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„Ihr seid schwach“Was Putins „Wegwerfagenten“ in Europa treiben

Daniil B., ein russischer „Low Level Agent“, wurde in Litauen wegen eines Brandanschlags auf die Ikea-Filiale verurteilt. Gewaltbereite „Kollegen“ von ihm sind im Auftrag Russlands in ganz Westeuropa unterwegs. (Bild: ARTE/Paulius Peleckis)

Copyright: ARTE/Paulius Peleckis

Daniil B., ein russischer „Low Level Agent“, wurde in Litauen wegen eines Brandanschlags auf die Ikea-Filiale verurteilt. Gewaltbereite „Kollegen“ von ihm sind im Auftrag Russlands in ganz Westeuropa unterwegs.

Aktualisiert:

Seit 2022 führt Russland Krieg mit der Ukraine. Und, so sagen Eperten, ebenso lange mit den Nato-Staaten, die die Ukraine unterstützen. Der hybride Krieg des Kreml hat längst auch Deutschland erreicht.

Sabotageakte, Desinformationskampagnen, Brandanschläge, Vandalismus, Drohneneinsätze, Spionagemissionen, Einsatz von Fake-News-Medien zur Meinungsmanipulation - die Trickkiste von Russlands Auslandsgeheimdienst GRU ist prall gefüllt, wenn es darum geht, europäische Staaten zu attackieren. Und sie wird immer häufiger geöffnet.

„Russland ist definitiv in einem hybriden Krieg mit Europa“, sagt Dominika Hajdu. Sie ist eine von vielen Experten, die für die ARTE-Dokumentation „Russlands Schattenarmee in Europa“ (Dienstag, 21. Juli, 21.45 Uhr) beleuchteten, welche Strategien der Kreml verfolgt und auf welche Handlanger er zurückgreifen kann.

Russland manipuliert nachhaltig das Meinungsklima

Jung, sozial abgehängt, meist kleinkriminell, willig, billig - das könnte nach Erfahrung von Dominika Hajdu vom Thinktank Globsec die Profilbeschreibung der sogenannten „Low Level Agents“ sein, von denen Russland in den europäischen Ländern seine gewünschte Drecksarbeit machen lässt.

Im Geheimdienst-Jargon werden die Agenten auch „Wegwerfagenten“ genannt, was es ziemlich gut trifft: Wenn sie nämlich auffliegen und geschnappt werden, stehen sie alleine da. So ist das Risiko für die Auftraggeber im Kreml minimal, die Verwirrung, die gestiftet wird, maximal - und so soll es sein. Auch in Deutschland.

Jürgen Keyser, der Leiter des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, nennt die Taktik Russlands „eine Strategie der Einschüchterung. Die Maßnahmen sollen suggerieren: Ihr seid schwach, ihr könnt euch nicht schützen. Wir sind überall.“ Und nicht nur das. Die Botschaft, so Ladislav Sticha vom tschechischen Sicherheitsinformationsdienst BIS, laute: „Wenn wir wollen, können wir auch töten!“

Egal ob Davidstern-Schmierereien an Pariser Hauswänden, fast 300 Bauschaum-Attacken auf deutsche Autos oder Brandanschläge in DHL-Centern oder Supermärkten. Die Intention derer, die die Sabotageakte in Auftrag gaben, ist gleich: In Ländern, die die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützen, für Verwirrung zu sorgen, Zwietracht und Unsicherheit in der Bevölkerung zu schaffen.

Charlie Edwards vom Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) in London hält die Bedrohung durch Russland für so groß wie nie zuvor. (Bild: ARTE/Rainer Fromm)

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Charlie Edwards vom Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) in London hält die Bedrohung durch Russland für so groß wie nie zuvor.

Es sollen so nicht nur logistische Lieferketten Richtung Ukraine gestört werden. Es hätte bei den russischen Schattenkriegsführern auch niemand etwas dagegen, wenn das politische Klima in Deutschland wegen der Sabotageakte mit Drohnen über Flughäfen, dem Misstrauen wegen der Bauschaum-Attacken oder der von Russland und Belarus aktiv gesteuerten verstärkten illegalen Zuwanderung überhitzte. Oder in Frankreich, wo mit der Davidstern-Aktion Juden und Muslime aufeinander gehetzt werden sollten.

So ein Machtwechsel in Richtung einer russlandfreundlicheren Partei käme den Kreml-Machthabern nicht ungelegen. Weshalb sie zum Beispiel vor den Wahlen in Moldau 2025 auch ihre Fake-News-Server zur Meinungsmache besonders ankurbelten. Das wurde auch in Tschechien getan. Vojtech Bohac vom Nachrichtendienst VoxPot: „Russland manipuliert nachhaltig das Meinungsklima.“

Russland war's: 300 Bauschaum-Attacken auf deutsche Autos

Wie holt sich Russland seine Handlanger? Die Rekrutierung läuft meist über das Social-Media-Portal „Telegram“. Hier stieß auch der gebürtige Ukrainer Daniil Baradim auf ein „Jobangebot“. Er, damals noch nicht mal 18 Jahre alt, aber pleite und perspektivlos, ließ sich anheuern. Es wurden ihm 10.000 Euro und ein BMW versprochen. Beides bekam er nicht, dafür zehn Jahre Haft, als er nach einem Anschlag auf eine Ikea-Filiale in Vilnius (Litauen) verhaftet wurde. Er soll auch an der Brandstiftung im Warschauer Einkaufszentrum beteiligt gewesen sein.

Auch der Russlanddeutsche Dieter S. und der Brite Dylan E. wurden als Low Level Agents rekrutiert - und flogen auf und wurden verurteilt, bevor sie alle ihre Planungen umsetzen konnten. Aber die Nachfolger stehen quasi parat. Gemeinsam folgen sie im Auftrag Russlands „die Strategie der 1.000 Papierschnitte“. So nennen die Chinesen die Kriegsführung der kleinen Nadelstiche, meint Sönke Marahrens vom Institut für Sicherheitspolitik an der Uni Kiel: „Bei einem Schnitt verlierst du nur wenig Blut. Wenn du dich 1.000 Mal schneidest, blutest du aus.“

Weiterhin gesucht: Jan Marselek

Ausgeblutet ist vorerst auch das Netzwerk der Low Level Agents, das ein Österreicher für Russland aufbaute: Jan Marsalek. Der ehemalige Wirecard-Vorsitzende setzte sich nach der Bilanzfälschung im gigantischen Stil nach Moskau ab und arbeitet dort für den Geheimdienst. Er baute, vor allem mit Bulgaren, ein Agenten-Netzwerk auf, das einen US-Stützpunkt bei Stuttgart ausspähen sollte, aber auch mit konkreten Anschlagsplänen beschäftigt gewesen sein soll. Die Bulgaren, im privaten Beruf unter anderem Maler, Laborantin oder Kurierfahrer, wurden verhaftet, ihr „Führungsoffizier“ in Deutschland zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Marsalek wurde natürlich nicht erwischt.

„Russlands Schattenarmee in Europa“ ist am Dienstag, 21. Juli, um 21.45 Uhr bei ARTE zu sehen und schon jetzt in der ARTE-Mediathek. (tsch)

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