Ein Obdachlosen-Lager am Kölner Zeughaus sorgt für Verzweiflung. Eine Geschäftsfrau schlägt Alarm.
Kölner Geschäftsfrau verzweifeltObdachlosen-Lager am Zeughaus – „So kann es nicht weitergehen“

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Vor einem ehemaligen Restaurant gegenüber vom Zeughaus haben Obdachlose Schlaflager errichtet.
Matratzen vor dem Schaufenster, Wäsche am Brunnen: Rund ums Kölner Zeughaus hat sich ein Obdachlosen-Lager gebildet. Eine Geschäftsfrau schlägt Alarm.
Für Daniela Schlottmann beginnt der Arbeitstag oft mit einem unschönen Anblick. „Eigentlich jeden Morgen derselbe Obdachlose“, berichtet die 57-jährige Angestellte der Karnevalsschneiderei Jung und Ortmanns an der Komödienstraße, unweit des Zeughauses. So auch an einem sonnigen Juli-Montagmorgen.
Neuer Schlafplatz gegenüber vom Zeughaus
Ein Mann liegt direkt an der Auslage des Geschäfts und schläft wohl seinen Rausch aus, nur wenige Schritte von der Ladentür entfernt hat sich ein anderer Mann auf einer Matratze niedergelassen. Beide erwecken den Anschein, als seien sie Teil der Drogenszene, die seit den verstärkten Polizeikontrollen am Neumarkt immer wieder an neuen Orten auftaucht.
„Eigentlich tun mir die Leute leid“, sagt Schlottmann mit Blick auf die wohnungslosen Menschen, die den Bereich um ihr Geschäft belagern. „Aber es ist nicht schön – nicht für uns, nicht für die Kunden, die das hier dann sehen – und auch nicht für die Menschen, die hier auf der Straße leben.“
Die Präsenz von Obdachlosen rund um das Geschäft habe stetig zugenommen, seit ihr Betrieb im April 2025 an diesen Standort umgezogen ist, schildert Schlottmann. Dies hat auch mit einer weiteren Gruppe zu tun, die sich seit Kurzem nur etwa zweihundert Meter entfernt aufhält, auf der anderen Seite des Zeughauses. Zwei Stunden früher, um etwa 7 Uhr, kauern dort fünf Personen unter dem Vordach einer ehemaligen italienischen Gaststätte eng beieinander auf Matratzen. An dem Brunnen gegenüber wurde Kleidung zum Auslüften aufgehängt.
Bei den Personen, die hier nächtigen, handelt es sich mehrheitlich um Bettelnde aus Rumänien, die tagsüber in der Kölner City sitzen und mit Schildern und Aufschriften wie „Bitte für Essen“ um Spenden bitten. Dies wird von der Stadtverwaltung auf Anfrage dieser Redaktion bestätigt.

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Daniela Schlottmann arbeitet bei der Karnevalsschneiderei Jung und Ortmanns
Der Ort sei bisher nicht als neuer Drogen-Treffpunkt in Erscheinung getreten, und entsprechende Meldungen von Bürgern gebe es nur selten, wie eine Sprecherin der Stadt mitteilt. Dass rumänische Bettelnde aus der Innenstadt nun aber verstärkt gegenüber dem Zeughaus ihr Nachtlager aufschlagen, sei der Verwaltung bekannt.
Bei der Gruppe handle es sich „in großen Teilen“ um bereits bekannte Gesichter von der Hohe Straße, so die Stadt. Einige von ihnen seien namentlich erfasst. Es komme beispielsweise „regelmäßig zu persönlichen Zustellungen von Bußgeldbescheiden aufgrund von Ordnungswidrigkeiten“.
Früher nächtigten diese Menschen hauptsächlich an der Hohe Straße. Das hat sich nun anscheinend verlagert, was auch die Stadt bestätigt. Der Umzug in Richtung Zeughaus ist „höchstwahrscheinlich auf die verstärkte frühmorgendliche Präsenz“ des Ordnungsdienstes auf der Hohe Straße zurückzuführen, erklärt die Sprecherin.
Da der Kommunale Ordnungsdienst auch am Zeughaus regelmäßig patrouilliert, würden die Personen ihre Schlafplätze „in der Regel bereits früh morgens“ räumen. Die Polizei ist mit der Situation ebenfalls vertraut. „Es ist bekannt, dass vor dem ehemaligen Restaurant gegenüber des Zeughauses Obdachlose seit geraumer Zeit lagern“, sagt ein Sprecher. „Auch ist bekannt, dass sie den Brunnen gegenüber zum Waschen benutzen.“

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Direkt am Zeughaus hängt frühmorgens Wäsche zum Trocknen aus.
Und es stimmt: Gegen 9 Uhr sind die Personen, die noch zwei Stunden zuvor hier schliefen, verschwunden. Auch die Matratzen, Kleidung und das Gepäck sind unter dem Vordach nicht mehr zu finden. Stattdessen ist der Platz vor dem Brunnen mit Abfall übersät. Ob dieser Müll tatsächlich von den Menschen stammt, die auf der anderen Straßenseite schlafen, bleibt unklar. Eine Gastronomin bestätigt, dass die Leute oft erst nach Geschäftsschluss, gegen 22 Uhr, zu ihrem Schlafplatz zurückkehren.
Vor etwa einem halben Jahr ging der „Kölner Stadt-Anzeiger“ der Frage nach, wer diese Personen sind, die tagsüber mit ähnlichen Schildern und leeren Bechern vor den Geschäften auf der Hohe Straße sitzen – und ob organisierte Kriminalität dahintersteckt, wie oft angenommen wird. Die meisten Betroffenen kommen aus einer der ärmsten EU-Regionen, aus der Umgebung von Brasov und Fagaras in Rumänien, und reisen für eine gewisse Zeit nach Köln, um hier zu betteln.
Was die Stadt darf – und was nicht
Sowohl das Ordnungsamt als auch die Kölner Polizei erklärten, es lägen keine stichhaltigen Beweise für Zwang, Bandenstrukturen oder kriminelle Machenschaften vor – die ähnlichen Bettelschilder seien vielmehr ein Zeichen gegenseitiger Unterstützung. Viele der Bettelnden seien beispielsweise Mitglieder derselben Familie.
Als EU-Bürgerinnen und -Bürger dürfen sich die Betroffenen bis zu 90 Tage ohne Visum in Deutschland aufhalten, und auch stilles Betteln ist in Köln grundsätzlich gestattet. Verboten sind lediglich aggressive Varianten,verkehrsbehinderndes oder bandenmäßiges Betteln sowie der Einsatz von Kindern.
Dass sich die Nächtigenden ausgerechnet in der Nähe des Zeughauses niederlassen, hängt wohl mit der Umgebung zusammen. Die italienische Gaststätte, deren Vordach nun als Zuflucht dient, ist seit über einem Jahr nicht mehr in Betrieb. In der Nachbarschaft gibt es nur wenige Wohnhäuser, und das Zeughaus – einstiger Sitz des Kölnischen Stadtmuseums – steht ebenfalls seit langer Zeit leer. Ringsherum befinden sich hauptsächlich Büros, ergänzt durch einzelne Restaurants und Läden. In der Nacht ist hier kaum etwas los.

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Mitarbeiter des Ordnungsamtes wecken einen Obdachlosen, der in der Nähe des Zeughauses geschlafen hat.
Warum sich an der Situation so wenig verbessert, ist auch eine Frage der Eigentumsverhältnisse. Ein Eingreifen der Ordnungskräfte sei bei Obdachlosen „nur begrenzt möglich“, erläutert die Stadt, da die Personen „hauptsächlich auf Privatflächen liegen“. Erst wenn Beeinträchtigungen in den öffentlichen Raum ausstrahlen – etwa durch Müll oder Fäkalien – und diese Personen zugeordnet werden können, schreitet der Ordnungsdienst ein. Die Stellen würden „täglich im Rahmen der Präsenzstreifen“ überprüft. Zusätzliche Schritte sind laut Verwaltung nicht vorgesehen.
Für Geschäftsleute wie Daniela Schlottmann bedeutet dies eine frustrierende Lage. Das Ordnungsamt zu alarmieren, bringt nur wenig. Aber auch die Durchsetzung des Hausrechts gestaltet sich schwierig. „An Hausverbote hält sich da keiner. Und auch wenn ich die Polizei rufe, verweist die meist an das Ordnungsamt – und umgekehrt“, berichtet Schlottmann.
„So kann es nicht weitergehen“
An diesem Montagmorgen ist es jedoch anders. Während der Reporter dieser Zeitung mit Schlottmann spricht, steigen zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes aus ihrem Fahrzeug und wecken den Mann, der wenige Meter entfernt auf seiner Matratze schläft. Nach einer kurzen Auseinandersetzung packt er seine Matratze und geht. Auch den Mann, der direkt an Schlottmanns Schaufenster schläft, sprechen die Kräfte an – „ausnahmsweise“, wie sie betonen. Normalerweise seien sie dafür nicht zuständig.
Kurze Zeit später sind die beiden Männer fort. Doch Schlottmann ist überzeugt, dass es sowohl hier vor ihrem Geschäft als auch einige Häuser weiter am Zeughaus nicht lange dauern wird, bis die nächsten Obdachlosen auftauchen. Zu brenzligen Momenten sei es bisher nicht gekommen. Weder sie noch ihre Kollegen seien angepöbelt oder gar attackiert worden, sagt sie. „Und trotzdem: So kann es nicht weitergehen. Es ist keine gute Situation für niemanden.“ (red)
