1. Februar 1938 Warum dieses Bild in die Geschichte des Kölner Karnevals einging

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Jungfrau Paula Zapf 1938 an der Seite von Prinz Peter Hubert Schupp und Bauer Johannes Wiesbaum (v.l.). Das Foto war Titelbild der „Kölnischen Illustrierten Zeitung“. 

Köln – Für die einen ist es eine Sensation, für die anderen ein Umsturz. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kölner Karnevals soll den kölschen Jecken eine Frau in der Rolle der Jungfrau im Dreigestirn präsentiert werden. In dieser Frage muss sich der Festausschuss am 1. Februar 1938 den Forderungen der Nazis beugen.

NS-Regime setzt Frau als Jungfrau durch

Ihre „weibliche Lieblichkeit, die beschützende Mutter Colonia“, steht dem Bauer im Dreigestirn seit 1870 zur Seite. Und wird seither von einem Mann verkörpert. Im Februar 1938 allerdings schlüpft die 19-jährige Paula Zapf aus Nippes in das Kostüm der Jungfrau.

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Im ehrwürdigen Gürzenich wird sie mit Prinz und Bauer proklamiert – und von den Jecken brav mit Hochrufen und Applaus begrüßt. Ausgewählt hat sie der Festausschuss und die NS-Massenorganisation „Deutsche Arbeitsfront“.

NS-Oberbürgermeister Karl Georg Schmidt huldigt ihr in Versform: „Vielholde Jungfrau, Zierde aller Frauen, du bist in Wahrheit lieblich anzuschauen, denn diesmal bist du kein verkappter Mann, solch Schönheit nur die Frau uns schenken kann.“

Homosexualität und Transvestitismus unerwünscht

Verantwortlich für diesen Umsturz ist die NSDAP, genauer gesagt Gauleiter Josef Grohé, der Thomas Liessem, Präsident des Festausschusses drängt, die Rolle der Jungfrau mit einer Frau zu besetzen.

Dass die Jungfrau seit den Anfängen des organisierten Karnevals von Männern dargestellt wurde, für Grohé ist dies nicht von Bedeutung. Männer in Frauenkleidern – das riecht nach Homosexualität und irgendwie, auf verquere Weise, nach Abwertung des deutschen Mannes. Basta!

Mariechen_1937_180131

„Zurück zur Natur“ – die Nazi-Propaganda setzt 1937 das Verbot von verkleideten Männern als Funkemariechen durch.

Deshalb hat man die Karnevalsgesellschaften schon 1935 angewiesen, „richtige“ Frauen als Funkenmariechen tanzen zu lassen. Dass auch die Regimentstöchter seit jeher verkleidete Männer sind – egal.

In den Augen der Nazis stellen tanzende Kerle eine bedenkliche Nähe zum Transvestitismus dar. Die Ablösung der „männlichen“ Jungfrau ist daher die logische Konsequenz in der Vereinnahmung des Karnevals durch die nationalsozialistische Politik.

Prinz eifersüchtig auf die Jungfrau

Prinz Peter Hubert I. ist wenig begeistert von der weiblichen Jungfrau, die im wahren Leben an der Hemdenausgabe im Unternehmen Bierbaum-Proenen arbeitet. „Er ist auf den Applaus, den man ihr zollt, eifersüchtig“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. „Ich bin doch nicht die Staffage für die Jungfrau“, soll er erbost getobt haben.

In den Karnevalsgesellschaften ist vom erneuten Traditionsbruch die Rede – und damit hat es sich dann auch. Schließlich fördern die Nationalsozialisten den Karneval, werben im Ausland für die „Deutsche Festnacht“.

Werbung zieht Besucher an

Die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ verkauft Zugtickets und Eintrittskarten zum verbilligten Preis, am Hauptbahnhof werden Narrenkappen für die Touristen angeboten. Die Werbung zieht: 1938 meldet Köln eine Million Besucher am Rosenmontag, 1939 sogar 1,5 Millionen – da steckt übrigens mit Else Horion wieder eine Frau im jungfräulichen Ornat.

1940 gibt es noch ein inoffizielles Dreigestirn, das aber nur einmal auftritt: Bei seiner heimlichen Proklamation auf der Kegelbahn in einer Wirtschaft. Wieder ist die Jungfrau eine Frau – diesmal die 19-jährige Elfriede Figge.

Nach Kriegsende wieder männliche Jungfrau

Bis 1945 setzt der Zweite Weltkrieg dem Karneval ein Ende. Danach wird die weibliche Jungfrau wieder abgeschafft. Nur die Mariechen bleiben „lecker Mädche“ – das Auge feiert schließlich mit.

Die „Traditionsgemeinschaft ehemaliger Prinzen, Bauern und Jungfrauen“ hat die weiblichen Jungfrauen von damals übrigens nie in ihre Reihen aufgenommen.

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(exfo)

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