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Kult-Lokale Teil 13 Enthüllt! Als Ali legte Günter Wallraff sogar Alekos rein

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EXPRESS-Redakteur Ayhan Demirci im Gespräch mit Günter Wallraff und Alexandros Eliotis (v.l.n.r.).

Köln – Kult-Lokale – die zweite Staffel! Nach dem „Lommerzheim“, dem „Hallmackenreuther“, dem „Marienbild“ und Co. startet EXPRESS erneut mit Geschichten aus den legendären Cafés, Bars und Gaststätten der Stadt.

Den Anfang macht die „Taverne Alekos“, einer der ersten Griechen überhaupt in Köln. Das Lokal eröffnete am 30. April 1974. EXPRESS traf den populärsten Stammgast der gemütlichen Taverne an der Venloer Straße.

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Die  Kult-Taverne von Alexandros Eliotis. Hier geht Günter Wallraff ein und aus.

An einem Tag, mutmaßlich 1983, in der Taverne Alekos in Ehrenfeld. Plötzlich schneit ein Türke im griechischen Lokal ein, stellt sich vor dem Wirt auf und fragt: Du mir 20 Mark wechseln?

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Ja, so sei das gewesen, erzählt der jetzt fast 80-jährige Alexandros, genannt Alekos Eliotis. „Den Günter habe ich damals nicht erkannt!“

Der Günter, das war damals Ali. Er trug einen schwarz gefärbten Schnauzer, dunkle Kontaktlinsen und eine pechschwarze Perücke und tat so, als könne er nur gebrochenes Deutsch.

Besuch der „Taverne Alekos“ diente Wallraff als Testlauf

Für Günter Wallraff (73), Deutschlands bis heute berühmtesten Enthüllungsjournalisten, war es die Rolle seines Lebens. Das Cover seines Mega-Bestsellers „Ganz unten“, der den verachtenden Umgang mit Gastarbeitern und ihre zum Teil schwerst gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen offenlegte, gehört zum Bilderkanon deutscher Geschichte.

Die Taverne Alekos eröffnete 1974, Wallraff, der damals wie heute in der Nachbarschaft wohnt, war ein Gast der ersten Stunde. Im EXPRESS-Gespräch erklärt er: „Es war für mich immer das einfachste, gleich um die Ecke zu gehen und im engeren Freundes- oder Bekanntenkreis den Test zu machen: Erkennt mich jemand? Funktioniert die Maskerade?“

Taverne Alekos

Venloer Straße 275

Gegründet: 1974

Betreiber: Katerina Eliotis

Publikum: Viele Leute aus dem Viertel

Auch als falscher „Bild“-Reporter Hans Esser machte Wallraff bei Alekos die Feuertaufe. Danach, nun seiner Sache sicher, konnte er sich an die Arbeit machen.

Je bekannter das Gesicht des Kölner Undercover-Journalisten und Unternehmerschrecks Günter Wallraff wurde, der bis dahin schon Firmen wie Gerling, Thyssen und Melitta ausgetrickst hatte, umso aufwendiger mussten seine Tarnungen werden. In bundesdeutschen Unternehmen kursierten damals Steckbriefe mit seinem Porträt.

Aber ein Testfeld für neue Identitäten, das war die Taverne an der Venloer Straße nur am Rande. Alekos, das war für den Ehrenfelder Wallraff nach einem langen Arbeitstag vor allem der Ort im Veedel, wo draußen noch Licht brannte, wenn es darum ging: wo kann ich jetzt noch hin?

Verlässliche Anlaufstelle zu später Stunde

„Früher war Alekos der einzige, der spät noch aufhatte“, erzählt Wallraff. Der Kölner und der Mann aus Kreta, das waren zwei, die sich verstanden. Es war die Zeit, als Udo Jürgens den „Griechischen Wein“ besang, von dem es auch bei Alekos reichlich gab, und dann das leckere Essen.

„Lange Zeit hatte ich dort zwei Lieblingsgerichte“, erzählt Wallraff und macht ein konzentriertes Gesicht: „Zum einen: Lamm im Topf mit grünen Bohnen. Und das zweite, genauso lecker: Grüne Bohnen mit Lamm im Topf!“

Wir schütteln uns vor Lachen, und beim Zeus, jetzt nehmen wir Fahrt auf für die kleinen, großen Geschichten, die das Leben hier in der Taverne schrieb. „Da hinten stand ein Flipper“, erzählt Alekos, „an dem hat Günter mit Wolf Biermann gespielt.“

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Den Journalisten Günter Wallraff verbindet eine langjährige Freundschaft mit Alexandros Eliotis.

DDR-Dissidenten- und Künstler-Taverne

Der DDR-Liedermacher war nach seinem Köln-Konzert in der Sporthalle 1976 vom SED-Regime ausgebürgert worden. Wallraff nahm ihn bei sich in Ehrenfeld auf. Einmal beim Flippern, als Biermann seine Fußspitze aufgestützt hatte, sagt Alekos, habe er gesehen, dass seine Sohlen Löcher hatten. „Diese Schuhe habe ich noch bis vor kurzem als Erinnerung aufbewahrt. Meine Frau hat sie leider vor kurzem weggeschmissen...“

Durch Biermann geriet das „Alekos“ gelegentlich zur DDR-Dissidenten- und Künstler-Taverne. Wallraff erinnert sich: „Die DDR hat Wolf Biermann alle seine Lieben, die Ausreiseanträge gestellt hatten, hinterher geschickt, kurz hintereinander, er hatte ja sehr verschachtelte Beziehungen und hat sich für alle verantwortlich gefühlt.“ Mutter Eva-Maria und Tochter Nina Hagen sind Gast bei Alekos (sie schenkt ihm eine Platte), und die Tochter von Regimekritiker Robert Havemann. Sie alle gehen zum kölschen Griechen. Wie schön ist das.

Kompliziert wird es mit dem Essengehen, als Wallraff sich des 1989 vom iranischen Ayatollah Khomeini wegen Beleidigung des Propheten zum Tode verurteilten Schriftstellers Salman Rushdie annimmt. Aber Wallraff macht’s. „Wir mussten das vorher bei den Sicherheitsbehörden anmelden, es galt Sicherheitsstufe 1. In der Taverne saßen Polizisten als Gäste getarnt vorne im Laden.“

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Wallraff, der Mann, der viel riskierte. Er kettete sich 1974 aus Protest gegen die griechische Militär-Diktatur an einen Lichtmast auf dem Athener Syntagma/Platz und verteilte Flugblätter – bis ihn die Sicherheitspolizei festnahm. Er wurde verurteilt und in Einzelhaft gesteckt und misshandelt. Erst mit dem Zusammenbruch der Militär/Junta kam er wieder frei. Mit seinem Kölner Alekos verband ihn auch die gemeinsame Opposition gegen das faschistische Regime in Hellas.

Alekos rettete Wallraffs Haus vor dem Feuertod

Zwei Jahre später deckte er Putschpläne des früheren portugiesischen Staatspräsidenten, General Spinola, auf – und geriet ins Fadenkreuz des Geheimdienstes. Seine Ehrenfelder Wohnung wurde in Brand gesteckt.

„Dir ist zu verdanken, dass mein Haus noch steht“, sagt Wallraff und fasst Alekos an der Schulter: „Du hattest aus dem Garten des Lokals gesehen, wie Rauch aus dem Dach quoll und die Feuerwehr gerufen. Meine Arbeitsräume standen in Flammen, und ich war nicht zu Hause. Durch dich war die Feuerwehr früh genug da, so dass nicht alles zerstört wurde.“

Das größte Kompliment des Tages gilt am Ende aber dem Gast und kommt vom Wirt: „Er ist ein so mutiger Kerl. Den Günter habe ich im Herzen.“

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