Tourismusexperte Philipp Laage erklärt, warum der Druck, den viele sich selbst im Urlaub machen, immer schlimmer wird. Und was dagegen hilft.
FOMO, Selfie, „Psycho-Schlange“Warum Urlaub viele Menschen so stresst

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Sieht nicht so aus, ist aber Venedig. Schwarz vor Menschen – weil die Lagunenstadt nun mal so mancher Bucket-List ganz oben steht.

Keine Angst! Tourismusexperte Philipp Laage (39) will uns nicht etwa den wohlverdienten Urlaub vermiesen, sondern schaut einfach mal hinter die Bilderbuchkulisse von Selfie-Hotspots, kritischen Bewertungen und „Muss man gesehen haben“-Aufrufen. Im Gespräch mit EXPRESS verrät er, warum wir so oft enttäuscht von der „schönsten Zeit des Jahres“ sind – und wie es besser gehen könnte.
Klar, Massentourismus ist ein Problem, CO2-Fußabdrücke natürlich auch, die eine Fernreise verursacht. Aber die Moralkeule, die oft geschwungen wird, ist für viele Touristen nur ein Aspekt, warum sie den Urlaub nicht mehr richtig genießen können. „Unser Reisen ist ziemlich stressig geworden“, sagt Tourismusexperte Philipp Laage, der das Buch „Travel is broken“ („Das Reisen ist kaputt“) geschrieben hat. „Wir projizieren wahnsinnig viel in den Urlaub hinein. Er soll uns erholen, verwandeln, begeistern, auf neue Ideen bringen – und das alles in zwei Wochen.“
Was es mit der „Psychologie der Schlange“ auf sich hat
Dabei würden viele in Wahrheit eigentlich nur die Bildmotive abhaken, die sie auf Social Media gesehen haben, statt sich auf etwas einzulassen, dass sie noch nicht kennen. Die Angst, eine falsche Wahl zu treffen, irgendetwas auszulassen, sich über Bewertungen im Netz nicht ausreichend informiert zu haben, reise quasi im Handgepäck mit, so der Experte. Dafür gibt es mittlerweile einen Fachbegriff: FOMO (fear of missing out). Die Angst, etwas zu verpassen. Wer fahre denn heute noch einfach so drauf los, fragt er. Natürlich könne man dann mal Pech haben. Doch die Enttäuschung entstehe oft erst, wenn das Zimmer oder der Ausblick auf Booking.com und Co. viel besser aussehe als in der Realität.
Dazu komme die Psychologie der Schlange. „Man denkt immer, wenn viele da sind, muss es ja gut sein. Die meisten fahren nach Venedig, weil Venedig Venedig ist und das Wort schon Assoziationen weckt. Aber ich würde mal behaupten, die wenigsten interessieren sich für die Architektur dort oder für die Kulturgeschichte. Dasselbe gilt für Dubrovnik oder Brügge. All diese Orte, wo ich das Gefühl habe, da muss man nur hin, um sie mal gesehen zu haben, die würden mir nichts mehr geben“, sagt der Reisejournalist und Autor, der die halbe Welt kennt. „Unsere Eltern sind früher irgendwo angekommen, kannten eine Kurzbeschreibung aus dem Reiseführer, mussten sich ohne Buchungsportale und Bewertungen eine Unterkunft vor Ort suchen – damals war Reisen per se abenteuerlicher.“
Er erinnert sich an eine Pressereise in Sierra Leone. Er wusste wenig über das Land, und plötzlich habe sich an der Küste ein paradiesischer Traumstrand aufgetan. „Ich habe an vielen Orten der Welt tolle Strände gesehen, aber weil ich damit gar nicht gerechnet habe, bleibt der besonders in Erinnerung.“ Die Zukunft des Reisens sieht er nicht pessimistisch, aber mit vielen Ansätzen für eine Veränderung. Eine neue Kultur des Reisens ziele nicht auf maximales Tempo und Verfügbarkeit, sondern auf reduzierte Geschwindigkeit und Erfahrungstiefe hin. „Indem wir – auch aus Kostengründen – länger an Orten bleiben, uns mehr Zeit nehmen, weniger für Sehenswürdigkeiten und Attraktionen, sondern für Dinge, durch die wir eine ungefilterte Verbindung zur Welt und zu uns verspüren.“
Philipp Laage hofft zudem, dass „wir irgendwann in Europa ein hervorragendes Schienennetz haben und nicht mehr so viel fliegen. Und vor Ort mehr zu Fuß gehen“. Also nicht drei Tageswanderungen zu jeweils einem Aussichtspunkt, um sich – wie Hunderte andere – auch das Instagram-Foto zu holen, sondern lieber eine lange Hüttentour durchs Gebirge, wo man sich selbst kennenlerne und seinen Gedanken einmal Raum gebe. Fernreisen wie zehn Tage Thailand oder dreitägige Städtetrips dürften wegfallen, mutmaßt er. „Vielleicht der einzig positive Effekt von teuren Flugreisen.“
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Er glaube zudem an die Renaissance von Hotels, die seine Generation lange Zeit eher gemieden habe. Airbnb-Wohnungen schafften nicht nur bei den Einheimischen Probleme, sondern seien mittlerweile nicht mehr viel günstiger – und oft total gesichtslos. Aber vor allem werden die Fragen im Vordergrund stehen: „Wie komme ich noch richtig raus und runter? Wie lerne ich Menschen im echten Leben und fremde Perspektiven kennen statt ständig aufs Handy zu schauen? Wir haben die Kunst des Abschaltens einfach verlernt.“ Philipp Laage selbst geht diese Woche, so hofft er, mit gutem Beispiel voran. Er wandert mit einem Freund auf den Lofoten. „Eine Woche mit Zelt und Rucksack, wir durchqueren die Inselgruppe zu Fuß, ohne den tollsten Campingplatz gegoogelt zu haben. Ich will da unbefangen hinfahren und die Natur auf mich wirken lassen.“
Pssst! EXPRESS-Redakteurin verrät persönliche Urlaubs-Geheimtipps
River-Rafting in Neuseeland, Rooftop-Party in New York, Museen-Marathon bei Städte-Trips. Das war früher. EXPRESS-Redakteurin Andrea Kahlmeier urlaubt heute viel entspannter und steuert ihre Lieblingsorte immer wieder an, um richtig „einzutauchen“. Ihre ganz persönlichen Tipps:
Juist (Nordsee) und Vlieland (westfriesische Insel in den Niederlanden): Die beiden autofreien Inseln haben kilometerlange Sandstrände, urige Lädchen und putzige Ferienhäuser zu bieten.
Brandenburg: Ideal für einen Hausbooturlaub (zum Beispiel am Gudelacksee) oder Paddeltouren (Rheinsberg, Spreewald).

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Brandenburg: Idyllisch schippert ein Hausboot durch den Gudelacksee in Brandenburg.
Eifel: Wer hat schon Lust, wie die Lemminge die Samaria-Schlucht auf Kreta hinabzulaufen? Die Teufelsschlucht in der Südeifel mit ihren faszinierenden Felsformationen und engen Schluchten bietet viel mehr Natur. In der Nordeifel lockt der Rursee, auch „Fjord der Eifel“ genannt, bietet echtes Skandinavienfeeling vor der Haustür. Außerdem gibt es keinen Landstrich mit so vielen Alpakawanderungen – extrem entschleunigend.
Rovinji (Istrien): Das kleine Städtchen hat mit seiner historischen Bauweise ein ähnliches Flair wie das völlig überlaufene Dubrovnik. Die kleine Insel Lošinj (ebenfalls Kroatien) ist eine ruhige und günstige Alternative zum mondänen Vhar.

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Charmant: Die kleine Stadt Rovinj im kroatischen Istrien.
Ljubljana: Sloweniens Hauptstadt mit ihren pastellfarbenen Fassaden und Wasserwegen lädt lässiger zum Verweilen ein als das überlaufene italienische Venedig.
Basel: Wer braucht schon River-Rafting am anderen Ende der Welt, wenn er sich im Rhein mit dem „Fischli“ (wasserdichter Schwimmsack) am Kleinbasler Ufer treiben lassen kann?
Alicudi: Die ruhigste der Liparischen Inseln. Keine asphaltierten Straßen, keine Autos, dafür Esel und absolute Einsamkeit. Ausflug zum Vulcano in eine bizarre Welt voller Schwefel lohnt sich und ist spannender als ein Ätna-Trip auf Sizilien mit Dutzenden von Menschen.
