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Schwimmlehrerin fragt sichVerlernt Deutschland das Schwimmen?

Kinder nehmen an einem Schwimmkurs teil.

Copyright: picture alliance/dpa

Durch die Arbeit von mehreren tausend Ehrenamtlichen lernen viele Kinder in Deutschland schwimmen. Dennoch sinkt die Zahl an sicheren Schwimmern. 

EXPRESS-Reporterin Olivia Gillner ist Schwimmlehrerin. Hier schildert sie ihre Erfahrungen – dazu gibt es eine Einordnung vom DLRG sowie viele Tipps für Eltern und Kinder.

Jedes Jahr beginnt die gleiche Diskussion aufs Neue. Sobald die Temperaturen steigen, die ersten Freibäder geöffnet haben und die Badeseen besucht werden, sprechen alle davon, wie wichtig es sei, schwimmen zu können. Und ja, Schwimmen zu lernen ist lebenswichtig. Nicht ohne Grund gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten das Sprichwort „Man muss lesen, schreiben, rechnen und schwimmen können.“ Doch eigentlich sollte diese Debatte das ganze Jahr über geführt werden. Denn Schwimmen lernt man nicht nur im Hochsommer.

Erinnern Sie sich auch noch an ihren Schwimmkurs? Daran, dass sich einige Kinder panisch an den Beckenrand klammerten, während der Rest sorgenfrei ins Wasser hüpfte? Ich kann mich genau dran erinnern. Für mich war es unvorstellbar, nicht schwimmen zu können. Das Schwimmen spielte schon immer eine große Rolle in meinem Leben. Erst Babyschwimmen, Seepferdchen, alle Jugendschwimmabzeichen, schließlich Vereinstraining und Leistungsschwimmen.

Schwimmen lernen?! Oft muss erst etwas passieren ...

Mittlerweile arbeite ich nebenbei ehrenamtlich als Schwimmlehrerin. Und verstehe jetzt die Angst vor dem Wasser viel besser. „Im Sommer ist das Kind sprichwörtlich schon in den Brunnen gefallen“, sagt uns Martin Holzhause von der DLRG. Viele Eltern beginnen erst kurz vor den Sommerferien damit, nach Schwimmkursen zu suchen. Dabei sollte Schwimmenlernen eigentlich das ganze Jahr über Thema sein. Nicht jedes Kind wächst mit denselben Möglichkeiten auf. Viele Eltern können selbst nicht sicher schwimmen, haben Angst vor Wasser, übertragen diese unbewusst auf ihre Kinder. Andere Familien finden keinen bezahlbaren Schwimmkurs, stehen monatelang auf Wartelisten. Genau das zeigt sich mittlerweile auch in aktuellen Studien: Immer weniger Kinder in Deutschland können sicher schwimmen.

Erst vor wenigen Wochen sorgte das Ertrinken einer 16-Jährigen aus Grevenbroich bundesweit für Aufmerksamkeit. Sie konnte nicht schwimmen, fiel in die Erft. Fälle wie dieser zeigen immer wieder, wie gefährlich Wasser sein kann, wenn man nicht schwimmen kann. Trotzdem wird das Thema meist erst wieder öffentlich diskutiert, wenn Badeunfälle passieren. Dabei beginnt der Kontakt mit Wasser bei vielen Familien eigentlich früh – und oft auch positiv:

  1. Beim Babyschwimmen sammeln Kinder erste Erfahrungen im Wasser, lernen spielerisch, dass das nasse Element nichts Gefährliches sein muss. Experten sagen sogar: Je früher Kinder positive Erfahrungen mit Wasser machen, desto sicherer bewegen sie sich später darin. Studien zeigen zudem, dass Babyschwimmen Körpergefühl und Gleichgewichtssinn stärken kann.
  2. Und trotzdem nimmt die Schwimmfähigkeit seit Jahren ab. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der DLRG zeigt, dass 59 Prozent der Zehnjährigen nicht als sichere Schwimmer gelten.
  3. Besonders deutlich werden dabei soziale Unterschiede: Während knapp die Hälfte der Kinder aus einkommensschwachen Familien (monatliches Nettoeinkommen unter 2500 Euro) nicht schwimmen können, sind es bei einkommensstarken Haushalten (mehr als 4000 Euro netto pro Monat) nur zwölf Prozent der Kinder.
  4. „Wenn die Mehrheit der Kinder am Ende der Grundschule noch nicht sicher schwimmen kann, dann lernen viele es später oft gar nicht mehr“, erklärt Martin Holzhause.

Ein weiteres Problem: Immer mehr Schwimmbäder sind sanierungsbedürftig oder müssen ganz schließen. Laut DLRG fehlen zudem Wasserflächen, qualifiziertes Personal und ausreichend Schwimmangebote. Auch die Folgen der Corona-Pandemie sind bis heute spürbar. „Wir haben zwei Jahrgänge, bei denen der Anteil der Nichtschwimmer und unsicheren Schwimmer noch einmal deutlich höher ist“, so Holzhause.

Hinzu kommt: Viele Kinder kommen mittlerweile ohne grundlegende Wassergewöhnung in die Schule. Für Lehr- und Schwimmkräfte wird der Unterricht dadurch zunehmend schwieriger. „Früher brachten viele Kinder erste Grundlagen mit. Heute gibt es teilweise Kinder, die sich kaum trauen, den Kopf unter Wasser zu nehmen“, erklärt der DLRG-Experte.

Als Schwimmlehrerin erlebe ich aber auch, dass es manchmal die Eltern sind, die zu schnell frustriert sind, weil Fortschritte nicht direkt sichtbar werden. Manche Familien wechseln deshalb häufig die Kurse oder brechen sie frühzeitig ab, obwohl viele Kinder einfach nur länger brauchen, um Vertrauen zum Wasser aufzubauen. Schwimmenlernen benötigt vor allem Zeit, Geduld und regelmäßiges Training. Es geht nicht innerhalb weniger Stunden.

Martin Holzhause von der DLRG

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Martin Holzhause, Pressesprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG

Sechsjährige benötigen durchschnittlich etwa 30 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten, um überhaupt das Seepferdchen zu schaffen. Und selbst dann gilt ein Kind noch lange nicht als sicherer Schwimmer. „Schwimmen lernen ist mehr als nur ein Seepferdchen-Kurs“, betont Holzhause. Wirklich sicher schwimmt man erst mit dem Deutschen Schwimmabzeichen Bronze. Dafür muss man u. a. 15 Minuten am Stück schwimmen können, Baderegeln kennen und auch in schwierigen Situationen ruhig bleiben. Kinder sollten deshalb nie unbeaufsichtigt ins Wasser gehen, auch nicht mit Schwimmflügeln oder Luftmatratzen. Denn Wasser wird oft unterschätzt. Und das nicht nur von Kindern. Fakt ist nämlich: Die meisten Badetoten in Deutschland sind Erwachsene, häufig Männer mittleren Alters. Alkohol, Selbstüberschätzung oder Kreislaufprobleme spielen dabei auch immer wieder eine Rolle.

Für Eltern und Kinder: Vertraut werden mit dem Element Wasser

Tipps für Kinder:

  1. Früh spielerisch an das Wasser gewöhnen (Üben in der Badewanne, im Planschbecken etc.).
  2. Im Sommer regelmäßig ins Schwimmbad oder an bewachte Badeseen gehen.
  3. Ohne Druck üben: jedes Kind lernt im eigenen Tempo.
  4. Kleine Übungen wie Gleiten, Schweben oder der „Seestern“ (rücklings alle Viere von sich gestreckt) helfen beim Einstieg.
  5. Schwimmnudeln, Schwimmgürtel oder anderen Auftriebshilfen nur als Ünterstützung nutzen. Die Eltern sollten dabei immer in Griffnähe bleiben.
  6. Ob Kinder zuerst Brust- oder Rückenschwimmen lernen, ist weniger entscheidend. Brustschwimmen bietet anfangs mehr Orientierung, Rückenschwimmen hilft dagegen oft dabei, Vertrauen ins Wasser zu entwickeln.
  7. Auch das Schwimmen mit Kleidung soll geübt werden, denn nasse Kleidung macht das Schwimmen anstrengender.

Tipps für Eltern:

  1. Geduld haben, Schwimmenlernen braucht Zeit.
  2. Kinder NIE unbeaufsichtigt ins Wasser lassen.
  3. Nach dem Seepferdchen weiter üben (Bronze, Silber und Gold).
  4. Gemeinsam Zeit im Wasser verbringen.
  5. Regelmäßiges Üben ist wichtiger als schneller Erfolg.

Tipps für Erwachsene:

Es ist nie zu spät im Leben, schwimmen zu lernen: Viele Vereine und Schwimmschulen bieten spezielle Erwachsenenkurse an. Das Schwimmen sollte möglichst begleitet gelernt werden und nicht komplett alleine erfolgen. Regelmäßiges Training und Geduld sind auch im Erwachsenenalter entscheidend für den Erfolg.

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