„Wird massive Verwerfungen geben“ Wird's noch schlimmer? Pilot mit übler Prognose für den Sommer

Hunderte Koffer, Taschen und Kinderwagen stapeln sich am 23. Juni in der Gepäckausgabe des Airports in Hamburg und finden erst nach Tagen ihre Besitzer. Die Flughäfen in ganz Deutschland ächzen unter den hohen Passagierzahlen, ein Pilot aus Hannover beschreibt nun, wie er das Chaos erlebt. dpa

Hunderte Koffer, Taschen und Kinderwagen stapeln sich am 23. Juni in der Gepäckausgabe des Airports in Hamburg und finden erst nach Tagen ihre Besitzer. Die Flughäfen in ganz Deutschland ächzen unter den hohen Passagierzahlen, ein Pilot aus Hannover beschreibt nun, wie er das Chaos erlebt.

Die Flughäfen ächzen unter den hohen Passagierzahlen, Deutschland will nach Jahren der Pandemie wieder Urlaub machen. Lange Warteschlangen vor den Sicherheitskontrollen, genervte Reisende, verspätete oder gecancelte Abflüge – es herrscht Frust, auch bei den Pilotinnen und Piloten. Nun spricht einer von ihnen Klartext.

Schon seit Wochen kursieren in den Medien und sozialen Netzwerken beunruhigende Bilder: Am Londoner Flughafen Heathrow etwa herrschte ein solches Chaos, dass sich das Gepäck der Menschen meterhoch stapelte. Es kam zum Koffer-Kollaps, die Reisenden bekamen ihre Taschen erst Tage später zugeschickt. 

Auch an deutschen Flughäfen kommt es zu chaotischen Szenen: In Hannover bleiben Koffer ebenfalls liegen oder stehen herrenlos herum, Hunderte Taschen und Kinderwagen stapeln sich auch in der Gepäckausgabe des Airports in Hamburg.

Nordrhein-Westfalen ist als erstes Bundesland in die Sommerferien gestartet, die anderen 15 Bundesländer folgen – der nächste massive Stresstest für den Flugverkehr. Im Flughafen Düsseldorf kommt es zu extrem langen Schlagen vor den Sicherheitskontrollen, auch im Flughafen Köln/Bonn müssen die Menschen stundenlang anstehen.

Nun hat ein Pilot (49) über das derzeitige Chaos gesprochen. Er beschreibt die derzeitige Situation aus seiner Sicht – und stellt eine üble Prognose für den Sommer.

Alles zum Thema Flughafen Köln/Bonn
  • Flughafen Köln/Bonn Nach XXL-Schlangen vor Sicherheitscheck: Airport mit neuem Service
  • Flughafen Köln/Bonn Zahlen belegen das Chaos: So viele Menschen waren von Flugausfällen betroffen
  • Haftbefehl vollstreckt Geldstrafe von mehreren tausend Euro: Mann am Flughafen Köln/Bonn festgenommen
  • Nach Chaos Flughafen Köln/Bonn: Bundespolizei verlängert Einsatz zweiter Firma
  • Flughafen Köln/Bonn Nach Sorge vor Chaos-Wochenende: Airport vermeldet gute Nachrichten
  • Neues Chaos am Flughafen Köln/Bonn droht 110.000 Passagiere erwartet – Verdi-Sprecher sauer: „Desaster“
  • Flughafen Köln/Bonn Schlangen-Chaos – jetzt gibt es eine überraschende Änderung
  • Ryanair-Horror Abgewiesen: Bewegung im Fall von Marita-Köllner-Freundin
  • Flughafen Köln/Bonn Nächster Ansturm erwartet – Reisende sollten viel Zeit einplanen
  • Flughafen-Chaos Ist das die Lösung? Bundespolizei mit großer Ankündigung für Köln/Bonn

Gegenüber der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ erklärt der Pilot, der unerkannt will, dass auch in Hannover das Problem groß sei – vor allen Dingen bei der Abfertigung. „Die Engstelle ist die Sicherheitskontrolle“, erklärt er. Das führe zu Verspätungen, die Reisenden könnten demnach wegen der Probleme im Airport gar nicht rechtzeitig in der Maschine sein.

Chaos an Flughäfen im Sommer: „Es verspätet sich alles“

„Mir fehlen 40 Passagiere bei einem Flug, weil die wegen der Probleme am Boden nicht pünktlich in der Maschine sind. Ihre Koffer aber schon. Das heißt: Die Koffer müssen wieder ausgeladen werden.“ Das koste Zeit ohne Ende. „Wenn ich zu spät abfliege, passen weder Anschlussflüge noch klappt der Umlauf im Charterbereich. Es verspätet sich alles.“

Pilotinnen und Piloten hätten da wenig Einfluss. „Ich könnte etwas schneller fliegen bei Verspätungen – aber mehr auch nicht. Das kostet Kerosin.“ Darauf würden wiederum die Airlines achten. Der Pilot, der seit 23 Jahren fliegt, erklärt: „Die Schlacht wird am Boden gewonnen.“

Chaos an Flughäfen im Sommer: Pilot – „Wir kommen an die Grenze“

Der Druck im Job sei in den letzten Jahren gestiegen, erklärt er weiter. Sie dürften 100 Stunden im Monat fliegen, Maximum. „Und kommen an die Grenze.“ Viele Kolleginnen und Kollegen seien „abgeflogen“, wie er sagt. „Das heißt: Sie dürfen nicht mehr. Die Arbeitszeiten gehen ans Limit.“

Zu den 100 reinen Flugstunden würden nun auch die aktuellen Umstände kommen. „Sie müssen vorher mit dem Zug von Hannover nach Frankfurt, um dort einen Flieger zu übernehmen. Ist die Bahn verspätet, gibt es Stress. Und Verspätungen bei der Bahn sind ja auch nichts Ungewöhnliches. Auch die Nachtflüge gehen an die Substanz.“

Pilot gibt üble Aussicht auf den Sommer: „Das wird das Problem“

Der Pilot meint, die Luftfahrt in Deutschland habe ein grundsätzliches Problem. In der Corona-Zeit wurde an Personal gespart, weil es nicht benötigt wurde, dann wurden viele zu spät aus der Kurzarbeit zurückgeholt. „Das macht allen zu schaffen. Ob in der Luft oder am Boden.“ Es stelle sich die Frage, ob der Mindestlohn ausreicht. „Wir haben keinen Spielraum mehr. Das System ist an der Grenze.“

Für den Sommer hat der Pilot keine gute Prognose. „Es wird massive Verwerfungen geben“, sagt er. „Mir ist auch nicht klar, wie man das so schnell beseitigen kann. Wir sind alle am Limit – das wird das Problem.“

Am Frankfurter Flughafen ist selbst das Management eingesprungen, um personelle Engpässe zu überbrücken. In Düsseldorf sollen Studentinnen und Studentin aushelfen. An vielen Flughäfen wurde bereits umdisponiert, wird händeringend nach Lösungen gesucht. Der Pilot wagt einen Ausblick: „Es wird im Sommer zu Situationen kommen, die nicht schön sind.“ (mg)

Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.