Selten hat ein Politiker mit solch klaren Worten und wichtigen Erkenntnissen brilliert wie Kanadas Premier Mark Carney. Auf ihn sollten viel mehr Politiker hören!
Kanadier mit klarer KanteWarum wir auf Anti-Trump Mark Carney hören sollten

Copyright: AFP
Er kam, sprach und siegte: Mark Carney wurde (und wird) weltweit gefeiert – dann kam Donald Trump und faselte vor sich hin. Während Carneys Worte Gewicht haben. Wirtschaftlich und moralisch. Das Foto zeigt den kanadischen Premier beim Weltwirtschaftsforum in Davos am 20. Januar 2026.
Autor
Nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos redet die Welt von einem Mann, der für den Paukenschlag sorgte, der im Gegensatz zum selbsternannten „Master of Deals“ Donald Trump eine Rede für die Geschichtsbücher hielt. Wer ist der Mann der klaren Worte und wie geht er den neuen Weg in einer Welt, in der die USA (sein einziger Nachbar) alles sind – nur kein verlässlicher Partner mehr?
Kanadier gelten als superhöflich, immer freundlich, nie fordernd oder forsch. Und auch als ein bisschen langweilig. Niemand hätte wohl bis zu dieser Woche geglaubt, dass uns ausgerechnet ein Kanadier mal richtig die Meinung geigt. Und mit was? Mit Recht. Der ehemalige Zentralbanker Mark Carney holte in Davos die Redekeule raus und skizzierte die neue globale Realität – schonungslos.
Wie tickt dieser Mark Carney?
Mark Joseph Carney von der Liberalen Partei ist erst seit März 2025 Premierminister von Kanada. Verheiratet seit 1994 mit Diana Fox, das Paar hat vier Töchter. Früher spielte Carney Eishockey, stand im Tor. Schon 2010 wurde er vom „Time“-Magazin zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gekürt. Nach seinem Studium arbeitete er 13 Jahre lang bei der Investmentbank Goldman Sachs. Mit 42 wurde er Leiter der Zentralbank von Kanada – und zeichnete sich prompt in der Finanzkrise 2008 aus.
Er war Gouverneur der Bank of England (übrigens als erster Nicht-Brite) während des Brexit und dem Beginn von Corona. Bis Januar 2025 war er UN-Sondergesandter für Klimafinanzierung. In Sachen Wirtschaft und Finanzen ist er also mit allen Wassern gewaschen. Er weiß, dass unser Wohlstand derzeit auf dem Spiel steht. Mittlere Mächte wie die EU und Kanada (elftgrößte Volkswirtschaft der Welt) – also keine Supermächte wie die USA und China – stünden jetzt am Scheideweg. Sie könnten „die Ausübung von Souveränität unter Akzeptanz der Unterordnung“ fortsetzen. Oder Rückgrat zeigen.
Mark Carneys Punkte, die wir uns merken sollten
- Die bisherige Weltordnung ist vorbei – und war zuvor auch schon „eine angenehme Fiktion“.
- Mittlere Mächte sind nicht machtlos, können eine neue Weltordnung aufbauen, wenn sie zusammenhalten und ihren Platz am Tisch der Mächtigen einfordern. „Denn wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte!“, so Carney. Wenn Kanada und die EU sich z. B. in einer Partnerschaft zusammentun, entstünde ein Handelsblock mit 0,5 Milliarden Menschen.
- Wir müssen uns ehrlich machen: Die Supermächte spielen ihr eigenes, entfesseltes Spiel. Wer vor ihnen katzbuckelt, um Schwierigkeiten zu vermeiden, macht sich mit schuldig.
- Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkommen wird. „Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie.“
Das Besondere: Carney nennt auch Wege aus dem Dilemma
Mittlere Mächte müssen sich diversifizieren, um sich gegen Unsicherheiten in der Welt abzusichern – das sei „klassisches Risikomanagement“, das man mit Gleichgesinnten angehen könne.
Prinzipientreu, aber pragmatisch bleiben: Heißt, auch mal Partnerschaften eingehen mit Ländern, die unseren Standards in Sachen Menschenrechte und Co. vielleicht (noch) nicht entsprechen.
Nicht bilateral mit einer Hegemonialmacht verhandeln. Wer das tue, verhandele aus einer Position der Schwäche heraus. Klare Botschaft: Wenn unser Bundeskanzler Friedrich Merz fabuliert, dass Donald Trump, wenn schon nicht mit der EU, doch wenigstens bitte, bitte mit Deutschland Deals machen soll, dann zeigt er eben nicht Pragmatismus, sondern nur, dass er blank und verzweifelt ist. „Wir konkurrieren miteinander darum, am entgegenkommendsten zu sein. Das ist keine Souveränität. Es ist die Ausübung von Souveränität bei gleichzeitiger Akzeptanz der Unterordnung“, sagt Carney sehr treffend.
Dieselben Maßstäbe auf Verbündete wie auf Rivalen anwenden. Das dürfte auch den USA nicht gefallen. Eine starke Binnenwirtschaft aufbauen, für uns innerhalb der EU, die anderen in ihren jeweiligen Ländern.
Was Carney in Kanada tut
- Steuern auf Einkommen, Kapitalerträge und Unternehmensinvestitionen senken, um den Binnenmarkt anzukurbeln.
- Carney hat eine Absichtserklärung für den Bau einer Ölpipeline zum Pazifik unterzeichnet. Bisher sind die USA größter Abnehmer von kanadischem Öl. Täglich sollen eine Million Barrel Öl aus Alberta zum Exportterminal an die Westküste Kanadas fließen. Von dort gehen sie hauptsächlich nach Asien. Es gibt Proteste von Klimaschützern, in der jetzigen globalen Situation kann Carney darauf aber keine Rücksicht nehmen.
- Föderale Hindernisse für den interprovinziellen Handel in Kanada wurden beseitigt. Bräuchten wir in der EU auch stärker.
- Hohe Investitionen in KI, aber eben auch in klassische Sektoren wie Energie und Mineralien. Neue Handelskorridore werden geschaffen. Das kann man nicht 1:1 übertragen, Kanada hat andere Dinge zu bieten als die EU.
- Kanada hat die Verteidigungsausgaben bis zum Ende des Jahrzehnts verdoppelt, übrigens ganz klar auch, um die heimischen Industrien zu stärken.
- Carney ist auch eine neue strategische Partnerschaft mit China und Katar eingegangen, setzt auf weitere Freihandelsabkommen mit Indien, ASEAN, Thailand, den Philippinen und Mercosur. Da hat das EU-Parlament in unserer Sache diese Woche keine gute Figur abgegeben.
- Kanada will weltweit Einkaufsgemeinschaften bilden. Dafür braucht er die EU.
Wir müssen uns jetzt nur noch entscheiden, ob wir mit einem Mann wie Carney gehen – oder lieber darauf setzen, dass Trump einen guten Tag hat und uns wohlgesonnen ist. Diese Entscheidung sollte nicht schwer fallen.


