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Wal-Drama um TimmyKölner Zoo-Experten sagen, was wirklich zählt

Die Collage zeigt den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal Timmy, dazu die Kölner Zoo-Tierärztin Sandra Marcordes (l.) und den Kölner Zoo-Direktor Dr Theo Pagel.

Copyright: dpa, Krasniqi

Kölner Zoo-Tierärztin Sandra Marcordes (l.) und der Kölner Zoo-Direktor Dr. Theo Pagel sagen, was im Fall Timmy das wahre Drama ist. 

Ein Wal mit Netz im Maul, eine Nation in Aufruhr – und zwei Kölner Experten mit Blick auf das große Ganze. Zoo-Direktor Pagel und Tierärztin Marcordes erklären, was wirklich zählt.

Er heißt Timmy, er liegt in der Ostsee – und ganz Deutschland schaut zu. Aber hilft das wirklich?

Seit Wochen hält ein Buckelwal die Nation in Atem. „Timmy“, gestrandet vor der Insel Poel bei Wismar – mit einem Fischnetz im Maul, zwölf Tonnen schwer, weit weg von seinem natürlichen Lebensraum. Die Rettungsversuche laufen auf Hochtouren. Jetzt melden sich zwei Kölner Experten zu Wort, die wissen, wovon sie reden: Zoo-Direktor Theo Pagel und Tierärztin Sandra Marcordes vom Kölner Zoo.

Wal Timmy: Kölns Zoo-Direktor stellt entscheidende Frage

„Ein Wal in der Ostsee – meine erste Frage ist: Was macht der da?“, sagt Pagel. Er lebt dort ja eigentlich nicht. Dazu das Netz im Maul, womöglich sogar im Magen-Darm-Trakt. „Dann ist er früher oder später zum Tode verurteilt – wenn es keinen Weg gibt, dieses Netz zu entfernen.“

Marcordes ergänzt: „Und das erscheint aus der Ferne betrachtet sehr schwierig bis unmöglich zu sein. Selbst, wenn man da mit einem Kran ranginge, wäre die Gefahr, ihn schwer zu verletzen und ihm womöglich den ganzen Magen herauszureißen, hoch.“

Und trotzdem: Gerettet werden soll er. Mit einem speziellen Gurt wollen Helfer der Rettungsinitiative Timmy in eine schwimmende Barge ziehen – eine Art mobiles Wasserbecken, das ihn zurück in die Nordsee transportieren soll. Die Barge ist mittlerweile in Wismar eingetroffen. Der Gurt soll unter seiner Brust entlanglaufen, sich hinten um die Flossen schlagen – und dann zieht ihn ein Team auf beiden Seiten vorwärts in den Lastkahn.

Ob das klappt, ist offen. Das Schweriner Umweltministerium hat bis zuletzt keine Unterlagen zum Gurteinsatz erhalten. Und Pagel stellt grundsätzlichere Fragen: „Es liegt sehr viel Konzentration auf einem einzigen Tier. Das ist auch ein bisschen unfair – weil es allein in Deutschland gleichzeitig Hunderttausende andere Tiere gibt, die ebenfalls Hilfe brauchen.“

Und weiter: „Es wäre schön, wenn sich die Menschen mit sehr viel Geld, die jetzt bei der Rettung des Wals helfen, was ich toll finde, denn erst mal wollen sie etwas Gutes, ihre Mittel auch nutzen, um Projekte für Artenerhalt und -vielfalt zu unterstützen.“ Womöglich täten sie das auch bereits.

Wal Timmy: Sein Leiden ist ein „menschengemachtes Problem“

Verständlich sei die Aufmerksamkeit für Timmy trotzdem, sagt er. „Der Wal ist ein sehr großes, charismatisches Tier, man hat ihm einen Namen gegeben – das emotionalisiert zusätzlich.“ Aber die Frage „Was können wir für Timmy tun?“ sei eben leichter zu beantworten als die Frage, was wir für den Artenschutz insgesamt tun müssten.

Das Netz im Maul des Wals ist für Marcordes ein klares Symbol: „Es zeigt, dass es menschengemachte Probleme gibt, die man dringend angehen muss.“

Marcordes operiert im Kölner Zoo Gorillas, Orang-Utans – und Geckos, die kaum ein paar Gramm wiegen. Sie kennt die harten Entscheidungen. „Wir schauen immer sehr genau: Wie schwer ist die Erkrankung? Wie die Prognose? Wird es wieder Lebensqualität haben?“

Pagel bringt es auf den Punkt: „Was kann man machen? Was sollte man machen? Was ist Natur?“ Das Leben ende immer mit dem Tod, sagt er. Wildtiere würden oft sehr früh sterben. Von allen Singvögeln, die dieses Jahr schlüpfen, erlebten vermutlich 75 Prozent das nächste Jahr nicht, wissen die Experten. Und Timmy? Der hat noch eine Chance – aber die Uhr tickt. (red, dpa)

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