Missbrauch in der Kirche Nach Gutachten: Bekannter Kölner Weihbischof zieht Konsequenz

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Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, hier im Februar 2021 im Kölner Dom, hat die nächtse personelle Konsequenz nach der Veröffentlichung des Missbruchsgutachten im Erzbistum Köln gezogen.

Köln – Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat erste personelle Konsequenzen aus dem Gutachten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in seinem Erzbistum gezogen. Weihbischof Dominikus Schwaderlapp wurde bereits beurlaubt. Am Tag drauf, Freitag (19. März), ist der nächste Geistliche aus dem Erzbistum Köln von seinen Pflichten entbunden worden.

  • Sexueller Missbrauch: Kölner Kardinal Woelki reagiert auf Gutachten
  • Kölner Erzbischof zieht personelle Konsequenzen
  • Kardinal Woelki spricht von „Vertuschung“

Woelki entband unmittelbar nach der Vorstellung seinen Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und den Leiter des Erzbischöflichen Gerichts, Offizial Günter Assenmacher, wegen Pflichtverletzungen mit sofortiger Wirkung vorläufig von ihren Ämtern. Woelki sprach von "Vertuschung" in seinem Bistum.

Weihbischof Dominikus Schwaderlapp (53) ragierte deutlich: Er hat Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. „Die Untersuchung hält ernste Versäumnisse fest, die ich zu verantworten habe“, erklärte Schwaderlapp in einer persönlichen Stellungnahme.

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Kardinal Rainer Maria Woelki und Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof in Köln

Sein enges Vertrauensverhältnis zum früheren Kölner Kardinal Joachim Meisner wird Weihbischof Dominikus Schwaderlapp dabei zum Verhängnis. Er war bis 2012 acht Jahre lang Generalvikar unter dem ehemaligen Kölner Erzbischof. 

Kardinal Woelki in Gutachten entlastet

Woelki wollte eigentlich erst am kommenden Dienstag Konsequenzen aus dem Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke ziehen. Während Schwaderlapp in acht Fällen konkrete Pflichtverletzungen begangen haben soll, soll Assenmacher in zwei Fällen eine unzutreffende Rechtsauskunft abgegeben haben. Woelki selbst wurde in dem Gutachten entlastet.

Köln: Weihbischof Ansgar Puff nach Missbrauchsgutachten beurlaubt

Als Konsequenz aus dem am Donnerstag (18. März) vorgestellten Missbrauchsgutachten ist ein weiterer Kölner Bischof vorläufig beurlaubt worden. Weihbischof Ansgar Puff habe Kardinal Rainer Maria Woelki selbst darum gebeten, teilte das Erzbistum Köln am Freitag (19. März) mit.

Woelki sagte, in Köln hätten sich „höchste Verantwortungsträger“, darunter mit den Kardinälen Joachim Meisner und Joseph Höffner seine beiden Vorgänger, schuldig gemacht. „Sie haben nicht sanktioniert, sondern verzögert oder den Schutz der Betroffenen nicht beachtet.“ Es spreche Bände, dass Laien in Köln bei Missbrauchsvorwürfen immer schnell und konsequent bestraft worden seien, Priester aber nicht - „das berührt mich und beschämt mich auch zutiefst“.

Kölns Kardinal gab Gutachten in Auftrag

Der Strafrechtler Björn Gercke hatte am Donnerstag ein brisantes Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch vorgestellt. Kardinal Rainer Maria Woelki hatte den Juristen damit beauftragt. Ein erstes Gutachten hatte Woelki nicht veröffentlicht. Er begründete das mit rechtlichen Bedenken.

Gercke hat vorab mitgeteilt, dass seine im Jahr 1975 beginnende Untersuchung mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte aufführt. Woelki hat ihn beauftragt, Verantwortliche namentlich zu benennen - gegebenenfalls auch ihn selbst.

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Polizeipräsenz vorm Kölner Maternushaus: Hier fand die Pressekonferenz zum Gutachten statt.

Björn Gercke hat die Aktenführung des Bistums als äußerst mangelhaft kritisiert. „Wir haben erhebliche Mängel im Hinblick auf die Organisation des Aktenbestands sowie der Aktenführung im Erzbistum festgestellt. Wir haben bei einigen Akten den Eindruck gewonnen, dass Aktenbestandteile fehlten, da die Verfahrensführung nicht nachvollziehbar war“, sagte er.

Gerckes Gutachten umfasst 800 Seiten.  Die Auswertung der Akten von 1975 bis 2018 habe unter anderem ergeben, „dass sich Jahrzehnte offenbar niemand getraut hat, solche Fälle zur Anzeige zu bringen“, kritisierte Gercke.

Sexueller Missbrauch in Köln: Gutachten dreht sich um Verantwortliche

Der Fokus des Gutachtens liegt nicht auf den Tathergängen, sondern auf dem Agieren der Bistumsleitung. „Es geht uns nicht darum „Was hat Priester X dem Kind Y angetan?“, sondern „Haben Kardinal, der Generalvikar, sonst ein Bistumsverantwortlicher richtig gehandelt?“, sagte Gercke dem „Kölner Stadt-Anzeiger„. Dabei seien „Pflichtverletzungen noch lebender Akteure“ auch auf höchster Ebene festgestellt worden.

Bekannt ist, dass das erste Gutachten das Verhalten des früheren Kölner Personalchefs Stefan Heße - heute Erzbischof von Hamburg - kritisch beurteilt. Heße bestreitet die Vorwürfe.

Sexueller Missbrauch im Erzbistum Köln: Kardinal Woelki will durchgreifen

Woelki hat gesagt, er wolle Führungskräfte des Erzbistums eventuell vorläufig von ihren Aufgaben entbinden, falls sie durch das neue Gutachten belastet werden sollten. „Sofern es mich betrifft, habe ich bereits erklärt, dass ich mich den Ergebnissen der Untersuchung stellen werde“, versprach er. „Dasselbe erwarte ich aber auch von anderen.“ Vertuschung oder Mauschelei dürfe es in Zukunft nicht mehr geben. Erste Konsequenzen aus dem Gutachten sollen bereits am Dienstag (23. März) vorgestellt werden.

Woelki ist in einem Fall selbst im Visier. Er soll den mittlerweile gestorbenen Düsseldorfer Pfarrer Johannes O. geschont haben, dem der Missbrauch eines Kindergartenjungen Ende der 1970er-Jahre zur Last gelegt wird. Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, entschied er sich, nichts gegen O. zu unternehmen. Seine Begründung dafür: O. sei aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz „nicht vernehmungsfähig“ gewesen.

Das Zurückhalten des ersten Gutachtens löste im größten deutschen Bistum eine Vertrauenskrise aus. Schon seit Monaten ist es äußerst schwierig, einen Termin für einen Kirchenaustritt zu bekommen. Sogar der ehemalige Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums, Oliver Vogt, trat aus Enttäuschung über den Umgang mit Missbrauch aus der Kirche aus.

Sexueller Missbrauch in Köln: Staatsanwalt ermittelt

Anfang dieses Monats hat das Erzbistum nun angekündigt, das erste Gutachten ab dem 25. März doch zur Einsicht auszulegen. Dies gelte für „Betroffene, Medienvertreter und die interessierte Öffentlichkeit“.

Der Kölner Staatsanwaltschaft liegt das erste Gutachten schon länger vor. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen, doch bisher wurden keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Ermittlungen gefunden. Dafür seien die Taten schon zu lange her, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Auch bei Kardinal Woelki persönlich sieht die Staatsanwaltschaft kein strafrechtlich relevantes Verhalten. Nach Angaben von Gercke liegt mittlerweile auch das neue Gutachten bereits bei der Staatsanwaltschaft. (dpa)

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