Penetrante Parfümierung setzt immer mehr Menschen zu. Warum das so ist und wie man sich gegen „Duft-Bomben“ wappnet.
Duften ist das neue RauchenWann Permanent-Parfümierung zum Risiko wird

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Vom Reiniger über Mülleimerbeutel, Klopapier, Taschentücher bis hin zu Raumdüften und Wäscheparfüms gibt es mittlerweile kaum ein Produkt, das nicht (künstlich) beduftet ist. Vielen Menschen stinkt das, für Allergiker und Asthmatiker bedeutet die „Dauerbeduftung“ eine gravierende Einschränkung in ihrem Alltag.

Sie sind überall. Wehen durch Küchen und Kleiderschränke, entsteigen Toiletten und Mülleimern, mäandern durch Fußgängerzonen und Büroflure, vernebeln Wohn- und Geschäftsräume, wabern aus Taschentuch- und Staubwedelverpackungen: Düfte. Es gibt wenig, was nicht riecht. Und bei vielen Produkten setzen die Hersteller recht penetrant ihre Duftmarken. Folge: immer mehr Duftallergien und -unverträglichkeiten. Und auch Menschen, die in Sachen Aromen hart im Nehmen sind, stinkt’s.
Gegen Duftstoffe sind geschätzt 1,6 Millionen Menschen hierzulande allergisch, weitere knapp neun Millionen reagieren empfindlich (unter anderem mit Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit) auf Düfte, den rund acht Millionen Asthmatikern machen Duftstoffe ebenfalls schwer zu schaffen. Von den Menschen, die an MCS (Multiple Chemikalien-Sensitivität) leiden und extrem vor allem auf Duftstoffe reagieren, ganz zu schweigen. Und nicht zuletzt betrug die Abwasser-Belastung allein durch Duftstoffe 2019 rund 11308 Tonnen.
Gar nicht dufte! Viele Menschen haben Duft-Verträglichkeit
Dem gegenüber steht ein Milliardenmarkt – der Deutsche Verband der Riechstoffhersteller e. V. spricht von einer „globalen Branche mit einem Umsatz von rund 11,6 Milliarden Euro jährlich“, allein in Deutschland seien es 500 Millionen Euro im Jahr. Kein Wunder also, wenn Klopapier nach Kaschmir-Pfirsich, Müllbeutel nach Vanille-Lavendel, Textilerfrischer nach Goldener Orchidee oder Allzweckreiniger nach Patschuli riechen und selbst Staubwedeltücher penetranten „Frische“-Geruch verströmen. Und natürlich der große Markt der Raumdüfte: Für Sprays, Stäbchen, Kerzen und Co. gaben die Deutschen laut Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel (IKW) 2020 rund 474 Millionen Euro aus.
Die Industrie haut uns mit den Duftstoffen im wahrsten Sinne des Wortes „voll auf die Zwölf“ – das limbische System springt direkt drauf an (siehe Kasten oben). Düfte wecken sofort Emotionen, Duftmarketing ist wichtiger Bestandteil der Verkaufsstrategie – sorgsam komponierte Aromacocktails schaffen Vertrauen, Wohlgefühl, Geborgenheit. Und mitunter überdecken sie – insbesondere bei Reinigungsmitteln – unangenehme Chemikalien-Gerüche.
Aber zu welchem Preis? Dr. Silvia Pleschka ist Diplom-Chemikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Sie sagt im Gespräch mit dem EXPRESS: „Kritische Beschwerden bekommen wir längst nicht mehr nur von Asthmatikerinnen und Asthmatikern sowie Betroffenen vom MCS. In unserer Beratung melden sich immer mehr Menschen, die auf sogenannte luftgetragene Duftstoffe (Raumbeduftung, Parfüms, etc.) reagieren. Zugleich beobachten wir eine starke Zunahme des Duftstoffeinsatzes in öffentlichen Bereichen – leider auch in Arztpraxen, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen und Kitas.“
Auch für Haustiere sei die aktive Raumbeduftung schlimm – für Menschen richtiggehend gefährlich werde es, „wenn mit dem Einsatz von Raumsprays oder Duftsteckern unbeabsichtigt Mängel überdeckt werden, zum Beispiel der charakteristische Geruch von Schimmel.“ Der kann dann aufgrund seines von Meeresbrisenaromaspray übertünchten, muffig-modrigen Odeurs munter weiter hinter der Tapete wachsen. Die Älteren von uns dürften sich noch daran erinnern, dass es früher in der Regel nach Variationen von Zitrus roch (sauber!) und nach Eukalyptus (gesund!). Klingt possierlich angesichts der aktuellen Duft-Vielfalt, die freilich viele Fans hat. Ob die alle wissen, dass z. B. polyzyklische Moschusduftstoffe und ähnliche Verbindungen nicht nur biologisch schlecht abbaubar sind, sondern sich auch in Fettgewebe und Muttermilch nachweisen lassen, wie die Verbraucherzentrale NRW berichtet?
„Duftverschmutzung“ und „Duft-Dresscode“
Manche angesagten Parfüms – und vor allem deren mit qualitativ minderwertigen Stoffen produzierten „Dupes“ (Duftzwillinge) – riechen für viele Menschen einfach nur widerlich. Und so penetrant, dass Top-Gastronomen wie The Duc Ngo einen „Duft-Dresscode“ eingeführt und zu intensive Parfüms in ihren Restaurants verboten haben. Aus Rücksicht auf Gäste und Geschmack. In diesem ganzen Riechreigen sind naturbasierte Duftstoffe nicht automatisch „besser“ als ihre synthetischen Verwandten, sie werden allenfalls besser in der Umwelt abgebaut. Doch viele Pflanzenauszüge, die zur Duftherstellung eingesetzt werden, enthalten irritierende Inhaltsstoffe, die eben auch Allergien und Unverträglichkeiten auslösen können. Für Silvia Pleschka, die beim DAAB das Projekt „Raumbeduftung und Innenraumluftqualität“ leitet, ist die Omnipräsenz von Duftstoffen in unserem Alltag „Duftverschmutzung“ und in etwa vergleichbar mit unfreiwillig eingeatmetem Zigarettenqualm.
Angesichts immer mehr duft-stoffsensibler Menschen fordert der DAAB unter anderem den generellen Verzicht auf Beduftung in öffentlichen Räumen, Kliniken, Arztpraxen, Reha- und Pflegeheimen sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Kindergärten, Schulen und Ausbildungsstätten. Immerhin: Laut EU-Verordnung müssen künftig 80 statt bisher 26 Duftstoffe „besonders stark allergieauslösende“ Duftsubstanzen auf Kosmetika deklariert werden, z. B. Eichenmoosextrakt, Baummoosextrakt, Isoeugenol. Ab 31. Juli 2026 dürfen keine Produkte erstmals in den Verkauf kommen, die diesen Vorgaben nicht entsprechen. Abverkauft werden dürfen die Produkte aber noch bis 31. Juli 2028.
