Saufen, Schunkeln, Sex – und nach der Karnevalsfeier zum Arzt? Die urologischen Praxen im Rheinland füllen sich. Ein Facharzt warnt nun bei EXPRESS.de, dass es immer häufiger zu sexuell übertragbaren Infektionen bei den Jecken kommt.
Urologe warnt an Karneval„Sexuell übertragbare Infektionen deutlich zugenommen“

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Weiberfastnacht 2026 auf der Zülpi: Nicht wenige Jecke besuchen nach den tollen Tagen die urologischen Praxen.
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Karneval – das ist die Zeit des Feierns, des Flirtens, des Zusammenkommens. Schunkeln, Singen und Sex. Wenn der Alkohol fließt, dann fallen auch gern die Hemmungen – und viele Jecke werden gern auch mal risikobereiter.
Eine Tatsache, die aktuell auch viele Urologinnen und Urologen in den Praxen im Rheinland spüren. Denn kaum ist Weiberfastnacht zu Ende – und damit der Beginn des Straßenkarnevals – werden auch die Sprechstunden voller.
„Anstieg von Patienten mit Verdacht auf sexuell übertragbare Infektionen“
„In den urologischen Praxen ist in den Tagen und Wochen nach Karneval tatsächlich ein Anstieg von Patientinnen und Patienten mit dem Verdacht auf sexuell übertragbare Infektionen spürbar“, erklärt Dr. Philipp Spiegelhalder, niedergelassener Urologe aus einer Gemeinschaftspraxis mit Sitzen in Mettmann, Erkrath und Hilden, auf Nachfrage von EXPRESS.de. Spiegelhalder ist außerdem Vorsitzender des Urologennetz Region Düsseldorf.
Erst Kölsch, dann Knutschen, dann Chlamydien. Es seien, erklärt der Facharzt, besonders häufig Männer, die über Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen berichten. „Auf gezielte Nachfrage zeigt sich dann nicht selten, dass es im Rahmen der Feierlichkeiten zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen ist“, so Spiegelhalder. Am häufigsten würden dabei tatsächlich Chlamydien diagnostiziert, gefolgt von Gonorrhoe (Tripper) und Syphilis (Lues).
Jecke sind risikobereiter als noch in den 1980er-Jahren
Interessant: „Während Männer aufgrund der akuten Symptomatik meist zeitnah eine urologische Praxis aufsuchen, sind Frauen häufiger weniger symptomatisch oder wenden sich primär an ihre gynäkologische Praxis“, so der Urologe weiter.
Doch warum nutzen viele junge Menschen kein Kondom? Sind die Jecken risikobereiter als noch vor 30 oder 40 Jahren? Ja, sagt der Urologe. Eine Veränderung im Risikoverhalten sei auffällig. Und das hat einen Grund. „Während in den 1980er- und 1990er-Jahren der Gebrauch von Kondomen aus Angst vor einer HIV-Infektion für viele selbstverständlich war, hat diese Konsequenz seit der Etablierung hochwirksamer antiretroviraler Therapien deutlich nachgelassen“, so der Facharzt.
HIV sei heute gut behandelbar, die dramatischen Prognosen von einst (Stichwort: Aids) gebe es bei konsequenter Therapie nicht mehr. Eine echte Erfolgsgeschichte, die aber – unbeabsichtigt – zu einer unschönen Entwicklung geführt habe: Dass das Schutzverhalten insgesamt weniger strikt geworden ist.
Kondome schützen auch vorsexuell übertragbaren Infektionen
„Kondome werden seltener konsequent verwendet, insbesondere bei Gelegenheitskontakten“, erklärt Urologe Spiegelhalder. Dabei werde aber häufig übersehen, dass HIV zwar behandelbar, aber weiterhin nicht heilbar ist – „und dass Kondome nicht nur vor HIV, sondern ebenso vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen, die in den vergangenen Jahren wieder deutlich zugenommen haben“.
Das habe zur Folge, dass selbst Erkrankungen wie Syphilis, die im Medizinstudium lange als Rarität galten, inzwischen wieder regelmäßig diagnostiziert werden. „Entscheidend bleibt die frühzeitige Diagnostik und Therapie, um Komplikationen und mögliche Langzeitfolgen zu verhindern.“
Neben den sexuell übertragbaren Krankheiten gibt es natürlich auch andere „typische“ Karnevals-Krankheiten. Auch klassische Harnwegsinfekte spielen während der jecken Zeit eine Rolle. „Insbesondere Frauen trinken aus Sorge vor verschmutzten Toiletten oft weniger oder halten den Urin länger zurück. Dadurch wird der natürliche Spüleffekt der Blase vermindert, sodass sich Bakterien leichter vermehren können“, erklärt Spiegelhalder. Dabei seien Frauen aufgrund der anatomisch kürzeren Harnröhre grundsätzlich anfälliger für Blasenentzündungen, entsprechend seien Beschwerden nach Karneval bei ihnen keine Seltenheit.
Wie groß ist die Gefahr auf den Dixie-Klos?
Und wie sieht es mit öffentlichen Klos aus? Wie groß ist die Gefahr, sich in Dixie-Klos anzustecken? Der Urologe gibt Entwarnung: Öffentliche oder mobile Toiletten seien nur selten eine direkte Infektionsquelle. „Stark verschmutzte Anlagen sollten selbstverständlich gemieden werden, das Risiko einer Ansteckung über die Toilettenbrille ist jedoch insgesamt gering“. Viele Menschen decken beispielsweise die Klobrille mit Papier ab oder nehmen Desinfektionstücher mit, das sei laut dem Arzt ausreichend. „Auch das gelegentliche Wasserlassen im Stehen ist kurzfristig unproblematisch.“

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Blick auf die mobilen Klos am Chlodwigplatz am Tag nach Weiberfastnacht. Hier hatten Tausende den Auftakt des Straßenkarnevals gefeiert.
Wenn die Temperaturen wieder sinken wie am Karnevalswochenende haben viele Jecke auch Angst vor einer möglichen Blasenentzündung. Auch hier kann Dr. Philipp Spiegelhalder Entwarnung geben. „Kälte allein verursacht keine Blasenentzündung. Zwar kann niedrige Temperatur die Durchblutung vorübergehend beeinträchtigen und die lokale Immunabwehr schwächen, sie ist jedoch nicht die eigentliche Ursache eines Infekts.“
Erst wenn bereits Bakterien vorhanden seien, könne Kälte den Ausbruch begünstigen, aber nicht aus dem Nichts eine Infektion hervorrufen. „Eine dem Wetter angepasste Kleidung ist sinnvoll – auf das passende Karnevalskostüm muss jedoch aus urologischer Sicht niemand verzichten.“ Hauptsache, in diesem Karnevalskostüm stecken im Notfall auch noch ein paar Kondome!


