Der Begriff „Ballermannisierung“ sorgt in Köln für einigen Zündstoff.
Wird Köln der neue Ballermann?Chef von Bürgergemeinschaft: „Kontrolldefizit“

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Für diesen Uni-Wiesen-Besucher war an Weiberfastnacht früh Feierabend.
Aktualisiert
Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) hat mit seiner Ankündigung, Köln vor einer fortschreitenden „Ballermannisierung“ schützen zu wollen, eine kontroverse Diskussion in der Stadt entfacht. Der Begriff ist in diesem Zusammenhang nicht neu und das Problem ebenso wenig. Schon die Vorgänger von Burmester haben sich damit beschäftigt, ohne überzeugende Lösungen zu finden.
Was der OB genau meint, als er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von „klaren Regeln“ und „gezielten Kontrollaktionen“ sprach, blieb auf Nachfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zunächst unklar. Er betonte, es gehe ihm nicht um eine „flächendeckende Überwachung, sondern eine höhere Akzeptanz der Regeln in der Bevölkerung“. Ein Sprecher verwies auf die kommende Woche, in der die Stadt ihre Pläne für den Karneval vorstellen will.
Club-Betreiberin wirft Stadt „hohle Phrasen“ vor
Claudia Wecker, die den Studentenclub „Das Ding“ am Hohenstaufenring leitet, reagierte bereits via Instagram auf die Aussagen von Burmester: „Oh Mann! Wird es jemals eine Person in Verantwortung geben, welche aufhört, diese hohlen Phrasen zu dreschen?“
Sie wünscht sich jemanden, der „eine vernünftige Lösung der gesamten Ballermann-Problematik an der Wurzel packt“ und „vernünftige Angebote für die jungen Leute schafft“. Wenn man junge Menschen einfach auf der Straße abstelle, würden diese eben nicht „sicher nicht brav Mäh“ machen. Weckers Vorwurf an die Stadt: „Kein Angebot. Kein Verständnis. Nur leere Worte und Zäune.“
An die jungen Feiernden richtete die Clubchefin einen Appell: „Geht vernünftig feiern. Kennt euer Limit. Passt gut aufeinander auf und lasst nicht zu, dass die Verantwortlichen ihre unverantwortliche Unfähigkeit, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen, dazu nutzen, euch als Sauftouristen zu diffamieren.“
Burmester hatte zuvor gesagt: „Es ist etwas Schönes, wenn Menschen nach Köln kommen, weil sie das Feiern hier schätzen.“ Die Stadt sei stolz auf ihre Geselligkeit. Angesichts von Großereignissen wie Silvester und Karneval, zu denen viele Feiernde gezielt anreisen, ergänzte der OB jedoch: „Dass wir das nicht in die Ballermannisierung laufen lassen dürfen, ist aber auch klar. Es gibt kein Recht darauf, hier Dinge zu tun, die man in der eigenen Heimatstadt nicht tun dürfte.“ Ziel müsse es sein, Feiern zu ermöglichen, ohne dass Sicherheit, Sauberkeit und Rücksichtnahme verloren gingen.
Kulturmanager: „Positive Phänomene“ nicht bekämpfen
Köln müsse sein „kulturelles Potential“ besser nutzen, anstatt sich nur über negative Auswüchse aufzuregen, erklärt Kulturmanager Jan Krauthäuser. Positive Phänomene wie die jugendliche Feierkultur sollte man zum Beispiel nicht als „Ballermannisierung“ bekämpfen, „sondern mehr Raum und Mitsprache anbieten.“ Er veranstaltet seit den 1990er-Jahren die Humba-Party, um die kulturelle Vielfalt Kölns in den Karneval zu integrieren.
Natürlich gebe es Auswüchse beim Feiern, die eine Stadt nicht dulden sollte – wie Aggression, Vermüllung oder „rücksichtslose Kommerzialisierung“. In der Vergangenheit sei allerdings „die Entwicklung der Feierkultur durch angstbesetztes Überregulieren verhindert worden“, meint Krauthäuser. So habe der Runde Tisch Straßenkarneval Konzepte zur Entzerrung entwickelt, „die von der Stadtverwaltung einerseits begrüßt, dann aber leider nie umgesetzt wurden“.
„Kontrolldefizit in Köln“
Joachim A. Groth, Vorsitzender der Bürgergemeinschaft Altstadt, sieht hingegen „ein Kontrolldefizit“. Zwar gebe es „diverse ordnungsrechtliche Vorschriften, man muss allerdings die Bereitschaft entwickeln, diese auch umzusetzen“. Die wichtigste Frage für ihn sei, welche Vision die Stadt habe: „Wohin will sie? Welches Leitbild dient den Entscheidern in Politik und Verwaltung?“ Groth verweist auf das kulturelle Erbe wie den Dom und die Via Culturalis. „Wer dieses historische Erbe endlich als einmaliges Geschenk begreift, entwickelt auch eine andere Haltung zu seiner Stadt.“ Nur so könnten Probleme wie die von Burmester so genannte Verballermannisierung erfolgreich bekämpft werden.
Eine Feierkultur im ursprünglichen Sinn existiere längst nicht mehr, so Groth. In den 1990er-Jahren sei der Karneval in der Altstadt noch ein Fest für die Kölnerinnen und Kölner gewesen. Heute sei er „ein international vermarktetes Event, das das gesamte Viertel verändert hat“.
Zwei Dutzend Kioske zwischen Hohe Straße und Rheinufer, diverse Massenveranstaltungen, Fast-Food-Betriebe und Airbnb-Wohnungen „haben die innerstädtische Sozialstruktur gefährdet“. Nimmt man die Drogenproblematik und die marode Infrastruktur hinzu, könne die Stadt ihre eigentlichen Funktionen nicht mehr erfüllen. „Es braucht eine klare Haltung – ein Bewusstsein für den Wert unserer Stadt“, fordert Groth. (red)
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