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Kriegsreporterin Alica Jung„In dunkelsten Ecken ist die meiste Hoffnung“

Eine junge Frau mit langen Haaren hält ein Mikrofon mit der Aufschrift phoenix und schaut in die Kamera. Im Hintergrund erhellen einige Lichter die Dunkelheit

Alica Jung zur Lage in Israel und Gaza. Ins besetzte Gebiet lässt Israel keine deutschen Journalisten.

Aktualisiert

Die ZDF-Moderatorin und Kriegsreporterin Alica Jung (36) hat mit uns über Todesgefahren im Job, russische Drohnen und herzergreifende Begegnungen gesprochen.

Wenn deutsche Fernsehsender in Kriegsgebiete schalten, sieht man immer häufiger Frauen mit Schutzweste (manchmal auch Panzerhelm) am Mikro. Eine von ihnen ist im Libanon, im Westjordanland, aber vor allem in der Ukraine unterwegs: Alica Jung (36). Sie war auch die Erste, die allein, nur mit Smartphone ausgestattet, als crossmediale Korrespondentin die „Black Lives Matter“-Bewegung in Washington verfolgte. Jetzt feierte die Mainzerin ihr Debüt als Moderatorin des „ZDF-Auslandsjournal“. Wie erlebt sie den Spagat zwischen TV-Studio und Drohnenterror?

Es sei schon seltsam, gesteht sie im Gespräch mit dem EXPRESS: „Im Studio spielt es plötzlich eine Rolle, welche Farbe man trägt oder auf welcher Seite den Scheitel.“ Nichts soll vom Inhalt ablenken. Wenn man hingegen in der Ukraine früh morgens aus dem Bett geschmissen werde wegen eines Luftalarms, sei sie schon froh, wenn sie die Haare anständig zusammenbinden und sich vor der ersten Schalte noch das Gesicht abwaschen könne, sagt sie.

Alica Jung über Begegnungen in der Ukraine

Und dennoch möchte sie keinen Tag im Krisengebiet Ukraine missen, in ihrem vertrauten Team Kameramann, Cutterin, Übersetzerin, Producer, Sicherheitsmann und meist auch noch ein Fahrer.

„Das Gefährlichste ist, sich auf den Straßen zu bewegen, gerade in Richtung Osten. Da fliegen die Drohnen der russischen Armee immer weiter und treffen insbesondere und gezielt Fahrzeuge von Nichtregierungsorganisationen und von Journalisten.“

Das sei in den letzten Monaten noch gefährlicher als zuvor geworden. Doch selbst im vertrauten Terrain musste sie schon um ihr Leben bangen. Etwa, als sie sich in einem Hotel in Charkiw auf den Weg zum Abendessen machte, eine Rakete einschlug, zwei Kollegen teilweise schwer verletzte. Warum tut sie sich das an? „Es war schon immer mein Traum, auf jeden Fall aus dem Ausland zu berichten. Ich bin wahnsinnig neugierig und will verstehen, wie unsere Welt funktioniert.“ Das sei übrigens auch ein Grund gewesen, warum sie sofort beim „Auslandsjournal“ zugesagt habe. Da könne man politische Dinge verknüpfen, noch mehr in die Tiefe gehen als bei tagesaktuellen Ereignissen. Eine Facette, die sich da bietet. Aber kein Absprung in ein gesichertes Leben mit festen Arbeitszeiten.

„An den vermeintlich finstersten und dunkelsten Ecken begegnet mir immer wieder die allermeiste Hoffnung“, schwärmt sie von der Solidarität, dem Humor und der Tapferkeit, die sie in der Ukraine erlebt hat. „Die Ukrainer sind inzwischen die absolut resilientesten Menschen, die mir je begegnet sind. Bei uns im Berliner Süden gibt es für eine Woche keinen Strom – die Ukraine schafft es noch am selben Tag nach Beschuss, ihre Stromversorgung zumindest halbwegs wieder auf die Beine zu stellen.“

Ihre Erfahrung sei, dass solch schlimme Dinge wie der Krieg auch das Beste im Menschen zum Vorschein kommen lassen.

Jung nennt ein Beispiel: In Kiews Vorstadt Irpin etwa sei durch russischen Beschuss das Haus einer alten Dame, Liidia Pylypenko, komplett zerschossen und zerstört worden. Sie hatte im Zuge dessen auch noch ihren Mann verloren. „Eigentlich würde man jetzt denken, das ist eine Szenerie, wo es ja wirklich keine Hoffnung mehr gibt. Diese alte Dame, die da ganz alleine ist. Aber sie war nicht alleine, denn in ihrem Garten war die Hilfsorganisation ‚District One‘ sofort zur Stelle. Das sind jüngere Menschen, die Häuser von alten oder älteren Menschen wieder aufbauen, ihnen helfen, dass sie eben nicht alleine sind.“

Im Hintergrund lief Musik von Louis Armstrong. „What a wonderful world. “ Ein Satz, den Lydia dann gesagt hat, sei Alica Jung nie wieder aus dem Kopf gegangen. „Man muss sich vor nichts fürchten, nicht vor Krieg oder irgendeiner Katastrophe wegen unserer kraftvollen und schönen Jugend. Sie wird alles wieder aufbauen und alles wird wieder gut werden.“

Noch ein Beispiel: Alica Jung vergleicht die deutsche Bachelor-Unterhaltungs-Sendung mit der ukrainischen. Sie hat dort durch den Krieg einen ganz anderen Wert bekommen. Der Bachelor ist nämlich ein Veteran, ein ehemaliger Soldat, der im Krieg, weil er auf eine Mine getreten ist, beide Beine verloren hat. Und er bekomme enormen Zuspruch. Die Kriegsreporterin schwärmt sogar vom Essen. Da werde immer alles frisch zubereitet, selbst an der Tankstelle. Ob solche Geschichten der Grund sind, warum man mittlerweile verstärkt Frauen, denen gemeinhin mehr Empathie nachgesagt wird, in Krisengebiete schickt? Das glaubt sie nicht. „Ich kenne auch viele männliche Kriegsreporter, die sehr einfühlsam sind.“

Andere Motive vermutet auch Medienwissenschaftlerin Prof. Martina Thiele: „Öffentlich-rechtliche Sender haben Gleichstellungspläne. Entsprechend kommen auch mehr Frauen zum Zug.“ Sie moniert indes, dass Frauen in Spitzenpositionen und bestimmten Ressorts weiterhin unterrepräsentiert und häufig auch schlechter bezahlt seien. Dazu kann und will Alica Jung nichts sagen. Sie könne von dem Gehalt gut leben, aber sie habe den Job sicher nicht aus lukrativen Gründen angenommen, „sondern weil er mir wahnsinnig Spaß macht“. Sie erlebe auch viele schöne Dinge. Die erzähle sie auch ihrer Mutter, mit der sie „fast täglich“ telefoniere denn die sei natürlich in Sorge. Und Alica selbst? Sitzt ihr die Todesangst ständig im Nacken? „Angst wäre sicher der falsche Begleiter. Wichtig ist, dass wir uns im Team wahnsinnig gut vorbereiten, eng abstimmen und uns sehr vertrauen.“

Menschen protestieren und stehen um ein Feuer herum.

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