Im Keller des Kölner Zoos verbirgt sich eine geheime Welt. Hier bekommen vom Aussterben bedrohte Tiere eine neue Chance.
Kölns verborgene Tier-WeltTief im Keller bekommen bedrohte Arten eine neue Chance

Copyright: Alexander Schwaiger
In den Kellerräumen des Aquariums des Kölner Zoos bekommen fast ausgestorbene Tierarten eine zweite Chance.
Besucher des Aquariums im Kölner Zoo erleben nur einen Teil. Der andere Teil existiert im Verborgenen und könnte die Zukunft ganzer Spezies retten.
Wer auf dem Vorplatz des Kölner Zoos ankommt, muss eine Entscheidung treffen. Rechts lockt der Haupteingang mit Flamingos, Elefanten und Nasenbären. Links befindet sich das deutlich kompaktere Aquarium. Es wurde 1971 eingeweiht, und die Architektur verrät dieses Jahrzehnt. Neben dem riesigen Areal des Tierparks wirkt es fast unscheinbar. Die Aufteilung in die Bereiche Aquarium, Terrarium sowie Insektarium ist bis heute dieselbe.
Manche Spezies bleiben dem normalen Publikum verborgen
Der Bereich für Terrarien zählt zu den bedeutendsten und vielfältigsten Schauanlagen für Amphibien und Reptilien bundesweit. Mehr als 100 Spezies sind dort beheimatet. Die Bandbreite reicht von der Langnasennatter bis hin zum Philippinenkrokodil. Manche dieser Spezies bleiben dem normalen Publikum jedoch verborgen, da ihr Zuhause unter dem Aquarium in den Kellergewölben liegt.
Um zu ihnen zu gelangen, muss man erst durch eine unauffällige Tür im Parterre und eine Stiege hinauf. „Nur für Mitarbeiter zugänglich“, so lautet die Aufschrift. Wer jedoch in Begleitung von Thomas Ziegler ist, erhält Zutritt. Er ist seit 2003 der Leiter des Aquariums. D
ie Schaubecken können von oben gesäubert werden, und von dort aus geht es über eine zusätzliche Treppe abwärts in den Keller. Dort unten befindet sich eine schwarze Hygienematte. Jeder, der hinabsteigt, muss sich zunächst die Schuhe desinfizieren.
Die Vorgänge in diesen unterirdischen Räumen sind viel tiefgreifender als bloße Tierpflege. Ziegler bezeichnet es als die „Kölner Arche“. Zwar bedroht die Tiere keine Sintflut, jedenfalls nicht alle, doch die Klimaveränderung zählt zu den Gefahren für ihren Lebensraum oder hat diesen bereits zerstört.
Die geheime Mission unter dem Aquarium
Für jede Spezies, die unten im Keller untergebracht ist, existieren Kooperationen in den Ursprungsländern der Tiere – etwa in Vietnam, Laos oder auf den Philippinen. Dieses Vorgehen ist als „One Plan Approach“ bekannt, eine Strategie der Weltnaturschutzunion IUCN. Dabei arbeiten Zoos und Herkunftsländer zusammen, um eine Art zu retten.
Die Tiergärten ziehen die Tiere auf und sorgen für Nachwuchs. Gleichzeitig bemühen sich die Partner vor Ort um die Wiederherstellung des Lebensraums. Die Zuständigkeit von Köln liegt bei Südostasien.

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Hereinspaziert in das Reich von Tierpflegerin Anna Rauhaus. Sie züchtet, wenn es gut läuft, bis zu 40 Arten im Jahr nach.
Seit beinahe 30 Jahren betreibt Ziegler Forschung in Vietnam, wo er auch promovierte. Aber auch eine heimische Spezies aus der Kölner Region fand hier eine temporäre Bleibe: die Wechselkröte. In Kooperation mit der Naturschutzstation Leverkusen/Köln des NABU wird versucht, die aufgezogenen Exemplare wieder in die Freiheit zu entlassen. Der NABU hat zu diesem Zweck 60 Gewässer geschaffen. „Wir haben gerade verabredet, wann wir die erste Fuhre zurück nach Köln in die Natur bringen“, berichtet der Biologieprofessor.
Anna Rauhaus, die Reviertierpflegerin für das Terrarium, ist seit 2011 Teil des Teams. Ihre Verantwortung umfasst circa 70 Reptilien- sowie 35 Amphibienarten. In guten Jahren gelingt ihr die Nachzucht von mehr als 40 Spezies. Ihr zu Ehren wurde sogar eine Froschgattung aus Vietnam benannt – der Moosfrosch von Anna.
Vom Abstellraum zur Rettungsstation
Auf den ersten Blick wirkt der Keller wie ein gewöhnlicher Keller. Es ist dunkel, die Wände sind kahl. Die Atmosphäre ist feuchtwarm, wie die Tiere es aus ihren Herkunftsgebieten gewohnt sind. In der Vergangenheit züchtete man hier Goldfische; in den Räumen lagerten PVC-Rohre, Besen und Werkzeuge. Inzwischen befinden sich hier ein Raum für Salamander, zwei Stationen für Quarantäne, separate Bereiche für Warane, Schlangen, Geckos und Krokodilschwanzechsen, ein Amphibienzimmer sowie zusätzliche Terrarien in den Korridoren. „Wir haben eine Besenkammer in einen Haltungs- und Zuchtraum für bedrohte Arten umgewandelt“, erklärt Ziegler. „Hier sollten so viele Betten und Zimmerchen wie möglich für bedrohte Arten entstehen, wie das in unserer Macht stand.“
An den Wänden reiht sich ein Terrarium an das nächste; ein Rascheln ist zu hören, wenn Ziegler und Rauhaus bei ihrer Runde vorbeigehen. Einige Tiere zeigen sich sehr zutraulich und blicken sofort auf, um zu sehen, was passiert. „Eidechsen sind schlau und immer neugierig“, bemerkt Ziegler, während er an zwei kleinen blauen Echsen aus Japan vorbeischreitet. Andere Bewohner ziehen es vor, sich zu verbergen oder springen vorsichtshalber in ihr Wasserbecken. Die gelben Warane dagegen ruhen gelassen in ihrer Wanne. Es handelt sich um ältere Exemplare, beide sind über 15 Jahre alt. Ihre Reise endete am Flughafen, wo sie konfisziert wurden, nun ist Köln ihr Zuhause.

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Thomas Ziegler in seinem natürlichen Habitat, dem Amphibienraum.
Hier finden auch konfiszierte Tiere eine Zuflucht. Mehr als 25 Reptilienspezies im Terrarium haben eine solche Geschichte – an Flughäfen sichergestellt, in Gepäckstücken geschmuggelt und in einem furchtbaren Zustand übergeben. Das Aquarium nimmt sich ihrer an, versorgt sie und veranlasst Gen-Analysen. Der Grund: „Auf einem beschlagnahmten Tier steht nicht, woher es kommt“, erläutert Pflegerin Rauhaus. Anschließend werden die Herkunftsländer kontaktiert: „Wir haben etwas von euch. Wollt ihr es zurück?“
Eine Rückführung ist nicht in jedem Fall möglich. Rauhaus berichtet über zwei Schildkröten, die aus Myanmar stammen. Aufgrund des dortigen Krieges war eine Rückkehr in ihre Heimat ausgeschlossen. Damals galt diese Spezies als die am stärksten gefährdete Schildkrötenart weltweit. „Wir können helfen in Krisenzeiten, bei Kriegen, aber auch bei Krankheitsausbrüchen, invasiven Arten und Naturkatastrophen.“ Sollte eine Katastrophe eintreten, ist es von Vorteil, wenn an einem anderen Ort noch Tiere dieser Art existieren.

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Ein junger Madagaskar-Schönkopfgecko. In seiner Heimat ist die Art vom Aussterben bedroht.
In einem der umgestalteten Kellerräume, in Nachbarschaft zu den alten Waranen, wohnt eine Kreatur, die fast niemandem bekannt ist: der Schönkopfgecko aus Madagaskar. Das Aquarium in Köln war die weltweit erste zoologische Einrichtung, die diese Spezies beherbergte. Dieser Gecko ist ausschließlich in einem einzigen Waldgebiet auf Madagaskar heimisch und dort stark gefährdet. „Solche Arten, die nur an einer Stelle vorkommen, sind auch am schnellsten weg“, erklärt Ziegler. „Und deswegen war es so wichtig, ihn in die Zoowelt aufzunehmen, damit wir eine Reservepopulation haben.“ Die Nachkommen, die eine schwarz-weiße Musterung und einen roten Schwanz haben, werden an andere Zoos abgegeben, um das Netzwerk zur Erhaltung zu festigen.
Geduldsspiel Zucht: Ein Erfolg kann Jahre dauern
Die Vermehrung solch einer Spezies ist alles andere als alltäglich. „Das ist eigentlich für jede Art unterschiedlich“, meint Rauhaus. „Und das ist eben viel Ausprobieren.“ Bei einigen Geckos wird das Geschlecht durch die Temperatur bestimmt: Eine wärmere Brutzeit führt zu mehr männlichen Tieren, eine kühlere zu mehr weiblichen. Solche Informationen müssen erst gesammelt werden. Im Idealfall liegen bereits Informationen aus dem natürlichen Habitat vor, die sich gut simulieren lassen. Manchmal existieren auch schon Berichte über erfolgreiche Zuchten. In einigen Fällen hatten sie großes Glück, in anderen weniger: „Wir haben bei manchen Arten zehn Jahre gebraucht.“ Bei bestimmten Amphibien bleibt ihnen nur eine einzige Saison für die Fortpflanzung, da sie nur in diesem Zeitraum paarungsbereit sind.

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2018 haben sich ein Männchen und ein Weibchen des vietnamesischen Krokodilmolchs zum allerersten Mal im Kölner Zoo vermehrt. Mittlerweile gibt es 600 von ihnen.
Mit dem Krokodilmolch aus Vietnam hatten die Experten Erfolg. Vier Larven erreichten Köln. Zwei davon wuchsen heran. Im Jahr 2018 pflanzten sie sich erstmalig fort. Inzwischen sind im Aquarium mehr als 600 Exemplare dieser Art aufgezogen worden. „Die Art war in der Roten Liste als stark bedroht gelistet und ist jetzt eine Kategorie heruntergestuft worden. Jetzt sind sie nur noch bedroht“, berichtet Rauhaus. „Und ein Punkt in der Begründung war, dass wir dieses Erhaltungszuchtprojekt aufgebaut haben.“ Der schwarze Krokodilmolch passt bequem auf die Hand der Pflegerin. Er lässt sich geduldig präsentieren.
Eine vergleichbare Erfolgsgeschichte gibt es bei der Krokodilschwanzechse aus Vietnam. Ziegler zufolge existierten von der dortigen Unterart nur noch etwa 200 Exemplare in freier Wildbahn. Aus fünf Tieren, deren Herkunft genetisch als vietnamesisch bestätigt wurde, ist der Bestand in Europa auf circa 80 angewachsen, die auf 14 Zoos verteilt sind. Letzten November konnten zum ersten Mal zwölf nachgezüchtete Tiere nach Vietnam zurückkehren. Dort hat das erste Weibchen bereits Nachwuchs zur Welt gebracht.

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Die neuen Bewohner der ehemaligen Besenkammer: eine vietnamesische Krokodilschwanzechse.
Ihr Zuhause in Köln ist ein früherer Abstellraum, der mit vier geräumigen Gehegen für die Echsen umgestaltet wurde. Fotos und Namen an der Tür zeigen, wer aktuell welches Gehege bewohnt. In diesem Bereich ist es kühler als in den übrigen; diese Tiere bevorzugen niedrigere Temperaturen als einige ihrer Artgenossen. Anna Rauhaus sorgt zudem mit einer Sprühflasche regelmäßig für die Nachahmung der Luftfeuchtigkeit

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Der Amphibienraum des Kölner Aquariums. Ihn hat Thomas Ziegler als erstes vor 23 Jahren umgebaut. Früher war dort ein Futtertierraum.
Im oberen Teil des Aquariums befindet sich die Ausstellung, im unteren die Aufzucht. Von den Waranen wird stets nur ein Exemplar im öffentlichen Bereich gezeigt. Als Einzelgänger tolerieren sie sich nur für kurze Zeit. Die Vermehrung findet abseits der Öffentlichkeit, also unter den Schauräumen, statt. Das, was die Gäste erblicken, ist nur ein Ausschnitt der ganzen Erzählung. Um ihnen einen Eindruck von den Vorgängen im Verborgenen zu vermitteln, ohne dass jeder in den Keller muss, ließ Ziegler im oberen Stockwerk Fenster installieren. Eines davon gewährt einen Einblick in die Aufzucht der lokalen Wechselkröte, ein anderes zeigt eine Videoaufnahme aus dem Amphibienraum.
Ziegler sieht den zeitgemäßen Zoo nicht als Haftanstalt: „Wenn unsere Bude abbrennt, müssen wir auch in ein Hotel, bis die wieder hergerichtet ist. Und so ist das auch draußen, wo Lebensräume zerstört werden, da können Zoos helfen.“ Und was passiert, wenn eine Spezies endgültig verschwunden ist? „Dann haben wir verloren.“ (red)
