Kölns Drogenszene wandert – am Neumarkt wird hart durchgegriffen. Jetzt leiden andere Stadtteile. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt?
Experten warnen vor VerdrängungKölner Drogen-Problem verlagert sich – jetzt sind neue Veedel dran
In Kölns Drogenszene herrscht Stillstand. Die Polizei geht am Neumarkt massiv gegen die überbordende Kriminalität vor, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Doch diese Maßnahme hat eine Kehrseite: Bewohner und Bewohnerinnen in bisher verschonten Innenstadtbereichen sehen sich plötzlich einer größer werdenden Crackszene gegenüber. Eine Zwickmühle, für die es momentan anscheinend keine Lösung gibt.
Fehlende Anlaufstelle verschärft die Lage
Das harte Vorgehen der Polizei kann nach Expertenmeinungen nur erfolgreich sein, wenn es parallel eine Anlaufstelle für Suchtkranke gibt. Dort könnten sie sich aufhalten und unter Aufsicht konsumieren. Eine solche Einrichtung fehlt in Köln jedoch bisher komplett.
Die Eröffnung des neuen Suchthilfezentrums am Perlengraben ist für August 2027 geplant – ein viel zu später Zeitpunkt. Bis dahin wird die Polizei ihren Druck aufrechterhalten.
Das Resultat: Die Crackszene verteilt sich zunehmend im gesamten Stadtgebiet. Die Konsequenzen werden an Stellen sichtbar werden, die aktuell niemand erwartet. Das Problem wird durch die Verdrängung nicht gelöst. „Mit dieser ungesteuerten Verlagerung sind die sozialen Problemlagen aber natürlich nicht weg“, sagte Sicherheitsforscher Tim Lukas dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Sie tauchten lediglich an anderen Orten in der Stadt wieder auf – auch dort, wo bislang niemand damit gerechnet habe.
In Köln fehlt es weiterhin an Aufenthaltsräumen für Suchtkranke. Das könne der Drogenkonsumraum am Neumarkt nicht auffangen, sieht auch Suchtforscher Daniel Deimel die aktuelle Entwicklung kritisch. Gerade deshalb sei das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben so wichtig, „weil das ein Anlaufpunkt für die Szene sein wird“.
Deimels Kritikpunkt: Es gibt derzeit zu viele Einzelmaßnahmen, die nicht ausreichend aufeinander abgestimmt seien. Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagte er, dass Köln „ein klares Konzept, in dem alles ineinandergreift“ brauche. Für ihn zwingend notwendig seien beispielsweise auch Übernachtungsräume, in denen Drogenkonsum erlaubt sei.
Aktuell meiden viele obdachlose Crackkonsumenten die städtischen Übernachtungsangebote, denn dort dürfen sie nicht konsumieren. Als Folge bleiben sie stattdessen auf der Straße, in den Veedeln. „Was mir auch fehlt: Es gibt kein kontinuierliches Monitoring in Form von Befragungen der Szene. Das wäre aber notwendig, um rechtzeitig nachsteuern zu können“, sagt Deimel.
Die Kölner Polizei verteidigt ihre aktuelle Strategie. Ziel sei es, „die schwer kranken Menschen aus der Straßenszene heraus in Hilfsangebote zu bringen und den öffentlichen Raum spürbar zu entlasten“, so Polizeipräsident Johannes Hermanns. Er betont, dass niemand das Recht habe „Plätze zu besetzen, sie zu verschandeln oder anderen Menschen Angst zu machen.“ Wenn die Polizei das feststelle – egal an welchem Ort in der Stadt –, werde sie konsequent einschreiten.
Dem Polizeipräsidenten ist aber auch bewusst, dass „rein repressive Maßnahmen allein die Szene derzeit nur verdrängen können“. Umso wichtiger daher, dass es ausreichend Hilfsangebote gibt – und dafür ist die Stadt Köln zuständig.
Bis das Suchthilfezentrum zur Verfügung steht, wird es noch mehr als ein Jahr dauern. Sozialdezernent Harald Rau lehnt ein Provisorium ab, um die Zeit bis dahin zu überbrücken. „Ein Interim ist aufgrund fehlender räumlicher, finanzieller und personeller Ressourcen nicht geplant. Ein Interim würde den Zeitplan des Suchthilfezentrums möglicherweise nicht unterbieten und Ressourcen binden, die für die Umsetzung des Suchthilfezentrums benötigt werden“, sagt er.
Randnotiz: Die Stadt Zürich hat ein entsprechendes Angebot in einer ähnlichen Situation innerhalb von drei Monaten umgesetzt. (red)
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