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Junkies, Müll, FäkalienDrastische Vorfälle in Kölner Kirche: Pater ist am Limit

Pater Richard Nennstiel vor Kirche St. Andreas.

Copyright: Arton Krasniqi

Pater Richard Nennstiel ist Seeldorfer an der Kirche St. Andreas an der Komödienstraße.

Wenn Pater Richard Nennstiel (62) morgens die Kirche St. Andreas aufschließt, weiß er nicht, was ihn diesmal erwartet. Oft ist es nichts Gutes. Gegenüber EXPRESS.de schildert der Geistliche drastische Zustände und Erlebnisse in der Kirche, die nur wenige Fußminuten vom Dom entfernt ist.

Ausgangspunkt des Reports aus der Kölner City waren Beschwerden von Anliegern an der Komödienstraße, die gegenüber von St. Andreas Gastronomie betreiben und seit einiger Zeit über Gruppen von Bettlern klagen, die sich an den Terrassen und der Treppe zur Straße An der Burgmauer versammeln, Passanten belästigen und Müll hinterlassen.

Auch für den Pater ist das ein Ärgernis. Er erklärt: „Jeden Morgen haben die Menschen bei uns Zugänge blockiert, bis ich gesagt hab: Das geht so nicht. Jetzt versammeln sie sich drüben.“

Die Probleme sind vielschichtig

Doch das ist nur ein Detail einer großen Problemlage. Und der Pater scheut sich nicht, den Satz auszusprechen: „Man muss schon überlegen, hier Schluss zu machen.“ Ein Pater und Seelsorger ohne Hoffnung? Nein – aber ein Helfer am Limit.

Rund um die Kirche, zu der auch die Krypta mit dem Sarkophag des Bischofs und Theologen Albertus Magnus (um 1200 – 1280) gehört, spielt sich das Elend der Innenstadt ab – Drogensucht, Vermüllung, ein grassierender Wahnsinn. Für ihn als Seelsorger sei das ein Dilemma: helfen zu wollen – und gleichzeitig mitzuerleben, wie die Lage kippt.

Die Szene habe sich verändert. „Früher ging es überwiegend um Alkohol. Mit Leuten, die alkoholabhängig sind, können Sie noch ins Gespräch kommen. Da gibt es noch einen Zugang“, sagt er.

Bei harten Drogen sei das anders: „Menschen, die Crack oder andere Dinge nehmen - die sind schon in einer ganz anderen Welt. Die sind kaum noch zugänglich.“ Er habe Betroffene gebeten, ihre Spritzen einzusammeln. „Das geschieht ja alles nicht. Dann haben wir hier alles liegen.“

Küster Ulrich Böde von der Kirche St. Andreas

Copyright: Arton Krasniqi

Küster Ulrich Böde entsorgt den Sperrmüll, den jemand am Gemeindebüro abgestellt hat.

Auch die Besucher des Zentraldombauvereins würden das häufig erleben. Der Verein, der früher seinen Sitz in der Mohrenstraße hatte, nutzt heute Räumlichkeiten im Konvent von St. Andreas. 

Als der Reporter zum vereinbarten Treffen um 12 Uhr mittags erscheint, gibt es schon was Neues. Jemand hat seinen Sperrmüll vor dem Eingang zum Gemeindebüro abgeladen.

Küster Ulrich Böde muss schauen, wo er die Sachen erstmal deponieren kann. Die Vorfälle, bestätigt er, hätten zugenommen. „Kürzlich hat jemand eine tote Taube in einer Schachtel an den Eingang gelegt. Da fragt man sich auch, was das soll“, erzählt er. „Das hat eine Dimension angenommen, die einen sehr nachdenklich macht.“

In der Kölner Kirche passieren irritierende Dinge

Vieles davon sei nicht einmal böse gemeint, sagt der Küster. „Was zugenommen hat, ist auch die geistige Verwirrtheit von den Leuten.“ Menschen kämen vor der Vorabendmesse in die öffentlich zugängliche Krypta – „und da ist dann alles umgebaut. Die Leuchter stehen zum Beispiel auf dem Altar.“ 

Mal würde jemand kommen und würde zur Messezeit alle angezündeten Kerzen auspusten – an einem anderen Tag kommt jemand und zündet sie sinnfrei an. Ein Besuchsdienst führe Aufsicht, „aber die sind auch nicht rund um die Uhr da“. Auch seien Fäkalien in der Kirche ein wiederkehrendes Problem.  

Manche der Auffälligen hätten Hausverbot, hielten sich aber nicht daran. Einmal habe er einen geistig verwirrten Mann erlebt, der Gläubige anpöbelte, die gerade Kerzen aufgestellt hatten. „Ich bin dazwischengegangen und habe den Mann rausbefördert.“

Mittlerweile muss vor Schließung der Kirche kontrolliert werden, ob sich im Gemäuer jemand versteckt hat. Pater Nennstiel fand an einem Morgen auf dem steinernen Altar eine schlafende Frau vor.

Pater Richard Nennstiel

Copyright: Arton Krasniqi

Pater Richard Nennstiel steht am Altar, auf dem sich eine Frau über Nacht schlafen gelegt hatte.

Die Konzerte, die in der Kirche veranstaltet werden, wurden von 20 Uhr auf den früheren Abend verlegt, nachdem ein Besucher aus der nahegelegenen Seniorenresidenz am Dom überfallen worden war, erzählt der Pater. Man müsse sehen, dass man die um 18 Uhr beginnen lässt – „weil die Leute schlicht Angst haben“.

Auch andere Gemeinden müssten mit einer Flut von Problemen zurechtkommen, ob St. Aposteln, St. Mauritius oder auch St. Kunibert.

An die von der Stadt Köln geplanten Suchhilfezentren knüpfe er keine Hoffnung, eher an abschreckende Präventionsarbeit in Schulen über die Folgen von Drogenkonsum. Auch über soziale Medien sollte das geschehen, appelliert der Geistliche.

Wie hart die Fälle sind, macht der Pater an einem jungen Mann fest. Er hatte bereits ein Bein verloren, das andere sei entzündet gewesen und sei inzwischen ebenfalls abgenommen worden. „Der war 25, was ist seine Zukunft?“, fragt Pater Richard. „Ich kann natürlich, und das ist auch wichtig, die gröbste Not lindern. Aber die Frage ist ja immer: Welche Perspektive gibt es für diese Menschen?“

Drogenabhängiger in der Nähe von St. Andreas.

Copyright: Arton Krasniqi

Auf dem Platz zwischen St. Andreas und der benachbarten Deutschen Bank befindet sich diese Skulptur – ein Mann sucht hier Halt.

Die, so der Seelsorger, werde vielen nicht geboten. Auch für psychisch angeschlagene Menschen fehle es an Therapieplätzen. „Die kriege ich kaum irgendwo untergebracht.“

Kein Trost ist es für den Geistlichen im Übrigen, an eine neue Aufgabe etwa in seiner Heimatstadt Frankfurt zu denken. Dort sei die Lage keinesfalls besser.

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