Abo

„Ein bisschen Scheitern“Warum unsere ESC-Hoffnung Sarah Engels in Wien baden geht

Sarah Engels wird Deutschland mit dem Titel „Fire“ auf der Bühne des 70. Eurovision Song Contest (ESC) im Finale am Samstag vertreten.

Copyright: Jens Büttner/dpa

Sarah Engels wird Deutschland mit dem Titel „Fire“ auf der Bühne des 70. Eurovision Song Contest (ESC) im Finale am Samstag vertreten.

Aktualisiert:

In Wien kämpft die Kölnerin Sarah Engels mit „Fire“ einen aussichtslosen Kampf um Punkte für Deutschland. Der Funke springt nicht über.

Eigentlich soll es die große Comeback-Story des Jahres werden. Nach etlichen schlechten und bestenfalls mittelmäßigen Platzierungen der letzten Jahre ist die Hoffnung riesig: Endlich soll Deutschland wieder ganz vorn mitspielen.

Und wer wäre dafür besser geeignet als Sarah Engels? Eine Kölnerin, die nicht nur rheinischen Frohsinn im Gepäck hat, sondern auch eine starke Stimme und 15 Jahre Erfahrung im Pop- und Schlagergeschäft. Doch wenige Tage vor dem ESC-Finale in Wien fühlt es sich nach einem Déjà-vu an, auf das wir in Deutschland gut hätten verzichten können.

Sarah Engels kämpft

Man kann Engels keinen Vorwurf machen: Sie kämpft. Sie laboriert an einem Infekt, sie bangt um verspätete Koffer, sie baut den Song „Fire“ mitten in den Proben um. Jetzt gibt es ein Piano-Intro statt sofortigem Dance-Geballer. Ein emotionaler Türöffner soll her, garniert mit einem Zwei-Meter-Stunt. Man will den „Magic Moment“ erzwingen. Zuvor gab es noch einen beeindruckenden Auftritt zur Eröffnung in einem feuerroten Flammenkleid.

Doch die bittere Wahrheit ist: Es verpufft.

Während die Konkurrenz aus Finnland, Griechenland oder Australiens Superstar Delta Goodrem in den Wettbüros schon lange an uns vorbeigezogen ist, als stünden wir im Parkverbot, klebt Deutschland mal wieder am Tabellenende fest. Platz 23 von 35. Das ist nicht nur eine Zahl – das ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die gehofft hatten, dass wir mit einem „großen Namen“ endlich den Fluch der hinteren Plätze brechen. Und die Hoffnung, die Proben, die das Ruder schon so manches Mal herumgerissen haben, haben keine Veränderung gebracht.

Mut zum Risiko oder pure Verzweiflung?

Dass man nun kurz vor knapp das Staging über den Haufen wirft, wirkt weniger wie eine künstlerische Vision, sondern eher wie ein verzweifelter Hilfeschrei. Wenn der Song allein nicht trägt, müssen eben das Klavier und der Sprung aus der Höhe die Kohlen aus dem Feuer holen. Aber beim Eurovision Song Contest gewinnt man Herzen, keine Turmsprung-Wettbewerbe. 

Sarah Engels bei der Probe.

Copyright: AFP

Sarah Engels wird sich zwei Meter in die Tiefe fallen lassen.

Besonders auffällig: Das Team um Sarah Engels scheint von Anfang an krampfhaft nach der Erfolgsformel der letzten Jahre zu schielen. Die Choreografie und der gesamte Look wirken wie ein Best-of der Zweit- und Drittplatzierten vergangener Tage. Man sieht die wilde Energie einer Eleni Foureira (Zypern 2018, „Fuego“), man erkennt die akrobatische Präzision einer Noa Kirel (Israel 2023, „Unicorn“) und ganz besonders standen wohl die legendären Dance-Breaks von Chanel (Spanien 2022, „SloMo“) Pate.

Alle diese Beiträge vereint eines: Sie holten Silber oder Bronze. Doch was bei den Originalen wie eine Initialzündung wirkte, fühlt sich bei Engels und ihrem „Fire“ wie ein glimmender Abklatsch an, der dem Zeitgeist hinterherläuft.

Während Foureira und Co. den ESC-Wald damals brandstifterisch in Schutt und Asche legten, wirkt Engels Performance eher wie ein kontrolliertes Lagerfeuer mit Sicherheitsabstand. Dieses offensichtliche Schielen nach den Punkten der anderen wirkt bemüht statt authentisch. Wer nur alte Glut aufwärmt, statt selbst die Bühne zu entflammen, wird am Ende eben nicht gewinnen, sondern – frei nach Nicole – „ein bisschen scheitern“.

Ein bitteres Fazit droht

Der Sängerin selbst kann man keinen Vorwurf machen: Sarah Engels macht in Wien auch abseits der Bühne alles richtig: sympathisch, schlagfertig, immer mittendrin. Sie bringt die Disziplin mit, ihre Stimme ist bei allen Proben stark und sie hat eine beeindruckende Fanbase. Aber in der Wiener Stadthalle zählt nur das Hier und Jetzt. Und da scheint der „Euro-Vibe“ an Deutschland schlichtweg vorbeizugehen.

Sarah Engels bei der Probe.

Copyright: Jens Büttner/dpa

Große Stimme, wenig Punkte? Sarah Engels vertritt Deutschland mit dem Titel „Fire“.

Zwar lieferte sie am Dienstagabend (12. Mai) einen guten Auftritt außerhalb der Konkurrenz im ersten Halbfinale, doch die Vorzeichen stehen schlecht. Sollte sich bis zum großen Finale am Samstag (16. Mai) kein mittelschweres Wunder ereignen, droht Engels das Schicksal vieler Vorgänger: eine schallende Ohrfeige auf internationalem Parkett.

Und am Ende bleibt die bittere Gewissheit: Auch der medial groß inszenierte Senderwechsel vom NDR hin zum SWR war nicht mehr als ein kurzes Strohfeuer. Der Funke ist da, aber das Feuer? Das brennt in Wien leider woanders.

Die Schweizer Sängerin Lys Assia gewann 1956 den ersten Eurovision Song Contet.  (Bild: Keystone/Hulton Archive/Getty Images)

Vor 70 Jahren

Diese Sängerin gewann den ersten ESC