgesetz verankerten Werten nur eine Zukunft in einer Allianz mit den Westmächten und im europäischen Verbund hat — inklusive Wiederbewaffnung und NATO-Beitritt. Eine Herzensangelegenheit für ihn ist zudem die Aussöhnung mit Frankreich, Israel und anderen Ländern. Zum von Stalins Roter Armee kontrollierten Osten Deutschlands grenzt er sich ab. Kommunisten und Sozis sind ihm ohnehin ein Graus. „Störenfried in der Welt“ nennt er einmal die Sowjetunion — eine Einschätzung, die mit Blick auf Putins Russland heute wieder brandaktuell ist.
Die Deutschen sehnen sich zu dieser Zeit aber vor allem nach Arbeit und Brot. Der Kanzler machts möglich. Die soziale Marktwirtschaft ist sein Schlüssel zu mehr Wohlstand – nach dem Konzept seines stets dicke Zigarren qualmenden Wirtschaftsministers Ludwig Erhard, dem umjubelten „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“. Kein großes Thema ist hingegen die Aufarbeitung der Nazi-Zeit. Die meisten Deutschen wollen nicht mehr an das Grauen und ihre mögliche Schuld an den Verbrechen erinnert werden. Und der Anti-Nazi Adenauer? Er lässt zu, dass viele alte Nazis im Staatsdienst erneut Karriere machen wie etwa Hans Globke, der einst an den Nürnberger Rassengesetzen mitwirkte und jetzt als Staatsminister im Kanzleramt zu seinen Vertrauten zählt.
14 Jahre lang hält sich Adenauer an der Macht. Doch in den letzten Jahren setzt die Kanzler-Dämmerung ihm immer mehr zu. So souverän wie einst agiert er nicht mehr. So 1962 bei der „Spiegel-Affäre“ mit seinem Frontalangriff auf die Pressefreiheit. Es hagelt Proteste. Als er schließlich am 15. Oktober 1963 mit 87 Jahren abdankt, macht er das nur auf Druck des Koalitionspartners FDP und einiger Parteifreunde. Freiwillig wäre er wohl nicht gegangen. Nachfolger wird Ludwig Erhard, von dem „der Alte“ nicht allzu viel hält. Das lässt er ihn auch immer wieder spüren. Am 19. April 1967 stirbt Adenauer im Alter von 91 Jahren in Rhöndorf – sechs Tage später nehmen Deutschland und die Welt in Köln Abschied.

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Der Sarg Konrad Adenauers wird am 25. April durch den Kölner Dom getragen.
Bei der vom Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings (79) im Kölner Dom zelebrierten Totenmesse erweisen auch die Großen der Welt dem „Alten“ die letzte Ehre: Frankreichs Präsident Charles de Gaulle, US-Präsident Lyndon B. Johnson und Israels früherer Premier David Ben-Gurion sind unter den Trauergästen. Vor dem Dom drängen sich zudem Zehntausende. Es ist bis heute die größte Trauerfeier in der Geschichte der Bundesrepublik. Rund 400 Millionen Menschen verfolgen rund um den Erdball die Live- Übertragung des WDR.
Über Tage haben sich die Feierlichkeiten zur Beisetzung zuvor schon hingezogen. Nach dem Requiem im Dom geleiten die Trauergäste den Sarg hinunter zum Rhein. Seine letzte Reise legt Adenauer auf einem Schnellboot zurück. Dicht an dicht stehen die Menschen an beiden Ufern Spalier. Es ist schon dunkel, als sich der Sarg mit seinen sterblichen Überresten kurz vor 21 Uhr auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof in die Erde senkt, während sein Sohn Monsignore Paul ein Gebet spricht.
„Der Alte“ trug sein Herz stets auf der Zunge
Konrad Adenauer war – typisch Rheinländer – nicht auf den Mund gefallen und ein Meister des Bonmots. Hier eine winzige Auswahl:
- „Man darf nie vergessen: Jeder Baum wird klein gepflanzt.“
- „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind. Andere gibt es nicht.“
- „Es gibt Dinge, über die spreche ich noch nicht mal mit mir selbst.“
- „Wenn man nach ein Uhr nachts trinkt, sagt man Dinge, die sich herumsprechen und die man später bereut.“
- „Wenn zwei Menschen immer die gleiche Meinung haben, taugen beide nichts.“
- „Raucher vernebeln nicht nur die Luft, sondern meist auch ihren Geist, und so kann man leichter mit ihnen fertig werden.“
- „Die Männer sind natürlich alle dafür, dass mehr Frauen in die Politik sollen. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich nicht um die eigene Frau.“
- „Ich bin ja mit dem lieben Gott so weit einverstanden, aber dass er der Klugheit Grenzen gesetzt hat und der Dummheit nicht, nehme ich ihm übel.“
- Ob das Bonmot „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ wirklich von Adenauer stammt, ist übrigens nicht belegt.
Der Familienmensch: Zwei Ehen, sieben Kinder, 24 Enkel
Konrad Adenauer war nicht nur Staatsmann, sondern auch Familienvater, „Oberhaupt“ einer – wie man heute sagen würde – Patchwork-Familie. 1901 lernt der junge Adenauer im Tennisclub „Pudelnass“ (eine Art Ehebörse für Söhne und Töchter vermögender Familien; so hieß dort der Tennisschläger „Verlobungskelle“) Emma Weyer kennen. Beide verlieben sich, Heirat 1904. Auf Hochzeitsreise „verzocken“ beide zehn (!) Franc im Casino Monte-Carlo. Im Laufe der Jahre bekommen die Adenauers drei Kinder. 1916, mit gerade einmal 36 Jahren, stirbt Emma Adenauer.

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Emma und Konrad Adenauer auf einem Foto anlässlich ihrer Verlobung im Jahre 1902. Der junge Konrad trägt schnittigen Schnäuzer zum Vatermöder-Kragen, seine Verlobte eine aufwendig gearbeitete Bluse mit Brosche am Hals.
Schon vor Emmas Tod spielte in der Lindenthaler Adenauer-Villa die junge Nachbarstochter Auguste „Gussie“ Zinsser bei Musikabenden auf. Nach Emmas Tod nähern sich Gussie und der 19 Jahre ältere alleinerziehende Konrad Adenauer an: 1919 heiraten sie, bekommen vier Kinder. Gussie hält unverbrüchlich zu ihrem von den Nazis 1944 internierten Mann, organisiert seine Flucht in den Westerwald. Sie wird von der Gestapo verhaftet und verrät unter dem Druck, man werde den Töchtern Leid antun, das Versteck ihres Mannes, was sie bis zu ihrem Tod quält. Am 3. März 1948 stirbt sie 52-jährig im Bonner St.-Johannes-Hospital.

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Die zweite Ehefrau des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer (CDU), Gussie, mit ihrem ältesten Sohn Paul.
Stopf-Ei und Soja-Wurst: der Tüftler Adenauer
Wenn Konrad Adenauer an seinem Schreibtisch in Rhöndorf oder im Palais Schaumburg saß, regte sich oft genialer Erfindergeist. Er schuf unter anderem:
- Schrotbrot aus Maismehl: Entwickelt mit den Kölner Bäckern Jean und Josef Oebel (dafür bekam Adenauer 1915 sein einziges Patent in Deutschland DE296648A). Sollte die Ernährungskrise während des Ersten Weltkrieges abmildern.
- Veggie-Wurst aus Sojabohnen und Fleischbrühe, auf den ersten Blick nicht von einer typisch kölschen „Flönz“ zu unterscheiden
- Batteriebetriebenes, leuchtendes Stopfei, das er „Einrichtung zur Ausbesserung von Geweben“ nannte – und das seiner Frau die Handarbeit erleichtern sollte.
- 1000-Volt-Killer-Bürste zur Schädlingsbekämpfung: Tapezierbürste mit Elektroden, die in eine Giftlösung eingetaucht werden sollten, um damit von Ungeziefer befallene Bäume zu bestreichen. AEG warnte: „Absolut tödlich!“ – allerdings für den Gärtner, weshalb das Teil nie produziert wurde.
- Abklappbarer Brausekopf für die Gießkanne.
- Gartenharke mit Hammer: Die Harke hatte auf der Rückseite einen Fleischklopfer-Kopf, um Erdbrocken zu zerschlagen.
Cadenabbia am Comer See: Dolce Vita mit dem Altkanzler
Es ist 1957, ein milder Frühling. Konrad Adenauer ist zum ersten Mal am Comer See, einem dieser zauberhaften Sehnsuchtsorte der Wirtschaftswunderdeutschen in Oberitalien. Es ist Liebe auf den ersten Blick, Adenauer kommt immer und immer wieder her, ab 1959 in die „Villa La Collina“ in Cadenabbia, die heute zur Konrad-Adenauer-Stiftung gehört. Dort lernt er das Boccia-Spiel kennen, spätnachmittags tritt er im leichten Anzug und Pepitahütchen auf der Bocciabahn an. Das Spiel „importiert“ er nach Rhöndorf, lässt auf seinem Grundstück eine Boccia-Bahn anlegen.

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Idyll mit Hollywoodschaukel vor Bergmassiv: Konrad Adenauer mit seiner Tochter Libeth 1957 in Cadenabbia am Comer See.
In Cadenabbia kommt Adenauer zur Ruhe, erfrischt seinen Geist und macht Weltpolitik: Charles de Gaulle besucht ihn hier, ebenso der damalige US-Außenminister Dean Rusk. Über Cadenabbia sagt Adenauer 1965: „Man ist für sich und hat doch die Schönheit der Natur, und ich bin (...) mit den Behörden und der Bevölkerung der ganzen Gegend so vertraut geworden, dass sie mich, wie ich glaube, nicht als einen Fremden betrachten. Das tut einem dann wohl bei einem Aufenthalt, wenn man so von den sehr sympathischen und freundlichen Menschen umgeben ist, wie die Menschen dort sind.“
Konrad Adenauer, Erfinder der Autobahn
Bis heute glauben viele Menschen, dass Adolf Hitler die erste Autobahn in Deutschland hat bauen lassen. Nichts weiter als ein braunes Propaganda-Märchen. Fakt ist, dass Konrad Adenauer bereits am 6. August 1932 die erste deutsche Autobahn feierlich eröffnet hat — damals war er Kölner Oberbürgermeister. Die rund 20 Kilometer lange „Kraftfahrstraße“ und heutige A555 verbindet Köln und Bonn.

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Sieht ein bisschen anders aus als heute: Blick auf die erste Autobahnanschlussstelle Europas in Wesseling vor der Eröffnung am 6. August 1932.
Straßen der Zukunft nennt Adenauer in prophetischer Vorausschau bei der Inbetriebnahme den neuen kreuzungsfreien Straßentyp für den öffentlichen Verkehr, der erstmals 1924 in Italien realisiert wird. Tausende Arbeitslose finden damals beim Bau eine Beschäftigung. Auf der in beiden Richtungen zweispurigen Fahrbahn gilt als Höchstgeschwindigkeit Tempo 120. Nach Hitlers Machtübernahme werden die Autobahnen flugs zu einem zentralen Projekt der NS-Propaganda — als „Straßen des Führers“. Dreist wird Adenauers Autobahn zur Landstraße runtergestuft, um Hitler im September 1933 öffentlichkeitswirksam feiern zu können – beim Spatenstich für die vermeintlich erste Nazi-Reichsautobahn von Frankfurt über Darmstadt/Mannheim nach Heidelberg.
