Nazi-Vordenker Kölns OB Reker feiert Schulneubau – doch der Name ist umstritten

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Auf dem Neubau-Areal der Ernst-Moritz-Arndt-Schule in Sürth: OB Henriette Reker bei der Ansprache zur Grundsteinlegung.

Köln – Hammer, Kelle, Mörtel – und eine eingemauerte Kapsel mit Kinderbriefen, Münzen und Zeitungen: Der Grundstein zum Neubau der architektonisch ansprechenden und 31 Millionen Euro teuren Ernst-Moritz-Arndt-Grundschule (EMA) auf dem Sürther Feld ist gelegt – und damit der Auftakt zu einem der größten Schulzentren Kölns.

Neben der neuen integrativen Grundschule für 500 Schüler (soll in zwei Jahren fertig sein) wird bald die neue Offene Schule Köln, eine private inklusive Gesamtschule für rund 365 Kinder und Jugendliche gebaut.

In Sichtweite steht die Gesamtschule Rodenkirchen mit 1200 Schülern. Macht also rund 2000 Schüler und rund 300 Lehrerinnen und Lehrer auf einem Areal, auf dem auch noch die Bezirkssportanlage mit dem Turnverein Rodenkirchen liegt.

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OB Henriette Reker packt die Zeitkapsel für den Grundstein, links Polier und Fotografen.

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Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Das ist ein Zeichen, dass der Kölner Schulbau wirklich weitergeht. In diesem Jahr werden wir 275 Millionen Euro in den Schulbau investieren. Das ist doppelt so viel wie im letzten Jahr.“

Kölns OB betonte die Grundhaltung der Stadt Köln: „Bildung muss oberste Priorität haben. Durch die Türen der Schulen geht unsere Zukunft. Und so müssen die Schulen auch aussehen.“

Behält die Kölner Ernst-Moritz-Arndt-Schule ihren Namen?

Doch wird die EMA (jetziger Standort an der Mainstraße) auch nach ihrem Umzug 2022 noch Ernst-Moritz-Arndt-Schule heißen?

Der Schriftsteller, der 1860 in Bonn mit 90 Jahren starb, war „ein deutscher nationalistischer und demokratischer Schriftsteller, Historiker und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung“, wie Wikipedia schreibt.

Die Kritik an ihm ebbt nicht ab, denn viele seiner Passagen sorgen heute noch für Entsetzen. Prägnant sind seine Äußerungen über das deutsche Volk, etwa: „Die Deutschen sind nicht durch fremde Völker verbastardet, sie sind keine Mischlinge geworden, sie sind mehr als viele andere Völker in ihrer angeborenen Reinheit geblieben.“

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In Deutschland sind viele Einrichtungen und Straßen nach ihm benannt: Ein Denkmal für Ernst Moritz Arndt steht im Hof des Katharinenklosters in Stralsund.

Ebenso warnte Arndt vor zu engem Kontakt mit dem Judentum und verbreitete Hass gegen das französische Volk.

Die Nationalsozialisten sollen Arndt als ihren Vordenker betrachtet haben. Seit 1933 führte ihn die Universität Greifswald in ihrem Namen, 2018 wurde EMA nach langer Diskussion entfernt. Im Januar 2020 wurde auch in Leipzig beschlossen, die Arndtstraße umzubenennen. Als Grund wurden „antisemitische, rassistische, nationalistische, frankophobe und militaristische Tiraden“ Arndts angeführt.

Auf der Homepage der Rodenkirchener Ernst-Moritz-Arndt-Schule wird über den Namensgeber aufgeklärt.

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So wird die neue fünfzügige Grundschule aussehen: Helle, moderne Architektur, viel Luft und Licht.

Dort heißt es, für Kinder verständlich: „Als Erwachsener war er Professor in Bonn. Er hat dazu beigetragen, dass die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Ernst Moritz Arndt hat viele Dinge gesagt, die wir heute gut finden. Er hat aber auch Dinge gesagt, die wir heute nicht richtig finden und nicht mehr so sagen würden. Vieles, was er zu den Juden aufgeschrieben hat, sehen wir aus unserem geschichtlichen Wissen heute anders.“

Kölner Grundschule klärt über Ernst Moritz Arndt auf

Sogar ein „Pro & Contra" zweier Autoren zu einer Umbenennung (in diesem Fall eine Schule in Remscheid) ist dort zu finden.

„Es kann nicht sein, dass eine moderne Bildungsanstalt nach einem Mann benannt ist, der sich heute wegen seiner Äußerungen wegen Volksverhetzung vor Gericht verantworten müsste”, heißt es von der einen Seite.

„Wir lasen seine Texte. Uns wurde schlecht", schreibt ein anderer. Argumentiert jedoch: „Wer die EMA umtauft, beraubt sie ihrer komplexen Geschichte und die Schüler der Chance, sich mit dieser Geschichte stets aufs Neue auseinanderzusetzen."

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Schulleiterin Ute Kochsiek brachte bei der Grundsteinlegung stellvertretend für die Schulklassen deren Maskottchen mit. Derzeit hat die EMA in der Mainstraße 276 Plätze.

Frage an die Schulleiterin Ute Kochsiek: Wäre jetzt nicht die Gelegenheit, bei einem Neubau darüber nachzudenken, den umstrittenen Namensgeber abzulegen?

„Man kann überlegen, ob man das machen möchte. Erstmal sind wir mit dem Namen noch zufrieden. Im Moment gibt es die Überlegungen noch nicht", so Kochsiek zum EXPRESS. Es gebe derzeit, besonders durch die Corona-Pandemie, wichtigere Probleme. Aber die Schulleiterin räumt ein: „Vielleicht kommt es noch." In zwei Jahren sei ja erst Eröffnung.

Auch die Stadt Köln will sich zur Frage, ob und warum am Namensgeber Ernst Moritz Arndt festgehalten wird, noch äußern.

Arndt-Forscher Escher: Franzosenhass ist Leitmotiv

EXPRESS befragte auch den bekannten Historiker Clemens Escher. Der Berliner CDU-Politiker forschte unter anderem über die deutsche Nationalhymne und über Ernst Moritz Arndt. Er sagt: „Eine neue Schule nach Ernst Moritz Arndt zu benennen hielte ich tatsächlich für vollkommen anachronistisch. Welcher Schulträger würde auf eine solche Idee kommen?“

Es bestehe kein Zweifel, dass in Arndts Schriften nationalistische und auch antisemitische Einlassungen vorkommen. „Der Franzosenhass ist das Leitmotiv. Die Forschung spricht von einem kulturellen Frühantisemitismus.“

Dennoch sehe Escher bei einem Übergang von einer bestehenden EMA-Grundschule in einen Neubau eine Namensänderung für nicht erforderlich. Zu einer Feierstunde mit der Büste Arndts und Zitaten des Dichters, „wie zu Kaisers Zeiten oder unter den Nationalsozialisten, dazu würde ich aber in der Tat nicht raten.“

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