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Fast 40 Mal die WocheTrend geht in Köln nur in eine Richtung

Gen Z Demo in Köln, es werden Bengalos gezündet

Copyright: Laura Schmidl

Versammlung der Initiative „Gen Z regelt“ in Köln, es werden Bengalos gezündet. (Archivbild)

Warum es in Köln immer mehr Demos gibt – und wer die Folgen besonders zu spüren bekommt.

Fast 40 Versammlungen pro Woche – so oft gehen die Menschen in Köln im Schnitt auf die Straße. Und es werden immer mehr. Die Anlässe sind ganz unterschiedlich: Ob gegen Rechtsextremismus, für Klimaschutz, internationale Konflikte. Mal stehen nur eine Handvoll Leute zusammen, mal sind es Tausende. Besonders große Demonstrationen ziehen regelmäßig durch die Innenstadt.

Wie das aussehen kann, zeigte zuletzt das Halloween-Wochenende. Mehrere Tausend junge Menschen kamen zur Versammlung der Initiative „Gen Z regelt“ ans Konrad-Adenauer-Ufer. Nach dem offiziellen Ende kam es zu Ausschreitungen zwischen der Polizei und einer Gruppe von Protestlern. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und hielt bis zu 1000 Menschen fest. Im angrenzenden Kunibertsviertel knallten in den Abendstunden immer wieder Böller, Straßen blieben stundenlang blockiert.

Mehr als dreimal so viele Demos wie vor acht Jahren

Für die einen ist das gelebte Demokratie. Für andere bedeutet es Umsatzeinbußen, gesperrte Wege und Mühe, überhaupt noch in die Innenstadt zu kommen.

Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Köln und Leverkusen 2031 Versammlungen – 15 Prozent mehr als 2024. Zum ersten Mal wurde damit die Marke von 2000 geknackt.

Die Entwicklung läuft schon seit Jahren in diese Richtung: 2017 zählte die Kölner Polizei in ihrem Zuständigkeitsbereich noch 644 Versammlungen, 2020 waren es bereits 1459. Zwischen 2021 und 2024 lag die Zahl auf einem vergleichsweise hohen Niveau, nämlich zwischen 1657 und 1764. Unterm Strich heißt das: Innerhalb von acht Jahren hat sich die Zahl der Versammlungen mehr als verdreifacht.

Kriege und Krisen treiben die Kölner auf die Straße

Auch dieses Jahr bleibt die Zahl hoch. Bis zum 4. November wurden in Köln und Leverkusen bereits 1824 angemeldete Versammlungen durchgeführt. Dazu kommen Spontan- und Eilversammlungen beziehungsweise nicht angezeigte Versammlungen – auf Nachfrage unserer Redaktion nennt die Polizei dafür bislang etwa 50.

Woran liegt das? Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns sieht einen Grund in den zunehmenden kriegerischen Konflikten in der Welt. Sie lösten auch in Köln immer wieder Proteste und Kundgebungen aus, sagte er im Frühjahr, als die Zahlen für 2025 vorgestellt wurden.

Hermanns macht keinen Hehl daraus, was das bedeutet: „Das ist für uns eine personelle Belastung.“ Und weiter: „Aber auch für die Bürger, weil teilweise ganze Stadtbereiche an einzelnen Tagen lahmgelegt werden.“

Zehntausende bei Großdemos in Köln

Ob Klima, Rechtsextremismus oder AfD: Köln war in den vergangenen Jahren aus ganz unterschiedlichen Anlässen Schauplatz großer Proteste.

Zum Klimastreik von „Fridays for Future“ im September 2019 strömten nach Polizeiangaben zwischen 30.000 und 40.000 Menschen in die Innenstadt. Seit 2024 brachten zudem mehrere Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und die AfD Zehntausende auf die Beine. Allein bei einer Kundgebung auf dem Hohenzollernring im Januar 2025 zählte die Polizei rund 40.000 Menschen.

Immer wieder füllte sich auch die Deutzer Werft. Rund 15.000 Menschen versammelten sich laut Polizei am Rheinufer, um die Freilassung des inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan zu fordern. Etwa 10.000 Teilnehmer kamen im November 2024 zu einer weiteren kurdischen Kundgebung. Und beim kurdischen Neujahrsfest „Newroz“ im März 2025 sprach die Polizei sogar von mehreren Zehntausend Menschen.

Keine Obergrenze: So läuft eine Demo-Anmeldung

Geschützt ist das Recht, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln, durch Artikel 8 des Grundgesetzes – eine Versammlung liegt grundsätzlich schon vor, wenn mindestens zwei Menschen zur gemeinsamen Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung zusammenkommen. Anders als oft gedacht, brauchen Demonstrationen keine Genehmigung, unter freiem Himmel gilt aber eine Anzeigepflicht.

Aufgelöst werden könne eine Versammlung durch die Behörde nur, „wenn ihre Durchführung die öffentliche Sicherheit unmittelbar gefährdet und die Gefahr nicht anders abgewehrt werden kann“, so die Kölner Polizei. Wie viele Versammlungen pro Jahr an einem Ort stattfinden dürfen, ist nicht begrenzt – eine Obergrenze gibt es nicht.

Und die Anwohner? Um sie zu entlasten, setzt die Behörde nach eigenen Angaben auf Gespräche mit den Veranstaltern und auf Auflagen. Das kann etwa eine Lautstärkegrenze von 85 dB sein oder der Einsatz von Ordnern, damit alles geregelt abläuft. Allerdings haben Gerichte immer wieder klargestellt: Störungen, zum Beispiel im Verkehr, müssen Bürgerinnen und Bürger meist hinnehmen. Denn die Versammlungsfreiheit wird sehr hoch gewichtet.

Demo-Boom bindet viele Polizeikräfte

Jeder Demonstrationszug muss begleitet werden, Straßen werden zeitweise gesperrt, mögliche Konflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen müssen verhindert werden – vor allem dann, wenn zeitgleich eine oder mehrere Gegendemonstrationen angemeldet sind.

Für die Polizei bedeutet das einen erheblichen organisatorischen und personellen Aufwand. Und nebenbei läuft das reguläre Polizeigeschehen ganz normal weiter, um das sich die Einsatzkräfte parallel kümmern müssen.

Wie hoch der konkrete personelle und finanzielle Mehraufwand durch die steigenden Versammlungszahlen ist, sagte die Kölner Polizei nicht. Abgerechnet wird mit dem Innenministerium, denn die eingesetzten Kräfte werden von der Landesoberbehörde zugeteilt.

Kneipen und Restaurants: Die Gäste bleiben weg

Polizei und Verkehrsteilnehmer sind aber nicht die Einzigen, die große Demonstrationen zu spüren bekommen. Auch Einzelhandel und Gastronomie können sie Probleme bereiten – besonders an den umsatzstarken Samstagen.

Christoph Becker, Geschäftsführer und Sprecher des Dehoga Nordrhein, schildert das Muster: Bei größeren Demos weisen Polizei und Stadt regelmäßig auf mögliche Verkehrsbehinderungen hin. Besucher würden mitunter aufgefordert, die Innenstadt möglichst zu meiden oder auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Genau solche Hinweise können nach Ansicht des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) weitreichendere Folgen haben als die eigentlichen Straßensperrungen.

„Obwohl die Demonstrationen nur einen begrenzten Teil des Stadtgebiets betreffen, führen die Warnungen und Aufrufe im gesamten Stadtgebiet zu einem reduzierten Besucheraufkommen“, kritisiert Becker. Längst nicht alle Restaurants, Cafés und Kneipen seien gleichermaßen von den Einschränkungen betroffen.

Sein Vorschlag: „Sinn würde daher aus unserer Sicht detaillierte Hinweise der Ordnungsbehörden machen, damit Besucher nicht gänzlich ausbleiben, sondern nur die betroffenen Gebiete meiden.“ Wie hoch die wirtschaftlichen Einbußen durch Demonstrationen tatsächlich ausfallen, lässt sich aus den Schilderungen der Gastronomen allerdings nicht beziffern. (red)