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„Der Verräter versteckt sich“Putins Krieg kommt zu ihnen: Russen immer wütender

Junge Russinnen auf Liegestühlen am Luzhniki-Stadion in Moskau: Die Wut im Land über den Krieg wird immer größer.

Copyright: IMAGO/ZUMA Press

Junge Russinnen auf Liegestühlen im Mai am Luzhniki-Stadion in Moskau: Die Wut im Land über den Krieg wird immer größer.

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Drohnen über Moskau, brennende Raffinerien in Perm und Tuapse – und ein geteiltes Russland: Das unabhängige Medienhaus „Meduza“ hat Russen gefragt, was die Angriffe mit ihnen machen.

Der Krieg kommt in ihre Heimat.

Die ukrainischen Drohnenangriffe treffen Russland längst nicht mehr nur an der Grenze. In den vergangenen Wochen wurde von Schäden in mehreren russischen Regionen berichtet: Raffinerien in Perm und Tuapse standen in Flammen, Wohnhäuser in Moskau und der Region wurden beschädigt, Flughäfen zeitweise gesperrt. Das unabhängige russische Medienhaus „Meduza“ – das aus dem Exil berichtet, weil es in Russland verboten ist – hat Russinnen und Russen gefragt, was die Angriffe in ihrem Leben verändert haben. Die Antworten zeichnen das Bild eines tief gespaltenen Landes.

„Ja, es ist Angst“

„Ja, es ist Angst“, schreibt Galina aus Moskau. „Aber im zweiten Gedankengang freue ich mich. Für mich ist das gerechte Vergeltung.“

Ähnlich klingt es bei Alexej aus der Region Wladimir. Er schreibt, er wünsche einer ukrainischen Militärdrohnen-Einheit, die als „Vögelchen Madyars“ bekannt sei, Erfolg – und hält Angriffe auf russische Ölraffinerien, Chemiebetriebe und Munitionsfabriken für eine Möglichkeit, den Krieg zu stoppen.

Bogdan aus der Moskauer Region sieht es nüchtern: „Russland erntet jetzt einfach, was es gesät hat. Im Vergleich zu dem, was wir der Ukraine angetan haben, sind die Angriffe auf russische Städte Kleinigkeiten.“

Andere wiederum reagieren anders – und sprechen eher von Trotz und Eskalationslust. Roman aus Moskau beschreibt eine Dynamik, die er in seinem Umfeld beobachtet: „Von mehreren Bekannten – von überzeugten Unterstützern bis zu bislang völlig neutralen Menschen – höre ich in etwa dasselbe: ‚Warum antworten wir nicht?‘ Viele wollen durch diese Angriffe keine Beendigung des Krieges – sondern seine Eskalation.“

„Wohin flüchten, wo verstecken?“

Artjom aus der Moskauer Region schildert eine Nacht, die er nicht vergessen wird: „Die Drohnen flogen laut und tief über unser Haus, aus den Fenstern sah man sie – und die Explosionen, als sie abgeschossen wurden. Wohin flüchten, wo verstecken? Im Dorf gibt es keine Schutzräume. Während der Verräter, der all das verursacht hat, in Sicherheit sitzt und sich versteckt, irrst du durch ein Haus, in dem du dich nicht im Mindesten sicher fühlst.“

Kirill aus Perm beobachtet einen Wandel im Denken seiner Umgebung: „Früher wiederholten die Leute um mich herum sicher die Parolen über die ‚Ziele der Spezialoperation‘. Aber wenn die Sirenen in einer Stadt im Hinterland fast täglich heulen, wird es immer schwieriger, das Offensichtliche zu leugnen. Zum ersten Mal erlebe ich eine anhaltende Zunahme der Kritik an den Behörden und persönlich an Putin – selbst unter überzeugten Unterstützern.“

„Wenn man selbst im Visier ist, dreht sich einem alles im Bauch um“

Dmitri aus Sankt Petersburg bringt es auf den Punkt: „Moskau war die Stadt, in der man den Krieg unterstützen, von ihm profitieren und seine Lasten nicht tragen konnte. Krieg, das war irgendwo weit weg. Die erste Reaktion: ‚Warum trifft es uns?‘ Niemanden hat Butscha interessiert. Aber das eigene Hemd ist näher am Körper. Jetzt stellt sich heraus: Im Krieg kann es auch Gegenschläge geben.“

Igor aus Moskau beschreibt, wie ihn eine Nacht im Mai verändert hat: „Um vier Uhr morgens wachte ich auf und verstand sofort: Das ist ein Drohnengeräusch. Und noch eines. Und noch eines. Früher habe ich der ukrainischen Armee nicht gespendet, weil es in Russland sehr gefährlich ist. Nach dieser Erfahrung denke ich anders. Ich verstehe, dass das eine Antwort ist, ich weiß, wer der Angreifer ist. Aber wenn man selbst im Visier ist, dreht sich einem alles im Bauch um. Ich will einfach lebend wegkommen.“

Nicht überall ist die Erschütterung spürbar. Andrej aus Moskau schreibt trocken: „Der Einkauf geht weiter, die Cafés sind voll – na und, dass an ein paar Hausfassaden irgendwo am Stadtrand Schäden entstanden sind.“ Und Ilja aus Rjasan warnt vor einem gegenteiligen Effekt: „Mit den Einschlägen in Wohnhäuser verlieren die Menschen das Mitgefühl für die andere Seite und den Scham über die Kriegsverbrechen der russischen Armee. Wir werden wütender – der Effekt ist eher umgekehrt.“ (mg)

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