Sie sind da, wo niemand hinsieht: Sozialarbeiterin Luca Neumann und Krankenpfleger Mirko Sievers kämpfen für die Menschen auf Kölns Straßen, die es allein nicht mehr zum Arzt schaffen.
Kölns stille HeldenLuca und Mirko helfen da, wo niemand sonst hinsieht

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Sozialarbeiterin Luca Neumann und Krankenpfleger Mirko Sievers sind als Medical Streetworker auf Kölns Straßen unterwegs.
In einer Gasse im Zentrum von Köln steht Sascha mit seinem Rollstuhl. Er ist vornübergebeugt, sein Gesicht versteckt sich tief in der Kapuze eines schwarzen Pullovers. Er reagiert erst, als man ihn mehrfach anspricht. Mirko Sievers fragt ihn: „Sollen wir dich zum Verbandswechsel schieben?“. Doch Sascha will zuerst nur eine Zigarette.
Sein wahrer Name ist ein anderer. Diese Erzählung handelt nicht nur von ihm, sondern von Personen in seiner Lage, die aktuell in Köln ein großes Thema sind. Es geht um Menschen mit einer schlimmen Sucht. Menschen ohne festen Wohnsitz. In den Debatten über das Erscheinungsbild der Stadt und den Perlengraben als Ort für ein neues Drogenhilfezentrum werden sie oft nur als „die Drogenabhängigen“ oder „die Obdachlosen“ bezeichnet. Anonym, ohne persönliche Schicksale.
Luca und Mirko sind Kölns stille Helden
Mirko Sievers, ein Krankenpfleger, und Luca Neumann, eine Sozialarbeiterin des Gesundheitsamtes Köln, kennen zahlreiche dieser Namen und die Schicksale dahinter. Sie bewegen sich oft in der Drogenszene von Köln, um dort auch ärztliche Versorgung zu leisten.
Sie sind Teil eines Gemeinschaftsprojekts vom Aufsuchenden Suchtclearing und dem Mobilen Medizinischen Dienst (MMD), der ebenfalls zum Kölner Gesundheitsamt gehört. Seit 1993 stellt dieser Dienst eine medizinische Basisversorgung für wohnungslose und suchtkranke Personen in Köln sicher. Das gilt auch für jene ohne Krankenversicherung.
Hauke Bertling, der Chef des MMD, findet das System gut, sogar besser als in vielen anderen Städten. Jedoch wächst die Nachfrage, da die Anzahl der Suchtkranken und Obdachlosen zunimmt. Der MMD verzeichnete im letzten Jahr eine Rekordzahl an Patienten und Behandlungen.
Kürzlich veröffentlichte die Stadt den Jahresreport 2025. Laut diesem wurden 1681 unterschiedliche Personen bei 9956 Kontakten versorgt. Das ergibt einen Durchschnitt von 830 Kontakten monatlich und fast sechs Kontakten je Patient.

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Mirko Sievers (l.) und Luca Neumann kümmern sich um einen suchtkranken Patienten in der Kölner Innenstadt.
Die Versorgung deckt alles ab, was nötig ist – von frischen Wunden über chronische Verletzungen, Grippe, Hautinfektionen und Läuse bis zu psychischen Leiden. Der MMD hält seine Sprechstunden in den Räumen diverser Anlaufpunkte für Suchtkranke und Obdachlose ab. Zum Beispiel gleich beim Drogenkonsumraum in der Lungengasse nahe dem Neumarkt, im Café Victoria, das von der Drogenhilfe Köln betrieben wird, oder im Café Auszeit des Sozialdienstes Katholischer Frauen. Bertling erklärt: „Wir wollen ein möglichst niedrigschwelliges Angebot machen, deshalb gehen wir da hin, wo sich die Menschen sowieso aufhalten“.
Der Alltag auf der Straße: Keine Kraft für den Arztbesuch
Manche, insbesondere Menschen mit Crack-Sucht, finden jedoch nicht von selbst den Weg in eine Sprechstunde. „Sie sind den ganzen Tag damit beschäftigt, Drogen zu beschaffen oder zu konsumieren“, erläutert Sozialarbeiterin Neumann. Ihr Teamkollege Sievers unterstreicht: „Wir überreden niemanden, wir machen ein Angebot. Und die meisten sind dankbar, dass sie gesehen werden.“
Wer Unterstützung ablehnt, wird nicht bedrängt. Im Gegensatz zu Polizei und Ordnungsamt verweisen Sievers und Neumann niemanden des Platzes. Das hat sich in der Szene herumgesprochen, was bei einer Tour mit den Streetworkern klar wird. Überall wird das Duo von den Leuten aus dem Milieu freundlich empfangen.
Neumann äußert Verständnis für die Unsicherheit, die Furcht und vielleicht sogar den Abscheu in der restlichen Bevölkerung gegenüber diesen Personen. Doch sie gibt zu bedenken: „Es ist erschreckend, wie schnell jemand abrutschen und dort landen kann.“ Das musste sie schon bei vielen beobachten, auch bei Sascha.
Laut Neumann hat die Droge Crack die Lage verschärft. Seit etwa eineinhalb bis zwei Jahren sei diese Form von rauchbarem Kokain „so richtig in Köln angekommen“. Personen, die in die Crack-Sucht abgleiten, verfallen körperlich und seelisch extrem rapide. Sascha, der ursprünglich aus Osteuropa kommt, stand vor vier Jahren noch fest mit beiden Beinen im Leben.
Zusammenhalt am Abgrund: Große Hilfe in der Szene
Inzwischen ist er nicht nur von Crack und dem Heroin-Ersatzstoff Methadon abhängig, sondern auch auf die Unterstützung seiner Mitmenschen angewiesen. In seinem Rollstuhl kann er sich alleine fast nicht bewegen. Er bleibt dort stehen, wo man ihn lässt, bis ihn jemand an einen anderen Ort schiebt. Im Moment will er nur über die Straße.
„Innerhalb der Szene gibt es sehr viel Mitgefühl“, berichtet Neumann. Man versorgt Sascha mit Drogen, Tabak und Essen. Ein Bein musste ihm abgenommen werden, daher der Rollstuhl. Eine Not-OP wegen einer drohenden Blutvergiftung hat sein Leben gerettet. Sascha hat auch am verbliebenen Bein offene Stellen, die eigentlich mehrmals wöchentlich einen neuen Verband bräuchten. Doch laut Neumann fürchtet er sich vor Medizinern. Er hat Panik, auch noch sein zweites Bein zu verlieren.
Jenseits der Straße starten die Sozialarbeiterin und Pfleger Sievers einen neuen Anlauf, um Sascha von einem Verbandswechsel zu überzeugen. Sie reden ihm mit großer Gelassenheit, Ausdauer und Empathie gut zu. Er blickt kurz auf, scheint für einen Moment klar, fällt dann aber wieder in sich zusammen. Am Ende stimmt er zu, sich zu einem Behandlungszimmer des MMD bringen zu lassen – unter der Bedingung, dort eine Zigarette zu erhalten. Das klappt: Im Hof vor der Ambulanz gibt ihm jemand eine.

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Hauke Bertling, Stadtarzt und Leiter des Mobilen Medizinischen Dienstes der Stadt Köln, in einem Ambulanzzimmer im Café Victoria.
Neumann und Sievers machen sich auf zum Appellhofplatz. An diesem Tag ist der Platz wie leer gefegt, keine Spur von der Drogenszene. Obwohl die beiden jede Ecke kennen, die sonst beliebt ist, ist heute niemand da. „Die Szene wandert“, erklärt Neumann. Entscheidend sei dabei, wo die Polizei und das Ordnungsamt verstärkt kontrollieren oder wo sich die Dealer gerade befinden.
Dafür ist am Hohenzollernring bei der Substitutionspraxis umso mehr Betrieb. Einer der „Klienten“, wie Neumann und Sievers ihre Schützlinge nennen, hat auf dem Stuhl eines noch nicht geöffneten Lokals Platz genommen. Der Wirt kommt, nimmt seinen Stuhl und murmelt verärgert vor sich hin. Sievers meint, das sei einerseits verständlich. Andererseits: „Das Leben auf der Straße ist wahnsinnig anstrengend, die Menschen haben kaum Gelegenheit, sich auszuruhen, mal die Füße hoch zu legen. Jetzt hat er gerade gesessen, da wird er wieder vertrieben.“
Auch an diesem Ort ist ein Patient im Rollstuhl. Sein Fuß ist stark angeschwollen. Laut Sievers stammt das von einer früheren Verletzung. Der Mann müsste eigentlich zu einem Orthopäden, ist aber nicht krankenversichert. Beim MMD arbeiten zwar Internisten und Psychiater, aber es fehlt jemand mit speziellem orthopädischem Wissen. Sievers wünscht sich: „Wir bräuchten eine Liste mit Fachärzten, die bereit wären, diese Patienten kostenlos zu behandeln“.
Vor der Substitutionsambulanz steht Mexi, deren Name ebenfalls geändert wurde. Es scheint, als hätte sie auf Luca Neumann gewartet. Zur Begrüßung sagt sie: „Heute ist der Tag“. Damit meint sie den Tag, an dem sie sich für eine Alkohol-Therapie anmelden will. Mit Unterstützung von Neumann. „Wenn du sicher bist, gehe ich den Weg mit dir“, versichert die Sozialarbeiterin. Dieses Thema hätten sie wochenlang besprochen, doch Mexi war bislang nie völlig entschlossen. Heute ist sie es. Sie möchte es wagen. Zuerst der Alkohol. Später vielleicht auch die Drogen.
Mexi hat bereits einen Versuch hinter sich. Und landete erneut auf der Straße. Das passiert häufig. „Die wenigsten kommen da wieder raus“, stellt Dörthe Schmerkotte fest. Seit 25 Jahren ist sie als Stadtärztin für den MMD tätig. Die Betreuung von suchtkranken Personen sei im Prinzip eine palliative Maßnahme. Das Ziel ist nicht die Heilung, sondern die Milderung des Leidens.
Zu krank für die Straße, aber nicht krank genug fürs Krankenhaus
Unterstützung bietet hierbei die Krankenwohnung im „Notel“, betrieben von der Spiritaner-Stiftung. Sie liegt zusammen mit einer Notschlafstelle in der Victoriastraße, direkt neben dem Café Victoria. Dort bietet die Drogenhilfe Köln Essen, Treffen und Beratung an, und der MMD hat ein Ambulanzzimmer für Sprechstunden. Im Jahr 2025 wurden dort 108 Patienten aufgenommen und versorgt, es gibt sechs Betten. Am Salierring existiert ein vergleichbares Angebot für obdachlose Personen, das von der Diakonie getragen wird. Dort kam es zu 410 Behandlungskontakten bei 25 meist pflegebedürftigen Patienten.
Daniel Sänger, der die Krankenwohnungen der Spiritaner-Stiftung leitet, erklärt, die Plätze seien für Personen, die „zu krank für die Straße, aber nicht krank genug fürs Krankenhaus“ sind. Bei einer Grippe einfach einige Tage im Bett zu bleiben, ist auf der Straße nicht möglich, würde die Heilung aber enorm unterstützen.
„Und Durchfall möchte man auf der Straße auch nicht haben“, fügt Dörthe Schmerkotte hinzu. Die häufigsten Gründe für eine Aufnahme sind fiebrige Infekte, chronische Wunden sowie die Nachsorge nach einem Klinikaufenthalt. Alle Beteiligten sind sich einig: Gäbe es einen Wunsch, dann wären es mehr solcher Betten. Am besten barrierefrei, da die Krankenwohnung im vierten Stock ohne Lift liegt. Sänger stellt klar: „Wir haben eine steigende Not in der Stadt, wir müssen regelmäßig Gäste wegschicken.“
Dieser Not begegnen Luca Neumann und Mirko Sievers jeden Tag bei ihrer Arbeit. Dennoch lieben sie ihre Aufgabe, das spürt man. Es geht darum, Mitgefühl zu beweisen, betonen beide. Sie werden Sascha wohl nicht retten. Aber sie können hinschauen, zu ihm gehen und Unterstützung anbieten. Und sei es nur, seinen Rollstuhl auf die andere Seite der Straße zu schieben. (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
