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Calli traf Rudi zum XXL-GesprächSind Sie der heimliche Bundestrainer, Herr Völler?

Rudi Völler und Reiner Calmund stehen nach dem Interview zusammen.

Der neue DFB-Sportdirektor Rudi Völler und sein früherer Vorgesetzter bei Bayer Leverkusen, Reiner Calmund, nahmen sich Zeit für ein ausführliches Interview zur Nationalmannschaft.

Rudi Völler soll als Nachfolger von Oliver Bierhoff als Sportdirektor die Nationalmannschaft wieder in die Erfolgsspur bringen. Über diese Mission sprach er vor den ersten Länderspielen mit Reiner Calmund.

von Christian Knop (knop)Marcel Schwamborn (msw)

19 Jahre nach seinem Rücktritt als Teamchef der Nationalmannschaft ist Rudi Völler (62) zurück beim Deutschen Fußball-Bund. Als Sportdirektor soll er nach drei Turnier-Enttäuschungen in Serie die Stimmung rund um das DFB-Team wieder heben.

In 15 Monaten steht schließlich eine wichtige Titel-Mission an. Bei der Heim-Europameisterschaft sollen die Fans endlich wieder stolz auf ihre Mannschaft sein. Vor dem ersten Länderspiel des Jahres traf sich EXPRESS.de mit Völler. Dabei war auch Reiner Calmund (74), der schon mehrmals eine entscheidende Rolle in Völlers Karriere gespielt hat.

Reiner Calmund: „Rudi Völler ist der deutsche Fußball-König“

Rudi Völler, was sagen Sie denen, die Ihre Rückkehr als Verzweiflungstat sehen? Reiner Calmund: Moment! Da muss ich mich gleich dazwischenwerfen. Franz Beckenbauer ist zwar dank all‘ seiner Erfolge und Verdienste Deutschlands unumstrittener Fußball-Kaiser. Aber direkt dahinter steht Rudi als der deutsche Fußball-König. 1986 Vize-Weltmeister in Mexiko, 1990 der Gewinn der WM. Torschützenkönig, Fußballer des Jahres und Champions-League-Sieger. Nach dem frühen Ausscheiden bei der WM 2022 bildete sich eine top besetzte DFB-Task-Force zur Aufarbeitung der Krise. Nach seinem damaligen Einstieg als Bundestrainer ist Rudi jetzt zum zweiten Male der Retter in der Not.

Alles zum Thema Rudi Völler

Rudi Völler: Bei allem Respekt, lieber Calli, aber bitte nicht übertreiben. Im Jahr 2000 kam ich total überraschend zum Bundestrainer-Amt, das war überhaupt nicht absehbar. Erst einen Tag vor der Sitzung hatte mich Calli über das Meeting mit dem DFB und Bayern München informiert. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder nannte dann als Erster meinen Namen, als Bayer 04 die Freigabe des damaligen Trainers Christoph Daum erst für zehn Monate später in Aussicht stellte. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge als Bayern-Vertreter waren sofort von dieser Idee begeistert. Mehr war nicht geplant.

Aus zehn Monaten wurden vier Jahre. Gibt es da jetzt auch Parallelen? Rudi Völler: Nicht wirklich. Jetzt mache ich den Job beim DFB aus meiner Erfahrung der vergangenen 20, 30 Jahre heraus. Ich war Nationalspieler, war schon Trainer beim DFB, war Trainer in Leverkusen, vor allem habe ich dort im Management des Vereins viel erlebt. Vor diesem Hintergrund unterstütze ich Hansi Flick in jeder Hinsicht.

Wie sehr werden Sie sich in seine Arbeit einmischen? Rudi Völler: Überhaupt nicht. Hansi ist der Bundestrainer. Er nominiert, trainiert und macht die Taktik. Natürlich tauschen wir uns auch mal aus, ich werde auch mal bei der einen oder anderen Sitzung dabei sein. Ich mag und schätze Hansi und möchte ihm den Rücken stärken. Mein Job ist es, den Kontakt zu den Vereinen zu halten. Das ist sehr wichtig, kann aber letztlich nicht auch noch ins Aufgabengebiet des Bundestrainers fallen. Ich kenne noch aus meiner Leverkusener Zeit alle Verantwortlichen der Liga, einige waren sogar noch meine Spieler. Das ist eine hervorragende Arbeitsbasis – gerade auch, wenn es mal Konflikte geben wird. Denn hin und wieder muss ich vor dieser Europameisterschaft auch mal sagen, dass der DFB jetzt vorgeht.

Und wie als Bundestrainer machen Sie dann drei Jahre länger den Job? Rudi Völler: Ich mache das bis nach der Europameisterschaft, so ist die klare Planung. Meine Lebensplanung war ja schon bis zum kommenden Jahr eigentlich eine ganz andere. Aber es geht nun mal um diese EM. Bei uns zu Hause, in Deutschland.

Reiner Calmund: Für einen Fußball-Verrückten ist das ein Riesen-Event.

Rudi Völler: Die EM wird wunderbar. Da wird jedes einzelne Spiel ausverkauft sein. Ganz Europa trifft sich hier in Deutschland. Da wird vier Wochen die Luft brennen – im positiven Sinne. Wir werden uns als Land hoffentlich von unserer besten Seite zeigen, mit viel Enthusiasmus und gastfreundlich gegenüber all unseren Besuchern.

Rudi Völler: Havertz, Wirtz, Musiala, Brandt und Kimmich neues Herzstück

Vize-Weltmeister 2002, Sommermärchen 2006, eine tolle WM 2010, Weltmeister 2014: Warum sind Form und Euphorie rund um die Mannschaft gesunken? Rudi Völler: Wir haben immer noch große fußballerische Qualität, aber ein paar Prozent haben zuletzt gefehlt. Daran wird jetzt intensiv und hart gearbeitet. Das Herzstück der nächsten sieben, acht Jahre werden Spieler wie Kai Havertz, Florian Wirtz, Jamal Musiala, Julian Brandt oder Joshua Kimmich bilden – um nur einige zu nennen. Es ist wichtig, dass solche Spieler jetzt in die Pflicht genommen werden. Wenn zu dieser fußballerischen Klasse, auch mithilfe der anderen Spieler, Faktoren wie Wille, Einsatz, Unnachgiebigkeit und Leidensfähigkeit hinzukommen, bin ich überzeugt, dass wir die Unterstützung der Fußballfans wieder zurückgewinnen.

Rudi Völler über Kimmichs schwarz-rot-goldene Kapitänsbinde

Sie nannten Joshua Kimmich, er wird am Samstag in Mainz gegen Peru als Kapitän auflaufen­, mit einer schwarz-rot-goldenen Binde statt mit „One Love“ … Rudi Völler: Eine Kapitänsbinde in Deutschland-Farben darf natürlich niemals ein Problem sein, es sind die Farben unseres Landes. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen, das darf sich aber auch niemand für politische Zwecke aneignen. Natürlich steht auch der DFB, steht Präsident Bernd Neuendorf für freiheitliche demokratische Werte, für Menschenrechte und Diversität. Dafür setzen wir alle uns ein. Doch wer die Binde der Nationalmannschaft trägt, hat kein politisches Amt, er hat ein sportliches Amt. Er ist der Kapitän der Mannschaft, der „Spielführer“ – klassisch, wie einst Franz Beckenbauer.

Publikumsfreundliche Anstoßzeiten, mehr öffentliche Trainingseinheiten, insgesamt ein volksnäheres Auftreten – gibt es weitere Ansatzpunkte, um die Nationalmannschaft wieder attraktiver und beliebter zu machen? Rudi Völler: Selbstverständlich wollen wir Fan-Nähe zeigen. Auch frühere Anstoßzeiten sind wichtig. Aber das Wichtigste sind und bleiben die Spiele. Am Ende kannst du noch so viele positive Dinge nebenbei machen. Doch die Fans müssen das Gefühl haben, dass sich die Spieler für die Nationalmannschaft zerreißen. Argentinien ist zu Recht Weltmeister geworden. Man hatte einfach das Gefühl, dass sie es unbedingt wollten. Aber vom Kader war das Team nicht besser besetzt als wir.

Ist es nicht zu einfach, das WM-Aus nur an 20 schlechten Japan-Minuten festzumachen? Oder ist die Weltspitze dem deutschen Fußball tatsächlich enteilt? Rudi Völler: Wir wollen nichts schönreden, aber das sind einfach Fakten: Wir haben in den drei Vorrundenspielen doppelt so viele Chancen wie die Franzosen kreiert, teilweise hochkarätige. Wir haben auch gar nicht viele Chancen zugelassen. Nur die wenigen, die wir zugelassen haben, die waren drin. So ist Fußball auf Topniveau, wir wurden extrem hart für unsere Fehler bestraft. Das ist der Unterschied zur WM 2018 – da waren wir deutlich schlechter im Turnier als nun in Katar.

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, jetzt schon ein Team für die EM 2024 einzuspielen, statt so viele etablierte Spieler zu Hause zu lassen? Reiner Calmund: Ich erinnere gerne an 1994. Rudi war eigentlich zwei Jahre zuvor aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, ist dann aber mit 34 Jahren doch mit zur WM gefahren. Spieler wie Ilkay Gündogan, Thomas Müller oder Marco Reus sind bei der EM auch 33, 34, 35. Sie können nicht so viele englische Wochen absolvieren. Aber bei einem Turnier können sie immer noch ein Faktor sein.

Rudi Völler: Hansi Flick hat es ihnen gut erklärt. Solche Gespräche sind nicht immer angenehm. Doch im Juni kann es schon wieder anders aussehen. Aktuell geht es darum, mal dem einen oder anderen Spieler die Chance zu geben, sich zu zeigen. Auch den Jungs aus der U21. Besonders sie müssen wissen, dass man jederzeit noch auf den EM-Zug aufspringen kann, wenn man entsprechende Leistungen zeigt.

Rudi Völler und Reiner Calmund mit kritischen Worten über Leroy Sané

Leroy Sané fehlt im Aufgebot. Liegt es an seiner Einstellung? Rudi Völler: Wenn Leroy sein komplettes Potenzial abruft, ist er eine Klasse für sich. Das versuchen die Bayern und wir künftig noch konstanter aus ihm herauszukitzeln.

Reiner Calmund: Jeder sagt, dass Sané und auch Serge Gnabry viel mehr können. Das hat man ja auch phasenweise gesehen. Bei beiden muss mehr Kontinuität rein.

Rudi Völler: Das gilt natürlich auch für andere. Niemand steht alleine im Fokus. Grundsätzlich müssen wir als Einheit und mit viel Teamspirit auftreten und diese Tugenden mit der fußballerischen Qualität verbinden. Argentinien ist Weltmeister geworden, weil bei ihnen die vier, fünf Prozent an Willen, an missionarischem Eifer, an Gier mehr da waren als bei vielen anderen, auch bei uns vielleicht. Da sind wir kein negatives Einzelbeispiel.

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Noch mal zur EM 2024: Was trauen Sie Deutschland zu? Rudi Völler: Frankreich wird sicherlich der Top-Favorit sein, das ist das Maß aller Dinge. Dahinter gibt es vier, fünf Nationen, zu denen ich uns zähle. Auch wenn es jetzt zweimal in Folge bei der WM schiefgegangen ist, brauchen wir uns vor keiner Nation zu verstecken. Wir können durchaus ein Wörtchen mitreden. Wir haben den Heimvorteil, deshalb brauchen wir die Fans. Wenn du bis zum letzten Atemzug alles gibst, dann wirst du auch belohnt durch die Unterstützung der Menschen.

Sprechen Sie aus Erfahrung? Rudi Völler: In den Ligen holt meist die beste Mannschaft den Titel, weil sich das über ein ganzes Jahr auszeichnet. Bei einem Turnier kommt es oft auf Kleinigkeiten an. Unser Kader bei der WM 1994 war besser als 1990. Aber wir waren keine Einheit, wie vier Jahre zuvor in Italien. Da haben auch ein paar Prozentpunkte gefehlt. Das wollen wir im kommenden Jahr besser machen.

Reiner Calmunds aktueller Kader für die Heim-EM 2024

Reiner Calmund: Ich habe für mich mal meinen vorläufigen EM-Kader erstellt, für den ich als Basis die Kicker-Ranglisten sowie die internationale Bewertung der infrage kommenden Spieler berücksichtigt habe. Da kann man erkennen, dass er durchaus leistungsstark ist, obwohl ein Weltklassespieler im Angriffszentrum fehlt.

Fakt ist, dass es vor der EM 2024 erfahrungsgemäß natürlich immer verletzte Spieler gibt, die absagen müssen. Genauso werden sich im Laufe der kommenden Saison noch ein, zwei Spieler für den DFB-Kader empfehlen. Ich kann mir vorstellen, dass der Leverkusener Robert Andrich durchaus berechtigte Chancen hat, wenn er seine Leistung aus dem Bayern-Spiel kontinuierlich bestätigt.

Zum Thema ältere und erfahrener Spieler: Gündogan, Müller und Reus spielen bei Top-Klubs in der Champions League, das heißt fast regelmäßig stehen englische Wochen an. Hansi Flick wird sie beobachten, er hat ja einen guten Draht zu diesem Trio. Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere – genau wie Rudi Völler vor der WM 1994 in den USA – nominiert würde.

  • Tor: Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen, Kevin Trapp
  • Abwehr: Antonio Rüdiger, Niklas Süle, Nico Schlotterbeck, David Raum, Thilo Kehrer, Marius Wolf, Armel Bella-Kotchap, Matthias Ginter, Christian Günter, Robert Andrich
  • Mittelfeld und Angriff: Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Ilkay Gündogan, Emre Can, Felix Nmecha, Julian Brandt, Jamal Musiala, Florian Wirtz, Kai Havertz, Mario Götze, Serge Gnabry, Marco Reus, Leroy Sané, Karim Adeyemi, Thomas Müller, Timo Werner, Niclas Füllkrug
  • Auf Abruf: Bernd Leno, Robin Gosens, Florian Neuhaus, Jonas Hofmann, Youssoufa Moukoko, Mergim Berisha

Sollte trotzdem auch die EM enttäuschend enden: Wäre auch ein Teamchef-Comeback noch einmal denkbar? Rudi Völler: Absolut ausgeschlossen. Zumal ich mir sicher bin, dass wir eine tolle Europameisterschaft erleben werden.