In 81 Folgen spielte John Nettles den „Inspector Barnaby“: Inzwischen genießt der britische Schauspieler seinen Ruhestand - und will mit Krimis nichts mehr zu tun haben.
Queen Mom war sein größter FanDas macht „Inspector Barnaby“-Star John Nettles heute

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Von 1997 bis 2009 spielte John Nettles den „Inspector Barnaby“. (Bild: ZDF / All3Media International)
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Die Fähigkeit, sich selbst auf den Arm zu nehmen, ist ein charmanter Charakterzug, den man unter Briten häufig antrifft. „Ich würde den schlechtesten Polizisten der Welt abgeben“, sagte John Nettles 2011 im teleschau-Interview über sich selbst. Parallelen zwischen dem bulligen Ermittler Tom Barnaby, den er von 1997 bis 2009 verkörperte, und sich selbst sah er jedenfalls keine.
Im Gegenteil: Den Inspector hielt er für einen hoffnungslosen Spießer, und er mokierte sich schon mal über die unglaubliche Trägheit, mit der in den Sonntagabend-Krimis die Fälle endlich gelöst werden. Heute, mit inzwischen 82 Jahren, kann Nettles dem Genre tatsächlich gar nichts mehr abgewinnen.
Nachdem er „Inspector Barnaby“ verlassen hatte, zog es den Schauspieler, der Anfang der 90er-Jahre Ensemblemitglied der renommierten „Royal Shakespeare Company“ war, auf die Bühne. Zudem widmete sich der studierte Historiker Nettles ernsthafteren Themen.
Er produzierte eine dreiteilige Dokumentation mit dem Titel „The Channel Islands At War“ über die Besetzung von Jersey und Guernsey durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs. 2012 veröffentlichte er ein Buch „Jewels and Jackboots: Hitler's British Channel Islands“ (Deutscher Titel: Hitlers Inselwahn: Die britischen Kanalinseln unter deutscher Besetzung 1940-1945) zum gleichen Thema - und machte sich damit nicht nur Freunde.

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Einer seiner letzten öffentlichen Auftritte: John Nettles 2015 bei seiner Buchpräsentation in Berlin.
Nettles thematisierte darin die Kollaboration einzelner britischer Behörden mit den deutschen Nationalsozialisten, auch in Verbindung mit der Deportation von Juden. Dass gerade er, der in den 80er-Jahren durch die beliebte Krimiserie „Jim Bergerac ermittelt“, die auf Jersey gedreht wurde, zu einer Art Botschafter der Kanalinsel geworden war, diese Verstrickungen öffentlich machte, kostete ihn viele Sympathien auf den Inseln.
„Ein absolut hoffnungsloser Fall“: John Nettles über „Inspector Barnaby“
Doch falsche Zurückhaltung kannte John Nettles nicht. Auch wenn er der Serie, die in über 200 Ländern der Welt ausgestrahlt wird, seinen Ruhm verdankte, ging er mit „Inspector Barnaby“ hart ins Gericht. Der Ermittler sei einerseits „diszipliniert“ und „so unglaublich englisch“ und habe stets einen aufgeräumten Schreibtisch, stöhnte Nettles im teleschau-Interview.

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In den 80er-Jahren war John Nettles (Bild, mit Deborah Grant) dank der Krimiserie „Jim Bergerac ermittelt“ ein echter Publikumsliebling und Frauenschwarm.
Andererseits mache er bei der Tatort-Begehung so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. „Er trampelt einfach mitten herein, niest herzhaft, trägt keine Handschuhe - ein absolut hoffnungsloser Fall.“ Auch mit den Drehbüchern haderte Nettles immer wieder: „Einmal hatten wir erst mitten während der Dreharbeiten gemerkt, dass der Mörder überhaupt kein Motiv hatte. Dann mussten wir uns auf die Schnelle einfach eins ausdenken.“
Queen Mom war sein größter Fan
Dass er auch das Königshaus zu seinen Fans zählen durfte, lässt den Schauspieler, nicht ganz kalt. Dem Vernehmen nach war vor allem die 2002 verstorbene Queen Mom immer ein großer Anhänger der „Midsomer Murders“, wie die Serie im Englischen heißt. Zusammen mit Prinzessin Margaret soll sie leidenschaftlich darüber diskutiert haben, wie die Drehbuchautoren auf so bizarre Mordfälle kamen. Trotz des eher behäbigen Inszenierungsstils ereignen sich nämlich in jeder „Inspector Barnaby“-Folge durchschnittlich bis zu vier Todesfälle.

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2010 bekam John Nettles von Queen Elizabeth II. den Verdienstorden „Order of the British Empire“ verliehen.
Als er 2010 von Queen Elizabeth II. den Verdienstorden „Order of the British Empire“ verliehen bekam, sah sich Nettles gezwungen, sich für den hohen Brutalitätsgrad der Serie zu entschuldigen. „Die Queen sagte, dass sie sicher nicht gerne in Midsomer leben würde“, erzählt Nettles. „Sie fürchtete, dass sie dann längst tot wäre.“
Auch der Schauspieler selbst fühlte sich in der Rosamunde-Pilcher-Bilderbuchlandschaft eher unwohl. „Ich würde niemals in so einem Dorf leben wollen“, scherzte er. „Dann müsste ich mich ja mit meinen Nachbarn unterhalten.“ Außerdem sei das frei erfundene Midsomer ein Ort voller „verbitterter alter Jungfern, schwuler Bischöfe und gewaltbereiter Jugendlicher. Jeder dort hat ein Motiv, dich umzubringen - es wäre einfach nicht sicher, dort zu leben.“
John Nettles genießt seinen Ruhestand
Der Schauspieler selbst lebt seit 2010 gemeinsam seiner zweiten Ehefrau, der Malerin Catheryn Sealey, und „drei Rettungshunden, drei Rettungspferden und zwei Eseln“, wie „Hello!“ 2024 berichtete, in einem Anwesen in Devon im Südwesten Englands. Nachdem er 2015 in der Serie „Poldark“ noch einmal eine größere Rolle übernommen hatte, hat er sich inzwischen völlig von der Schauspielerei zurückgezogen: „Theater ist etwas für junge Leute, und realistisch gesehen habe ich mich mit Ende 60 zur Ruhe gesetzt“, erklärte er im Interview mit „The Moorlander“.
Er wolle nie wieder eine Kamera sehen, sagte er. Im Gespräch mit der „Times“ ging er letztes Jahr sogar noch weiter. Auf „Inspector Barnaby“ angesprochen, erklärte er, dass er „erstaunt“ über den riesigen weltweiten Erfolg sei. Er selbst schaue sich die Serie aber nicht mehr an: „Ich habe jedes Klischee, jede Kuriosität, jede Handlung, die zu diesem Genre gehört, schon unzählige Male gesehen. Ich möchte nie wieder einen Schauspieler sehen, der vorgibt, eine Leiche zu sein.“ (tsch)
