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Stirb langsamWal „Timmy“ zeigt, wie gestört unser Verhältnis ist

Der Buckelwal in der Ostsee bewegt die Menschen stärker als so manche Weltkrise. Das Symbolbild wurde maschinell mit KI erstellt.

Copyright: EXPRESS (KI-generiert)

Der Buckelwal in der Ostsee bewegt die Menschen stärker als so manche Weltkrise. Das Symbolbild wurde maschinell mit KI erstellt. 

Aktualisiert:

Ein vor der Insel Poel gestrandeter Buckelwal bewegt ganz Deutschland über Wochen. Er spaltet die Nation und kämpft – fast nebenbei – ums Überleben. Ein Kommentar über ein zutiefst gestörtes Verhältnis.

Noch atmet er, noch schießt Wasser aus seinem Blasloch. Sein Körper – zwölf Meter lang, dreißig Tonnen schwer – liegt im flachen Wasser. Gestrandet, irgendwo zwischen Leben und Tod. 

Vermutlich hat noch nie ein Buckelwal solch hohe Wellen geschlagen: Er zieht Medien, Politiker, Verschwörungsideologen an. Er sorgt für etliche Tränen, Wut, für Morddrohungen und böse Kommentare. Er ist zu einem Objekt für Selbstdarsteller geworden, für Moralapostel, einem Motiv für Influencer und zu einer Mahnung für Umweltschützer. Und ganz nebenbei kämpft der Wal vor unser aller Augen ums Überleben. 

Lasst „Timmy“ gehen

Denn „Timmy“ – oder „Hope“ – leidet. So lautet der Befund der Wissenschaftler. Jeder Versuch einer „Rettung“ würde ihn zusätzlich stressen und leiden lassen, so heißt es in dem wissenschaftlichen Gutachten. Man müsse ihn in Frieden gehen lassen. Sein Körper trägt Spuren einer wochenlangen Qual: abgemagert, geschwächt, die Haut von Parasiten befallen. In seinem Maul Reste eines Fischernetzes. Das Tier geht seinen letzten Weg, da sind sich Experten sicher. 

Doch wir leben in einer Zeit, in der Gefühle stärker sind als Fakten. Mitgefühl ist eben etwas sehr Menschliches (und auch Schönes). Umfragen zeigen, dass mehr Deutsche den Wal retten wollen, als ihn sterben lassen. Sie wollen helfen.

Und ausgerechnet dieses Mitgefühl und das menschliche Eingreifen – das ist die Ironie – könnte dafür sorgen, dass die Leiden des Wals noch verlängert werden. Expertenmeinungen werden zweitrangig, es wird nach Mitteln gesucht, um „Timmy“ zu helfen. Am Ende resigniert auch die Politik – und schaltet einen Multimillionär ein. Es folgt Konzept um Konzept, teure Technik muss das Problem doch lösen können. Aktuell wird ein Transport im Inneren eines Spezialschiffs ins Auge gefasst. 

„Timmy“ zeigt uns unser völlig gestörtes Verhältnis zu Tieren

„Timmy“ und der Umgang mit dem Wal zeigen unser völlig gestörtes Verhältnis zu den Tieren. Wir haben in den letzten Jahrhunderten den Lebensraum der Wale immer weiter verkleinert. Wir haben den Ozean zur Autobahn gemacht, zur Mülldeponie, zur Speisekammer. Haben Wale gejagt bis an den Rand der Ausrottung. Und jetzt – jetzt stehen wir am Strand und weinen.

Wir sind traurig über sein Schicksal – und das ist verständlich. Aber wir sind eben auch blind. Jedes Jahr sterben über 300.000 Wale, Delfine und Schweinswale als Beifang in Fischernetzen. Tausende weitere stranden – und sterben. Unterwasserlärm beeinträchtigt die Fähigkeit vieler Lebewesen, zu kommunizieren und sich zu orientieren. 

Es ist auch unser eigenes Konsumverhalten, das Steak auf dem Teller, das Amazon-Paket, das per Schiff über den Ozean geliefert wird, das zu dem Problem beiträgt. Doch das Mitgefühl endet – auch das zeigt „Timmy“ – vor unserer eigenen Haustür, vor unseren eigenen Stränden. Die wirklich unbequeme Frage lautet nicht: Sollen wir „Timmy“ retten? Sie lautet: Was sind wir bereit zu ändern? Eine Welle der Entrüstung könnte für mehr Druck auf die Politik sorgen, für mehr Umweltschutz, mehr Schutzgebiete für Wale. Doch es bleibt zu befürchten, dass Traurigkeit und Wut schnell abebben, sobald „Timmy“ verschwunden und die See wieder ruhig ist.

Eine Rinne in der Kirchsee vor der Insel Poel führt vom Wal in tieferes Gewässer (Aufnahme aus einem Flugzeug).

Gestrandeter Wal „Timmy“

Go für den neuen Plan – schwimmt er selbst los?