Abo

ZDF-Kriegsreporterin„Meine Familie weiß, dass ich nicht ins Feuer laufe!“

ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf in den Trümmern einer Wohnsiedlung in der Ukraine

Copyright: ZDF und Timo Bruhns

Die ZDF-Kriegskorrespondentin Katrin Eigendorf hat in den letzten Jahren häufig aus der Ukraine berichtet. Ihre neue „auslandsjournal“-Doku (ab 25. März im ZDF-Stream) dreht sich um Frieden. 

Deutschlands bekannteste Kriegsreporterin Katrin Eigendorf hat im Interview erzählt, welches Land für sie am unberechenbarsten ist und was ihr größter Luxus in Krisengebieten ist.

Ein neuer Ansatz, der positiv stimmt. Wie Krieg geht, weiß Katrin Eigendorf nur zu gut, das erlebt sie ständig vor Ort in Afghanistan, in der Ukraine und im Nahen Osten.

Für ihre zweiteilige ZDF-Dokureihe „auslandsjournal So geht Frieden“ (1. und 2. April, 22.15 Uhr) reist sie hingegen mit Dokumentarfilmer Carl Giersdorfer rund um die Welt und zeigt, wie Menschen für den Frieden kämpfen. Starkes Thema, starke Frau die auch in Kriegsgebieten immer die Ruhe behält. Wie sie das schafft, verrät sie im großen Sonntags-Talk.

Katrin Eigendorf über Schicksale, die sie berühren

Sie haben neun Länder, von Syrien bis Uruguay bereist, um zu erleben, wie ein friedvolles Miteinander funktionieren kann. Welches Land hat Sie am meisten beeindruckt?

Katrin Eigendorf: Island. Jetzt kann man sagen, ja super, ist eine Insel mit 400.000 Einwohnern, kein gefährlicher Nachbar in der Nähe. Klar steht man da beim World Peace Index auf Platz Nummer 1. Und tatsächlich spielen genau diese Bedingungen auch eine große Rolle: geografische Lage, politische Stabilität und das Fehlen akuter militärischer Bedrohung. Aber ganz so einfach ist das nicht. Was ich in Island gelernt habe, ist, dass Frieden mit sehr vielen verschiedenen Faktoren zu tun hat. Einer davon ist, wie Menschen miteinander umgehen – und das wird früh geprägt.

Wie das?

Katrin Eigendorf: Das Wichtigste ist eigentlich, dass schon Kinder so aufwachsen, dass sie in der Lage sind, Konflikte friedlich zu lösen. Ich war zum Beispiel in einem Kindergarten in Reykjavik. Da werden Mädchen dazu ermuntert, sich mehr auf ihre Stärke zu besinnen und Jungs, auch Soft Skills zu entwickeln. Kleine Jungs haben zusammengesessen und sich gegenseitig massiert. Das allein erklärt noch keinen Frieden. Solche Ansätze funktionieren vor allem in einer Gesellschaft, die bereits stabil ist. Es geht in Island weniger darum, Frieden zu schaffen – sondern ihn zu erhalten und zu vertiefen.

Welche Schicksale berühren Sie am meisten?

Katrin Eigendorf: Eigentlich sind das immer die Menschen selbst. Menschen, die in der Lage sind, trotz schlimmster Gewalterfahrungen einen Weg zum Frieden, einen Weg zur Versöhnung zu finden. Ich habe in der Ukraine ein älteres Ehepaar kennengelernt, beide 87. In deren Wohnung ist eine Rakete eingeschlagen. Die Frau wurde schwer verletzt. Und sie leben jetzt in einem Hochhaus im 17. Stock provisorisch, können sich dabei auch nicht wirklich fortbewegen, weil immer wieder der Strom ausfällt. Dennoch haben sie den Glauben daran, dass ihr Land eine Perspektive hat, irgendwann wieder Frieden zu haben, nicht aufgegeben.

Katrin Eigendorf mit Ehemann Jörg Eigendorf bei der 58. Verleihung des Grimme Preises 2022 im Theater der Stadt Marl.

Copyright: IMAGO/Future Image

Katrin Eigendorf und ihr Ehemann Jörg Eigendorf bei der Verleihung des Grimme-Preises 2022.

Stichwort sind da Resilienz, Stehaufmännchen-Qualitäten entwickeln ...

Katrin Eigendorf: Genau, es geht immer um Resilienz. Personen wie Mutter Teresa, Nelson Mandela, der Dalai Lama, die haben einige Dinge, die sie eint. Es sind sehr oft Menschen, die Humor haben. Es sind Menschen, die in einer Gemeinschaft leben. Dieses Wissen darum, dass ich Teil von etwas größerem Ganzen bin, ist sehr, sehr wichtig, um Resilienz zu entwickeln. Aber auch das reicht allein nicht aus. Resilienz kann Menschen stärken – doch Frieden entsteht erst, wenn auch gesellschaftliche Strukturen, Gerechtigkeit und Sicherheit hinzukommen. Denn die braucht es, um ein Land zum Frieden zu führen. Man kann Frieden nicht von oben verordnen, denn in dem Fall bleiben im Prinzip die alten Gräben bestehen.

Sie haben in so vielen Kriegsgebieten gearbeitet. Welches Land halten Sie derzeit für das gefährlichste Regime der Welt?

Katrin Eigendorf: Das ist sicherlich das russische Regime, weil es auf Krieg baut. Gewalt ist in der russischen Gesellschaft sehr, sehr stark verankert. Die finden sie in Familien. Da gilt das Recht des Stärkeren genauso wie in einem Dorf oder in einem Betrieb. Und das gilt auch im Umgang mit schwächeren Staaten und Nachbarstaaten. Putin hat das Recht des Stärkeren kultiviert – und das macht dieses Regime so gefährlich.

Sie zählen zu den bekanntesten Kriegsreporterinnen Deutschlands. War das ein Kindheitstraum von Klein-Katrin aus Krefeld?

Katrin Eigendorf: Weder in meiner Kindheit noch in meiner Jugend habe ich mir große Gedanken über Krieg gemacht. Was mich schon immer fasziniert hat, war, da zu sein, wo die Welt sich bewegt, wo Geschichte geschrieben wird. Und leider hat sich relativ früh in meiner journalistischen Entwicklung herausgestellt, dass das oft mit Kriegen in Zusammenhang steht. Ich war mal an so einem Punkt, wo ich dachte: „Eigentlich ist Krieg ja der Normalfall“. Manche sagen ja sogar, er bereinigt dann eine Situation. Wir müssten uns eben darauf einstellen: Krieg gehöre halt einfach dazu. Aber das ist grundsätzlich falsch. Wir sind nicht für Krieg gemacht, wir sind Herdentiere – eigentlich dazu gemacht, einander zu schützen.


Katrin Eigendorf: Aus Krefeld unterwegs in der Welt

  1. Katrin Eigendorf (63) wuchs in Krefeld auf, arbeitet nach einem WDR-Volontariat als Redakteurin im ARD-Studio Paris und bei den „Tagesthemen“ in Hamburg.
  2. Von 1993 bis 1996 war sie als Korrespondentin für RTL in Moskau, später fürs ZDF.
  3. Seit Mai 2018 gehörte sie zum ZDF-Reporterpool mit Berichterstattungsschwerpunkten in Afghanistan, der Ukraine, Russland, Libanon, Irak und Türkei. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis, dem Augsburger Friedenspreis und dem Leipziger Medienpreis.
  4. Katrin und Jörg Eigendorf gründeten nach dem Tod ihres seit der Geburt erkrankten Sohnes im Jahr 2011 den Philip-Julius-Verein, um Familien mit schwerstbehinderten Kindern zu unterstützen. Tochter Alexandra ist als Popsängerin unter dem Namen Aly Ryan bekannt.

Wie lebt es sich in dieser ständigen Todesangst?

Katrin Eigendorf: Todesangst ist so ein großes Wort. Natürlich habe ich schon Angst gehabt und habe auch immer wieder Angst. Aber Angst ist ein wichtiges Signal des Körpers und des Gehirns. Achtung, aufpassen! In der Ukraine zum Beispiel ist es wirklich sehr, sehr gefährlich geworden, gerade im Osten. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass Sie von einer Drohne erwischt werden können. Es ist nicht teuer, einen Menschen oder ein Fernsehteam umzubringen. Anderes Beispiel: Vor dem Zwölf-Tage-Krieg hat der Iran Israel mit 200 ballistischen Raketen beschossen. Und wir waren gerade im Norden Israels. Da gab es nur kleine Betonbunker, die aber nicht bei ballistischen Raketen helfen. Da muss man tief durchatmen, sich sagen: „Okay, die Gefahr besteht, aber ich kann ihr jetzt nicht entkommen. Also Nerven bewahren, nicht hektisch ins Auto springen und irgendwo hinfahren, das macht es ja noch gefährlicher. Abwarten und bloß nicht in Panik verfallen“.

Wie geht Ihre Familie damit um? Hat sie ständig Angst um Sie?

Katrin Eigendorf: Nein, mein Mann und meine Tochter verstehen schon ziemlich genau, dass ich nicht ins Feuer laufe. Natürlich gibt es Situationen, die lassen einen nicht ruhig schlafen. Aber das gehört zum Job dazu. Ich telefoniere mindestens einmal, wenn nicht zweimal am Tag mit meiner Familie.

In Ihrem Alter beschäftigen sich viele mit der Rente. Haben Sie schon mal daran gedacht, eine ruhigere Kugel zu schieben?

Katrin Eigendorf: Nein, das ist für mich kein Thema. Ich mache den Job so lange, wie er mir Spaß macht und wie mein Sender denkt, dass ich ihn gut genug mache. Peter Scholl-Latour ist noch mit 90 Jahren durch den Nahen Osten gereist. Ich finde diese Festlegung darauf, wie alt man ist, völlig unsinnig, nicht nur in meinem Job. Den 30-Jährigen wird gesagt, sie sind zu jung dazu. 40-jährigen Frauen sagt man dann: „Du hast Kinder, das kannst du jetzt nicht machen“. Und die 50-Jährigen gelten dann langsam als zu alt. Also das ist doch Blödsinn. Das, was wichtig ist in unserem Job, ist Erfahrung – die kann auch schon jemand mit Anfang 30 haben, der früh angefangen hat.

Kriegsreporterin Katrin Eigendorf mit ihrer Tochter, der Sängerin Aly Ryan.

Copyright: IMAGO/Berlinfoto

Stolze Mama! Katrin Eigendorfs Tochter Alexandra ist als Sängerin unter dem Künstlernamen Aly Ryan bekannt.

Man sieht im TV immer mehr Korrespondentinnen. Sind Frauen wirklich einfühlsamer, wie ihnen gerne nachgesagt wird?

Katrin Eigendorf: Ich glaube nicht an diese Geschlechtertrennung. Ich kenne Kollegen, die sehr, sehr empathisch berichten. Und ich kenne auch Frauen, wo ich denke, „Wow, du solltest vielleicht besser nicht in einem Kriegsgebiet arbeiten, weil du dich selber nicht unter Kontrolle hast“. Die Berichterstattung hat sich in den vergangenen Jahren insgesamt geändert. Da wird einfach nicht mehr nur darauf geguckt, wie viele Panzer irgendwo aufmarschieren, sondern sich auch mit dem Wesentlichen eines Krieges beschäftigt – nämlich mit den Opfern.

Was ist für Sie der größte Luxus nach einem Kriegstag?

Katrin Eigendorf: Ganz einfach: Dass das Hotel ein vernünftiges Bett hat und dass es in der Nacht möglichst wenig Raketenalarm gibt.

Pro Jahr leben Sie vier, fünf Monate im Ausland. Wohin reisen Sie eigentlich privat? Urlauben Sie im 5-Sterne-Hotel?

Katrin Eigendorf: (lacht). Nein. Ich fahre immer an den gleichen Ort. Relativ basic in der Natur. Mit Familie und Freunden. Und dann heißt es: Einfach mal Nichtstun. Nur eine gute Zeit verbringen, gut essen, zusammen kochen, etwas Sport machen. Also genau das gegenteilige Programm von meinem Job. Bloß nicht irgendwohin, wo ich mich nicht auskenne. Bloß keine Herausforderungen. Lieber alles überschaubar, sehr ruhig – und auf jeden Fall mit wenig Aufregung verbunden. So genieße ich meinen Urlaub.

FDP-Gremiensitzungen

FDP-Beben nach Wahl-Debakel

Jetzt wackelt der Stuhl von Parteichef Christian Dürr