Die große WM-Analyse 80 Wochen vor der Heim-EM: Was muss nun im deutschen Fußball passieren?

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff steht vor dem Mannschaftsbus.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff vor der Abfahrt aus dem Team-Quartier am 2. Dezember 2022. Seine Zukunft ist mehr als unsicher.

Das nächste WM-Desaster erschüttert den DFB in seinen Grundfesten. Hansi Flick und Oliver Bierhof klammern sich an ihre Posten – Ausgang offen. Eine EXPRESS.de-Analyse zum erneuten Turnier-Desaster.

Dürftige neun Tage dauerte das WM-Turnier für die deutsche Nationalmannschaft in Katar, dann war erneut vorzeitig Feierabend. Am Freitag (2. Dezember 2022) ging es in einer Sondermaschine nach Hause. Während noch 16 Nationen vom Titel in der Wüste träumen dürfen, ist für den Weltmeister von 2014 erneut vorzeitig Endstation.

Drittes frühes Versagen bei einem Turnier in Folge, die einst stolze Fußball-Nation degradiert zum Mitläufer, der Kredit komplett verspielt. Die Spieler verschwinden nun in den Urlaub, die Verantwortlichen stecken in der kommenden Woche die Köpfe zusammen. Es gibt viele Themen.

DFB: Drittes Turnier-Versagen in Folge sorgt für Krisenstimmung

„Das könnte auch ein Horrorfilm sein“, sagte Doppeltorschütze Kai Havertz (23) nach dem nutzlosen 4:2-Sieg gegen Costa Rica. „Wir stehen wieder bei null, das ist die harte Realität, in der wir uns befinden. Viel Talent, alles schön und gut. Aber es gehört einfach mehr dazu als nur Talent“, setzte Abwehrchef Antonio Rüdiger (29) zur ersten Fehlersuche an.

Alles zum Thema Hansi Flick

DFB-Präsident Bernd Neuendorf (61) und BVB-Chef Hans-Joachim Watzke (63) müssen jetzt aufpassen, dass es nicht erneut ein plumpes „Weiter so“, wie es 2018 Joachim Löw (62) und Bierhoff verkündet haben, geben wird.

Brennpunkt Trainer: Hansi Flick (57) hatte den Auftrag, in seiner bisher 16-monatigen Amtszeit ein Gebilde zu finden, das mit den großen Nationen mithalten kann. Es ist ihm nicht gelungen. Die von ihm verlangte „All-in-Mentalität“ war am Ende nur heiße Luft. Im Vorfeld der WM verschenkte er die Gelegenheit beim Oman-Testspiel durch wilde Personalrochaden. Die Generalprobe hatte so null Aussagewert.

Bundestrainer Hansi Flick steht vor dem Mannschaftsbus.

Hansi Flick verabschiedet sich vor der Abreise von einem Hotel-Angestellten. Der Bundestrainer hat sein WM-Ziel komplett verfehlt.

Bei seinen Aufstellungen versagte das Bauchgefühl des früheren Erfolgs-Coachs des FC Bayern. Die Maßnahme, mit Niklas Süle (27) als Rechtsverteidiger gegen Japan zu starten, floppte genauso wie die Wechsel im Spiel. Er hat sich „vercoacht“ (Lothar Matthäus), nie eine erste Elf gefunden. Flick scheute den Konflikt mit seinen treuen Stars, verschob diese hilflos zwischen den Positionen umher. Er traute sich nicht, den seiner Form hinterherlaufenden Thomas Müller (33) auf die Bank zu setzen.

Statt das Momentum von Niclas Füllkrug (29) zu nutzen, wurde im dritten Spiel wieder experimentiert. Joshua Kimmich (27), der bei der WM auch komplett hinter den Erwartungen als Führungsspieler blieb, wurde nach rechts verschoben, um nicht Ilkay Günodgan (32) opfern zu müssen. Dass der Bundestrainer – das Aus vor Augen – in der 93. Minute gegen Costa Rica noch daran dachte, Matthias Ginter (28) die ersten WM-Minuten seiner Karriere zu schenken, ist eine tolle Geste, zeigt aber auch Flicks Schwäche: Der nette Hansi war zu lieb für die knallharte WM-Mission.

Allerdings: Wie sehen überhaupt die Alternativen aus? Jürgen Klopp (55) könnte sicherlich vor dem Heim-Turnier zumindest die Stimmung beleben. Allerdings ist der weiterhin beim FC Liverpool unter Vertrag, es sei denn, Watzke könnte ihn loseisen. Mit Thomas Tuchel (49) ist ein Experte auf dem Markt, den sein früherer Dortmunder Chef bereits als „schwierig“ bezeichnet hat. Ralf Rangnick (64) ist auch kein Sympathieträger für die Massen.

Brennpunkt Direktor: Oliver Bierhoff (54) ist seit 18 Jahren auf seinem Posten. Er hat nun schon drei gescheiterte Turniere zu verantworten. Neuendorf und Watzke sollten sich genau überlegen, ob es nicht an der Zeit ist, die „Clique“ endlich aufzusprengen. Denn von sich aus, das wurde nach der erneuten Enttäuschung schnell klar, wird niemand seinen Posten vor Vertragsende 2024 räumen.

„Es geht hier nicht darum: Wer hat hier schuld? Einen Rücktritt schließe ich aus“, sagte Bierhoff. Er verwies lieber auf den WM-Titel 2014, den Erfolg des Sommermärchens 2006. Dabei hat er in der jüngsten Vergangenheit in Planungsfragen oder zuletzt beim Thema „One-Love“-Binde keine gute Figur abgegeben. Zudem hat er auch großen Anteil daran, dass das Interesse der deutschen Fans an ihrer Nationalmannschaft quasi erloschen ist.

Brennpunkt Mannschaft: Thomas Müller (33) deutete bereits seinen Rücktritt an, um nicht wieder in die Situation zu kommen wie im März 2019, als ihn Löw abservierte. Manuel Neuer (36) hingegen sieht keinen Grund, über seine Zukunft im DFB-Team nachzudenken. Dabei spielte der immer häufiger verletzte Kapitän keineswegs ein gutes Turnier. Das zwischenzeitliche 2:1 für Costa Rica wurde sogar als sein Eigentor gewertet. Mit Ilkay Gündogan (32) macht sich ein weiterer Akteur Gedanken um seine Zukunft im Nationaltrikot.

Antonio Rüdiger sitzt frustriert auf dem Rasen des Stadions.

Antonio Rüdiger ging nach dem WM-Aus am 1. Dezember 2022 hart mit seinen Kollegen ins Gericht.

Der Rest wird auch den Stamm bilden, der in 80 Wochen in Deutschland in die Heim-EM starten wird. Mit Florian Wirtz (19) kommt noch ein Talent dazu, ansonsten wird das Angebot auch 2024 nicht viel anders aussehen. Rüdiger vermisst bei vielen Kollegen „die letzte Gier, dieses etwas Dreckige“. Zweikampfhärte gehört ebenso wie Killerinstinkt vor dem Tor nicht zur Stärke des Teams.

EM 2024 beginnt in 80 Wochen: Viele Sorgen für deutschen Fußball

Plötzlich klagte auch Flick nach dem Aus: „Wir müssen in der Ausbildung besser werden. Wir reden seit Jahren über Neuner, die wir brauchen, über spielstarke Außenverteidiger.“ Zudem vermisste er die „Basics“, also kämpferische Tugenden. Allerdings war er selbst zweieinhalb Jahre DFB-Sportdirektor. Dass dieser Posten nach Flicks Ausscheiden vakant ist, das hat auch Bierhoff zu verantworten.

Vielleicht sollte sich Deutschland 2024 darauf konzentrieren, ein sympathischer, weltoffener EM-Gastgeber zu sein. Vollmundige Titel-Ankündigungen, wie sie im Vorfeld von Katar von den DFB-Stars und -Verantwortlichen kamen, sollten lieber der Konkurrenz überlassen werden.

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